Thomas Middelhoff: Was wirklich in seiner Zelle geschah

Thomas Middelhoff: Was wirklich in seiner Zelle geschah

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Wegen regelmäßiger ärztlicher Behandlung schließt das Essener Landgericht eine Fluchtgefahr aus.

von Henryk Hielscher

Schlafentzug im Gefängnis? Ein Bericht des nordrhein-westfälischen Justizministeriums über die "Haftbedingungen von Herrn Middelhoff in der JVA Essen" weckt Zweifel an den Vorwürfen des früheren Starmanagers.

Thomas Middelhoff kann aufatmen. Nach fünf Monaten in Untersuchungshaft kann der frühere Top-Manager die Justizvollzugsanstalt Essen (JVA) wohl bald verlassen. Der Haftbefehl gegen ihn wegen Untreue und Steuerhinterziehung wurde jetzt vom Landgericht Essen unter strikten Auflagen außer Vollzug gesetzt. Bevor er die Haftanstalt verlässt, muss Middelhoff eine Kaution von 895.000 Euro hinterlegen. Außerdem hat er seine Reisepässe abzugeben. Nach Haftentlassung muss er sich regelmäßig bei der Polizei melden und darf Deutschland ohne Genehmigung des Gerichts nicht verlassen.

Die Strafkammer des Essener Landgerichts begründete den Beschluss damit, dass zwar weiterhin dringender Tatverdacht gegeben sei und auch Fluchtgefahr bestehe. Allerdings sei der Fluchtanreiz wegen einer Erkrankung derzeit gemindert, so müsse Middelhoff regelmäßig ärztlich behandelt werden.

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Der Middelhoff-Prozess von A bis Z

  • A wie Arcandor

    Die Pleite des Arcandor-Konzerns (Karstadt, Quelle, Thomas Cook) im Jahr 2009 war einer der spektakulärsten Firmenzusammenbrüche der Nachkriegszeit. Thomas Middelhoff leitete das Unternehmen bis wenige Monate vor dessen Ende. Im Essener Prozess ging es aber nicht um die Pleite selbst, sondern „nur“ um den Verdacht, dass der Manager Arcandor Kosten in Höhe von 1,1 Millionen Euro zu Unrecht in Rechnung gestellt haben soll - vor allem für teure Flüge in Privatjets. Middelhoff weist diese Vorwürfe entschieden zurück.

  • B wie Bombendrohung

    Auslöser für die umfangreiche Nutzung von Privatjets war Middelhoff zufolge eine Bombendrohung gegen ein Linienflugzeug, in dem er gesessen hatte. Danach sei er aus Sicherheitsgründen auf Charterjets umgestiegen. Insgesamt nutzte Middelhoff in seiner Zeit bei Arcandor nach eigenen Angaben 610 Mal Privatjets. Er selbst habe 210 Flüge bezahlt, die übrigen 400 seien Arcandor in Rechnung gestellt worden. Im Prozess geht es allerdings nur um 48 dieser Flüge, bei denen die Staatsanwaltschaft die dienstliche Veranlassung bezweifelt. Deren Gesamtkosten beziffert die Anklage auf 945 000 Euro.

  • C wie Cornelie

    Thomas Middelhoffs sonst eher öffentlichkeitsscheue Ehefrau Cornelie erinnerte sich als Zeugin im Essener Prozess vor allem an die hohe Arbeitsbelastung ihres Mannes in der Arcandor-Zeit: „Er hat eigentlich immer gearbeitet, immer, immer.“

  • D wie Dauerstau

    Dauerstau auf dem Weg zur Arbeit ist für viele Pendler ein Ärgernis - nicht aber für Middelhoff. Als eine Baustelle am Kamener Kreuz die Fahrt zwischen seinem Wohnsitz in Bielefeld und der Konzernzentrale in Essen zur stundenlangen Quälerei machte, stieg er auf Hubschrauber um. Die Rechnung ging an Arcandor. Zu Recht, findet Middelhoff: Er habe so nämlich effizienter arbeiten können. Zu Unrecht, findet die Anklage: Die Kosten für den Arbeitsweg seien Sache des Arbeitnehmers.

