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exklusiv Versandhandel: Management trieb Neckermann in den Ruin

von Henryk Hielscher

Die Versandhaus-Ikone Neckermann scheiterte nicht nur, weil der amerikanische Finanzinvestor Sun Capital den Geldhahn zudrehte. Auch das Management in Frankfurt patzte.

Neckermann

Es ist der dritte Pflegefall aus dem Arcandor-Nachlass. 2010 kaufte der amerikanische Finanzinvestor Sun Capital den Versandhändler und strukturiert kräftig um. Das Geschäft mit gedruckten Katalogen wurde eingestampft. 1.400 der 2.500 Stellen in Deutschland fallen dem zum Opfer. Die Mitarbeiter fordern Abfindungen; die Konzernspitze beklagt, dazu fehle das Geld.

Nun hat sich Verdi und das Management über den weiteren Abbau von 1380 Arbeitsplätze nicht einigen können. Sun Capital werde keine weiteren Mittel für die Finanzierung zur Verfügung stellen, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Damit ist das Unternehmen pleite.

Bild: dpa

Die Botschaft kam per Blackberry: "Nachricht schockt mich", schrieb Johannes Neckermann, Sohn des 1992 verstorbenen Unternehmensgründers Josef Neckermann, vergangenen Mittwoch um 21.15 Uhr, der WirtschaftsWoche. "Wir wussten zwar, dass die Situation bei Neckermann kritisch ist, mit einer ‚Aufgabe‘ habe ich aber ganz und gar nicht gerechnet", textete der Nachkomme, der in den Siebzigerjahren in der Geschäftsführung des Versandhauses tätig war.

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Wenige Stunden zuvor hatte das Management des maroden Traditionsversenders Insolvenz angemeldet. Nach Hertie, Quelle und Schlecker steht damit eine weitere deutsche Handelsikone vor dem Aus, von deren Pleite offenbar als Kreditgeber auch das Essener Bankhaus Valovis betroffen ist.

Neckermann – der Name galt lange Zeit als Inbegriff für die Konsumfreuden der bundesdeutschen Nachkriegsära. Egal, ob Necko-Mopeds, Waschmaschinen oder Fertighäuser – "Neckermann macht’s möglich" war in der Bonner Republik als Werbespruch allgegenwärtig. Die telefonbuchdicken Kataloge gehörten zum deutschen Wirtschaftswunder wie sonst nur die Zigarren von Ludwig Erhard.

Der Niedergang von Neckermann.de

  • 2006

    Aus der Neckermann Versand AG wird Neckermann.de. Die Umbenennung steht für den neuen Fokus auf Online-Versandhandel.

  • 2007

    Das Unternehmen wird mehrheitlich an den US-Investor Sun Capital verkauft, ein Stellenabbau folgt.

  • 2010

    Nach der Pleite des KarstadtQuelle-Nachfolgers Arcandor übernimmt Sun Capital auch die übrigen Anteile an Neckermann.de. Der Versandhändler hat sich nach Verlusten mit einem starken Wachstum im Online-Geschäft wieder berappelt.

  • April 2012

    Das Unternehmen will mehr als jede zweite Stelle streichen, verabschiedet sich aus dem schrumpfenden Kataloggeschäft und will nun voll auf den Online-Handel setzen. Es war 2011 Berichten zufolge zurück in die Verlustzone gerutscht. 1380 Jobs sollen entfallen, der größte Teil am Stammsitz in Frankfurt. Das Logistikzentrum in Frankfurt, das vor allem Textilien ausliefert, soll dichtgemacht, das Eigentextilsortiment und die Kataloge sollen eingestellt werden. Gewerkschaft Verdi und Betriebsrat reagieren entsetzt. Sie wollen in Verhandlungen mit der Unternehmensleitung möglichst viele Arbeitsplätze erhalten.

  • Mai 2012

    Der Betriebsrat legt ein grobes Konzept zum Erhalt Hunderter Arbeitsplätze vor. Er will entgegen den Plänen der Geschäftsleitung am eigenen Textilangebot festhalten. Das Logistikzentrum in Frankfurt könne zum Online-Dienstleister für stationäre Textilketten werden. Geschäftsleitung und der Finanzinvestor Sun Capital lehnen das Alternativkonzept nach Angaben der Gewerkschaft jedoch ab.

