Warenhauskonzern: Sanierung von Karstadt kostet mehr als 200 Millionen

Warenhauskonzern: Sanierung von Karstadt kostet mehr als 200 Millionen

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Experten malen ein eher düsteres Bild für den Warenhaus-Konzern Karstadt.

Die 17000 Karstadt-Beschäftigten haben bislang vergebens auf den großen Befreiungsschlag nach dem Einstieg von René Benko gewartet. Stattdessen ist von Schließungen und Stellenstreichungen die Rede. Experten malen ein düsteres Bild.

Dunkle Wolken über Karstadt: Nach der mit Spannung erwarteten Krisensitzung des Karstadt-Aufsichtsrats wächst nun die Sorge um die Zukunft des Essener Traditionsunternehmens. Wer auf einen Befreiungsschlag und größere Investitionen in die Modernisierung durch den neuen Karstadt-Eigentümer René Benko gehofft hatte, wurde enttäuscht. Der harte Sanierungskurs, den er mit dem seit Jahren in der Krise steckenden Warenhauskonzern einschlägt, lässt eine düstere Zukunft für die Karstadt-Mitarbeiter erahnen.

Stellenstreichungen unter den 17 000 Beschäftigten und das Aus für ganze Filialen sind bei Karstadt plötzlich kein Tabu mehr - auch wenn es bei der Sitzung am vergangenen Donnerstag zunächst nicht um die Schließung konkreter Standorte ging. Für weitere Beratungen hat sich der Aufsichtsrat eine Frist von sechs Wochen bis zum nächsten Treffen Ende Oktober gesetzt.

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Karstadts Krisen-Chronik

  • Keine Wende

    Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt 2009 in die Insolvenz gerutscht. Im Juni 2010 stieg Investor Nicolas Berggruen ein. Von seinem Einspringen wurde die Wende erhofft. Die Chronik der Krise.

  • 2009

    Für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften - darunter die Karstadt Warenhaus GmbH - wird am 1. September 2009 das Insolvenzverfahren eröffnet.

    Am 1. Dezember wird bekannt, dass zehn Karstadt-Standorte mit teils mehreren Häusern nach Angaben der Insolvenzverwaltung geschlossen werden sollen. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen.

  • Erstes Halbjahr 2010

    Beim Essener Amtsgericht wird am 15. März ein Insolvenzplan vorgelegt. Am 12. April stimmen die Gläubiger dem Plan zu. Am 1. Juni haben von bundesweit 94 Kommunen bis auf drei bereits alle einem Verzicht auf die Gewerbesteuer zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher. Nur sechs Tage später erhält die Berggruen Holding vom Gläubigerausschuss den Zuschlag zur Übernahme. Einen Tag später unterschreibt Berggruen den Kaufvertrag unter Vorbehalt. Berggruen fordert vom Karstadt-Standortvermieter Highstreet deutliche Mietsenkungen. Am 14. Juni endet eine erste Verhandlungsrunde zu den künftigen Mieten ohne Ergebnis. Am 20. Juni lehnt Berggruen ein Angebot von Highstreet über Mietsenkungen von mehr als 400 Millionen Euro ab.

  • Zweites Halbjahr 2010

    Am 26. August hat sich Berggruen mit der Essener Valovis-Bank geeinigt: Die Bank hatte Highstreet ein Darlehen über 850 Millionen Euro gewährt und dafür im Gegenzug 53 Waren-, Sport- und Parkhäuser als Sicherheit erhalten. Man habe sich unter anderem darauf verständigt, dass Berggruen dieses Darlehen bis 2014 ablösen könne, heißt es. Am 2. September stimmen die Highstreet-Gläubiger den geforderten Mietsenkungen zu.

    Am 30. September hebt das Essener Amtsgericht das Insolvenzverfahren auf. Damit erhält Berggruen zum 1. Oktober die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro. Die Belegschaft verzichtet auf 150 Millionen Euro.

    23. November: Der frühere Woolworth-Manager Andrew Jennings wird zum neuen Karstadt-Chef bestellt. Er beginnt Anfang Januar 2011.

