Versandriesen: So macht Amazon unsere Innenstädte platt

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Versandriesen: So macht Amazon unsere Innenstädte platt

von Henryk Hielscher, Nele Hansen

Dem brachialen Expansionsdrang von Online-Giganten wie Amazon, Zalando und Co. haben viele kleine Geschäfte und Ketten immer weniger entgegenzusetzen – und machen dicht. Was die Abwanderung der Kunden ins Netz für die Innenstädte und den stationären Einzelhandel wirklich bedeutet.

Das Begräbnis zog sich über Wochen hin. Die Insolvenzverwalterin sprach mit Investoren – die winkten ab. Sie verhandelte mit Vermietern – die zeigten sich stur. Am Ende blieb Julia Kappel-Gnirs nur der Ausverkauf des Kaufhauses Joh im hessischen Gelnhausen. Mitte September, 253 Jahre nachdem der Schneidermeister David Joh das Handelshaus gegründet hatte, musste das Unternehmen den Geschäftsbetrieb einstellen.

Joh? Gelnhausen? Selbst den Fachmedien der Fashion-Welt war die Provinzpleite allenfalls eine Randnotiz wert. Dabei gibt das Handelsdrama im Hessischen einen Vorgeschmack auf das Schicksal Hunderter Läden in den kommenden Jahren, taugt die vierstöckige Einkaufsruine als Anschauungsobjekt für den Niedergang der Fachgeschäfte.

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Jahrelang war Joh der Platzhirsch im Ort – bis immer mehr Kunden das Internet als Shoppingstätte entdeckten. Und dem „Expansionsdrang von Online-Giganten wie Amazon hatte der mittelständische Händler zu wenig entgegenzusetzen“, sagt Insolvenzverwalterin Kappel-Gnirs.

Umsatz des Online- und Versandhandels in Deutschland

Wachstumsfaktor Internet: Umsatz des Online- und Versandhandels in Deutschland. Klicken Sie auf die Grafik, um eine vergrößerte Ansicht zu erhalten.

Kaufkraft fließt ins Netz ab

Sicher, nicht nur der Boom des Online-Handels trägt Schuld, nicht Amazon allein ist der Totengräber des Traditionsgeschäfts. Doch wie überall in der Republik bestellen auch die 22.000 Einwohner von Gelnhausen mehr und mehr online, fließt Kaufkraft massiv ins Netz ab und geraten in der Folge Läden ins Straucheln. Die Warensendungen der Online-Riesen werden so letztlich zu Paketbomben für die Innenstädte: Deutschland droht der große Ladenschluss.

Amazon ist dabei nur ein Angreifer unter vielen und gilt dennoch als Inbegriff der digitalen Bedrohung und Brandbeschleuniger des stationären Niedergangs, obgleich eine Unternehmenssprecherin betont, Amazon würde sich auf die Kunden fokussieren, „nicht auf den Wettbewerb“.

Wie kein zweites Unternehmen kapert der Konzern nach und nach sämtliche Sortimentsbereiche, verkauft neben Büchern längst auch Blusen, Bohrmaschinen und Badarmaturen und setzt nebenbei die Standards in Sachen Kundenfreundlichkeit, Lieferzeit und Preis. „Wir wollen das Geschäft sein, in dem man alles findet, was man nur kaufen möchte“, hatte Jeff Bezos, Chef und Gründer des Versandgiganten, einst seine Kriegserklärung an die Zunft formuliert. „To be Amazoned“ bedeutet seither für Filialisten auf der ganzen Welt, „hilflos zusehen zu müssen, während der Online-Parvenü aus Seattle ihnen Kundschaft und Profite ihres konventionellen Geschäfts absaugt“, schreibt Bezos-Biograf Brad Stone. Auch hierzulande empfinden viele Händler den zu einem breiten Lächeln gekrümmten Pfeil, den Amazon als Logo auf die Warenkartons druckt, nur noch als blanken Hohn.

Entwicklung des Marktanteils traditioneller Fachgeschäfte am Einzelhandelsumsatz in Deutschland

Entwicklung des Marktanteils traditioneller Fachgeschäfte am Einzelhandelsumsatz in Deutschland. Klicken Sie auf die Grafik, um eine vergrößerte Ansicht zu erhalten.

Strukturelles Ungemach

Die Einschläge spüren nicht nur Lokalmatadoren wie Joh. Das Drama um die angeschlagene Warenhauskette Karstadt beherrscht seit Monaten die Schlagzeilen. Die Mitarbeiter der Buchhandelsketten Weltbild und Thalia bangen um ihre Jobs. Der Schuhhändler Görtz schließt Filialen. Der Elektronikhändler ProMarkt wird abgewickelt. Die Modekette Esprit muss kämpfen – ebenso wie der Textildiscounter NKD. Mühelos lässt sich der Reigen der Sanierungsfälle ergänzen.