  • F wie Festschrift

    Ein weiterer Vorwurf der Anklage: 180 000 Euro habe Arcandor auf Veranlassung Middelhoffs für eine Festschrift zu Ehren des ehemaligen Bertelsmann-Chefs Mark Wössner spendiert. Für die Staatsanwaltschaft ist das Buch ein „persönliches Geschenk“ Middelhoffs an seinen früheren Mentor. Der Manager hätte demnach für das teure Präsent selbst zahlen müssen. Nach Middelhoffs Worten diente die Festschrift dagegen der Verbesserung des Arcandor-Images und der Netzwerkpflege.

  • G wie Gerichtsvollzieher

    Für Middelhoff wurden nach eigener Aussage vor allem die Besuche der Gerichtsvollzieher im Gerichtssaal zur Belastung. Sie nutzten die Gelegenheit, um den im südfranzösischen Saint-Tropez lebenden Manager mit Millionenforderungen seiner Gläubiger zu konfrontieren. In einem Fall pfändete ein Gerichtsvollzieher sogar eine wertvolle Armbanduhr. Die Pfändungsversuche seien demütigend, sagte Middelhoff selbst am Rande des Verfahrens: „Das ist wie ein apokalyptischer Traum.“

  • H wie Haftbefehl

    Zeitweise wurde das Verfahren in Essen von einem drohenden Haftbefehl gegen Middelhoff überschattet. Eine Gerichtsvollzieherin hatte diesen laut einem „Spiegel“-Bericht beantragt, um den Manager im Zusammenhang mit Zahlungsforderungen des Arcandor-Insolvenzverwalters zur Offenlegung seiner Vermögensverhältnisse zu zwingen. Das Thema erledigte sich nach Angaben der Middelhoff-Anwälte aber von selbst, als dessen Managerversicherung eine Haftungsgarantie für 3,4 Millionen Euro übernahm.

Die Aussetzung des Haftbefehls ist für Middelhoff damit nur ein Etappensieg, zumal die Richter auch Zweifel an seiner Version erkennen ließen, dass erst die Haftbedingungen zu der jetzigen Erkrankung geführt hätten. Middelhoffs Anwälte hatten zuvor entsprechende Vorwürfe gegen die Justiz erhoben. Dass ihr Mandant in den ersten Haftwochen wegen möglicher Suizidgefahr auch nachts mindestens alle 15 Minuten kontrolliert worden sei, bezeichneten sie als „unter keinem denkbaren Gesichtspunkt gerechtfertigten Schlafentzug“. Dies habe offenbar das Immunsystem des Mandanten geschwächt.

"Für einen möglichen Zusammenhang zwischen der Erkrankung und dem behaupteten "Schlafentzug" in der JVA Essen haben sich für die Strafkammer weder aus den ärztlichen Unterlagen noch aus den Anhörungen der behandelnden Ärzte Anhaltspunkte ergeben", heißt es dagegen in einer Mitteilung des Gerichts.

Auch ein Bericht des Justizministerium des Landes Nordrhein-Westfalen reagiert über "die Haftbedingungen von Herrn Middelhoff in der JVA Essen", zeichnet ein anderes Bild.

Der Middelhoff-Prozess von A bis Z

  • K wie Katze

    Für Schlagzeilen sorgte Middelhoff, als er im Juli nach einem Besuch beim Gerichtsvollzieher über ein Garagendach vor den wartenden Journalisten flüchtete. Middelhoff selbst schien stolz auf die Aktion: „Ich bin wie die Katze übers Dach. Ich musste drei Meter tief auf eine Garage springen und dann noch einmal drei Meter auf die Straße“, berichtete der 61-Jährige danach. Der Manager hatte beim Gerichtsvollzieher seine Vermögensverhältnisse offenlegen müssen.

  • L wie Limousine

    Trotz des Ärgers mit diversen Gläubigern fuhr Middelhoff an den Verhandlungstagen standesgemäß mit einer Limousine und eigenem Fahrer vor. Allerdings musste er sich nach dem Aussteigen mit allen anderen Anwesenden in die Warteschlange an der Sicherheitsschleuse einreihen.

  • M wie Mittagessen

    Beim Mittagessen zeigte sich Middelhoff an den Prozesstagen bodenständig: Er nahm es in der Regel in der Gerichtskantine ein.