  • Juni 2012

    Die Gewerkschaft Verdi verlangt einen Tarifvertrag, in dem ein Sozialplan und eine Beschäftigungsgesellschaft geregelt sind. Eine erste Verhandlungsrunde mit dem Unternehmen endet ergebnislos. Die Beschäftigten reagieren mit Streiks.

  • Juli 2012

    Neckermann.de stellt Insolvenzantrag. Der Eigentümer, der US-Finanzinvestor Sun Capital, stellt keine weiteren Mittel für die Finanzierung zur Verfügung. Der Investor hält eine nach schwierigen Verhandlungen erzielte Lösung zwischen Management und Gewerkschaft Verdi zum geplanten Stellenabbau für nicht tragfähig.

Wechselvolle Geschichte

Doch schon Mitte der Siebzigerjahre war der Zenit überschritten. Kurz vor der Pleite musste die Neckermann-Familie ihr Unternehmen an den Rivalen Karstadt abgeben, der es später an den US-Finanzinvestor Sun Capital weiterreichte. Nun fällt Sun Capital die Rolle des Totengräbers zu.

Der Eigentümer stelle trotz einer Einigung zwischen dem Neckermann-Management und der Gewerkschaft Verdi über einen Sanierungsplan keine weiteren Mittel für die Finanzierung zur Verfügung, begründete das Unternehmen den Insolvenzantrag und schob die Schuldfrage so dem Finanzinvestor zu.

Nach Ansicht des Handelsexperten Jörg Funder, geschäftsführender Direktor des Instituts für internationales Handelsmanagement in Worms, trägt aber die Neckermann-Führungsspitze um Henning Koopmann mindestens eine Mitschuld an dem Desaster. "Sowohl die Strategie war falsch als auch die Umsetzung der Restrukturierung", bilanziert Funder.

4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 23.07.2012, 08:21 Uhrzarromanowski

    Sehr geehrter Herr Hielscher, Sie berichten hier über ein Unternehmen, das im klassischen Sinn kein Unternehmen mehr ist - Neckermann ist ein Konglomerat bestehend aus Nichthaftern. Viele Organisationen werden in der BRD als Unternehmen bezeichnet, obwohl kein einziger "echter" Unternehmer in der Geschäftsführung ist, damit fehlt jeglicher unternehmerischer Geist in solchen Unternehmen, der z.B. den deutschen Mittelstand auszeichnet,einen Mittelstand der den ethischen Wertekanon des Abendlandes noch pflegt. Einige Unternehmesformen in Deutschland dienen nur noch der persönlichen Haftungslossagung und damit der Verantwortungslosigkeit diverser Nichthafter-Geschäftsführungen. Dagegen gelten Vollhafter ja inzwischen als "unmodern" und werden von der Gesellschaft belächelt und verhöhnt. Wenn eine Gesellschaft sich vom Unternehmertum verabschiedet, dann wir sie sich mittelfristig selbst zerfleischen, da die anerzogenen Werte permanent von Nichthafterfiguren in Wirtschaft und Politik mißachtet werden.

  • 22.07.2012, 19:55 Uhrjoerndominik

    Ach ja, da haben wir ja endlich die Lösung! Und den anderen
    klassischen Versandhäusern in Deutschland geht es überaus prächtig?
    Weiter so, ihr mit Blindheit geschlagenen Wirtschaftsexperten!
    Wartet mal ab, der Tag ist nicht fern, wo das nächste Versandhaus
    und der nächste Kaufhauskonzern auf der Kippe stehen.

  • 22.07.2012, 15:28 UhrPfuideibel

    Wenn ich schon das Wort "Management" höre bekommen ich ein Kropf.
    Diese unfähige überbezahlte jasager Kaste hätten in der freien Wirtschaft als Unternehmer keine Überlebenschance.

    In einem süddeutschen Automobilunternehmen habe ich diese "Brüder" und "Schwestern" hautnah erlebt.
    Speichellecker und Fussabstreifer.

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