So unterschiedlich die betroffenen Unternehmen auch sind, allen gemein ist: Zu hausgemachten Problemen kommt strukturelles Ungemach, sprich die Abwanderung der Kunden ins Netz. „Dieser Prozess wird sich mit hoher Taktzahl fortsetzen“, ist der frühere Aldi-Süd-Chef Ulrich Wolters überzeugt. Der stationäre Handel werde zwar nicht aussterben, so Wolters gegenüber der WirtschaftsWoche, aber für viele kleine Ladenbetreiber werde es eng.

Längst findet sich die Branche mit drei Millionen Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 428 Milliarden Euro auf den Beobachtungslisten von Sanierungsexperten. „Der stationäre Handel verliert immer dramatischer an das Internet“, konstatiert Johann Stohner von der internationalen Beratung Alvarez & Marsal. „Das muss zwangsläufig zu Verwerfungen führen“, sagt der Ulmer Insolvenzverwalter Michael Pluta.

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25 Kommentare zu Versandriesen: So macht Amazon unsere Innenstädte platt

  • Bisher stöhnt noch jede größere Stadt in Deutschland über Verkehrsprobleme, Parkplatznot, Dreck und alles andere, was mit einem frequentierten Marktplatz einher geht (Feinstaubzonen, Straßenrückbau, autofreie Städte). Gleichzeitig wird dann über die Outlets auf der grünen Wiese gejammert. Fachberatung ist in den meisten Geschäften mittlerweile Mangelware, weil entsprechend geschultes Personal zu teuer wäre. Vom naturgemäß begrenzten Sortiment des Einzelhandels brauchen wir nicht zu reden.

    So bleibt dann meist ein Ladenpreis, der für den Kunden immer höher sein muss, weil der Onlinehändler sich eine ganze Ebene an Kosten spart. Im Gegenzug bekommt der Kunde ein zumeist austauschbares Gut und kaum bis keinen Mehrwert. Im Gegenteil, er darf sich entweder dem umständlichen deutschen ÖPNV anvertrauen oder sich mit seinem Fahrzeug durch die Staus auf rückgebauten Straßen kämpfen, um saftige Parkgebühren abzudrücken. Die Alternative im Onlinehandel besteht aus einer fast unbegrenzten Auswahl an Artikeln bei einer Tasse Kaffee ohne jeden Streß in den eigenen vier Wänden bei geringerem Endpreis. ISt doch logisch, wer da den Kürzeren zieht.

    Zudem: wenn Sie mal die Haupteinkaufsmeilen von 20 deutschen Städten hoch und runter marschieren, sehen die alle gleich aus. Nur die Anordnung der vertretenen Handelsketten variiert. Das befürchtete Händlersterben hat also nicht erst begonnen, sondern steht vor dem Abschluss. Als nächstes erwischt es die Ketten. Und um die ist es zumeist nicht schade...

  • Onlinehandel bedeutet in erster Konsequenz absolute Transparenz und Vergleichbarkeit über Verkaufspreise aller Produkte und Anbieter. Onlinekäufer sind "Preiskäufer" und daran wird sich auch nichts ändern, im Gegenteil. Sinkende reale Kaufkraft immer größerer Bevölkerungskreise erzwingt praktisch zum kostengünstigsten Einkauf. Viele Menschen haben selber Bekannte oder Angehörige die im Einzel- oder Fachhandel beschäftigt sind und Abwanderung zunehmender Umsätze ins Web von Jobverlust bedroht sind, aber bei Geld hört "die Freundschaft ja bekanntlich auf". Somit ist dem weiteren Siegeszug des Onlinehandels nichts entgegen zu setzen. Ladengeschäfte sind nun mal, besonders in teueren Innenstadtlagen, mit hohen Mietkosten und teurem Personal kaum mehrt wettbewerbsfähig. Während die Onlineriesen mit Lohndumping und gigantischen Einkaufsnachlässen bezogen auf die getätigten Umsätze in der gesamten "Wertschöpfungskette" punkten können, und noch dazu kaum Steuern für ihre Gewinne im Land zahlen, fast kostenfrei und hoch subventioniert die gesamte Infrastruktur des Landes nutzen, werden die stationären Geschäfte überproportional belastetet. Den Kampf kann man nicht gewinnen. So traurig es ist, wir alle werden uns dran gewöhnen müssen, das in einigen Jahren nur noch in großen Städten mit leistungsfähigen Filialisten die "nebenbei auch noch professionell Onlinehandel betreiben" direktes Einkaufserlebnis möglich ist. Erst wenn etwas nicht mehr da ist, bemerkt man, was man verloren hat.

  • Da sprechen Sie mir aus dem Herzen. Weg mit der Einzelhandelsmafia. Die haben uns lange genug gegängelt. Gibt's nicht. Ham wa nicht. Könn wa nicht. Aus ist's mit euch!!

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