  • P wie Panne

    Der Untreue-Prozess gegen Thomas Middelhoff begann gleich mit einer Panne. Wegen eines Formfehlers des Gerichts am ersten Tag musste das Verfahren am zweiten Tag noch einmal von vorn beginnen. Sowohl die mehr als einstündige Verlesung der Anklage als auch die weit umfangreichere persönliche Erklärung Middelhoffs mussten wiederholt werden. Middelhoff zeigte sich verärgert über die Zeitvergeudung.

  • S wie Schickedanz

    Die Empfehlung, nach der Bombendrohung gegen einen Linienflieger aus Sicherheitsgründen nur noch Charterjets zu nutzen, soll nach den Worten Middelhoffs von der Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz gekommen sein. Sie habe sogar zugesagt, bei Privatflügen die Mehrkosten zu übernehmen, berichtete der Manager. Schickedanz selbst bestritt allerdings als Zeugin eine derartige Zusage vehement.

  • V wie Verteidigung

    Die Verteidigung Middelhoffs hat einen Freispruch für den Angeklagten gefordert. Dagegen verlangte die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten wegen schwerer Untreue - Middelhoff habe den früheren Karstadt-Quelle-Konzern „nach Gutdünken“ mit Kosten seiner zahlreichen externen Nebentätigkeiten belastet.

  • Z wie Zwangsvollstreckung

    Eine bei Middelhoff bei einer Taschenpfändung im Essener Landgericht gepfändete Armbanduhr der Nobelmarke Piaget wurde von der Gerichtsvollzieherin nach Zwangsvollstreckungsrecht im Internet versteigert. Der prominente Vorbesitzer ließ die Uhr für die Bieter offensichtlich attraktiv erscheinen: Obwohl ihr Wert in einem Gutachten lediglich auf 2800 Euro geschätzt wurde, erzielte sie bei der Online-Auktion am Ende einen Preis von 10 350,99 Euro.

Demnach wurde von der Leitung der JVA Essen anfangs eine Suizidgefährdung des Gefangenen angenommen , weshalb Middelhoff angeboten worden sei "mit einem anderen (zuverlässigen) Gefangenen in einem Gemeinschaftraum" inhaftiert zu werden. "Er hat diese Angebote nachdrücklich abgelehnt", heißt es in dem Bericht. In der Folge wurde der Ex-Manager in einer so genannten Beobachtungszelle untergebracht, die auch nachts beleuchtet wird. Damit soll sichergestellt werden, dass die JVA-Mitarbeiter die Zelle kontrollieren und so mögliche Suizidversuche verhindern können. Vom 14. November bis 10. Dezember sowie am 18. und 19 Dezember galt Middelhoff demnach als suizidgefährdet – und wurde entsprechend auch nachts beobachtet. Die JVA-Mitarbeiter hätten dabei im Abstand von 15 Minuten durch den Sichtspion geschaut. "Während der Nachtzeit wurde dazu kurzzeitig die ca. 50 cm lange Neonröhre eingeschaltet". Allerdings sei kaut dem Meldebuch "der Haftraum zur Nachtzeit nicht betreten worden."

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Middelhoff und seine Anwälte scheinen an den Maßnahmen zunächst auch keinen Anstoß genommen zu haben. In einem Gespräch mit dem Leiter des Psychologischen Dienstes "hat er geäußert, er fühle sich auf seiner Abteilung ‚gut aufgehoben‘ und ‚er schätze die Art des Umgangs der Bediensteten mit ihm‘", heißt es in dem Bericht.

Zudem hätten "in der gesamten Zeit, in der die Beobachtung durchgeführt worden ist, weder der Gefangene noch seine Verteidiger oder seine Angehörigen gegenüber Bediensteten der Justizvollzugsanstalt Essen vorgetragen, er werde durch die Beobachtung übermäßig belastet." Middelhoff hätte jederzeit auf einem Gemeinschaftshaftraum untergebracht werden können und habe fast ständig mit dem psychologischen Dienst in Kontakt gestanden.

Die Klagen über einen angeblichen "Schlafentzug" seien der JVA-Leitung erst durch Medienberichte, fast drei Monate nach Beendigung der Sicherungsmaßnahmen, bekannt geworden.

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