  • 2011

    Jennings legt am 6. Juli das Konzept „Karstadt 2015“ vor: Modernisierung der Warenhäuser, stärkeres Online-Geschäft und Expansion der Sporthäuser sind der Kern.

  • 2012

    Am 16. Juli kündigt Karstadt die Streichung von 2000 Stellen an.

  • 2013

    Karstadt kündigt am 13. April 2013 eine „Tarifpause“ für die Beschäftigten an. Am 9. Juni bestätigt das Unternehmen, dass der Vertrag von Karstadt-Chef Jennings zum Jahresende ausläuft.

  • 2014

    Im Februar kommt Ikea-Managerin Eva-Lotta Sjöstedt nach Essen und übernimmt den Geschäftsführerposten. Am 7. Juli legt Sjösted nach nur fünf Monaten alle Ämter nieder. Als Grund dafür nennt sie, dass die „Voraussetzungen“ für den von ihr angestrebten Weg nicht mehr gegeben seien.

  • Der Neue

    Der Österreicher René Benko kauft Karstadt im August für nur einen Euro. Der bisherige Eigentümer Nicolas Berggruen zieht sich komplett zurück. Die Sanierungsaufgaben bleiben gewaltig.

Am Wochenende sickerten jedoch bereits erste Zahlen zu möglichen Sanierungsplänen durch. Die „Bild am Sonntag“ zitierte aus einem achtseitigen Konzept, mit dem das Kontrollgremium Führungskräfte auf einen harten Sanierungskurs einstimmt. Mindestens 209 Millionen Euro koste eine Sanierung. Den 83 Filialen stünden Einschnitte bevor: Weniger Personal, weniger Kassen. Daneben sollen allein in der Essener Zentrale 20 Prozent der Stellen abgebaut werden, berichtet das Blatt.

Um Karstadt jetzt noch zu retten, wäre eine „umfassende Sanierung“ notwendig, fordert auch der Sanierungsfachmann Harald Linné von der Managementberatung Atreus. „Die Chance für andere Optionen wurde in den letzten Jahren verpasst“, so Linné. Benko-Vorgänger Nicolas Berggruen habe nicht zur die „Komplexität des Problemfalls“ unterschätzt, sondern auch in „fahrlässiger Art und Weise“ nicht in die Weiterentwicklung des Unternehmens investiert.

Karstadt Ein Befreiungsschlag sieht anders aus

Stundenlanges Gezerre, wenig Resultate: Der Aufsichtsrat von Karstadt beteuert, dass der Warenhauskonzern saniert werden soll – mal wieder. Wie die Wende gelingen soll, bleibt weiter offen.

Der Aufsichtsrat von Karstadt beteuert, dass der Warenhauskonzern saniert werden soll. Der Weg dahin ist weiter unklar. Quelle: REUTERS

Vor allem die Beschäftigten des Warenhausunternehmens sind alarmiert: „Man bereitet die Arbeitnehmervertreter auf harte Einschnitte vor und vertagt das bis zur nächsten Sitzung“, beschreibt Experte Gerd Hessert von der Universität Leipzig die aktuelle Situation. Von dem Personalabbau könnten nach Auffassung des Experten bis zu 4000 Beschäftigte betroffen sein. Von 83 Karstadt-Standorten verbucht er derzeit 29 Läden in der Kategorie „Rückzug“, also Verkleinerung oder gar Abwicklung. Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein sieht sogar „zwischen 30 und 40“ Standorte in Gefahr.

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„Man überprüft jede Filiale, ob ein Personalabbau notwendig ist“, so Hessert. Doch die Personaldecke in den Warenhäusern sei schon deutlich ausgedünnt: Wo noch vor einigen Jahren ein Verkäufer im Warenhaus durchschnittlich für eine Fläche von 60 Quadratmetern zuständig gewesen sei, liege dieser Wert heute schon bei etwa 76 Quadratmetern. „Die kritische Personaldecke ist in vielen Warenhäusern bereits unterschritten“, stellte Heinemann fest.

Gut laufende Karstadt-Filalen könnten von Benko in seine Premium-Group eingegliedert werden, meinte Hessert. Auf längere Frist sieht er - unabhängig von dem jeweiligen Eigentümer - jedoch nur eine Überlebenschance für eine Minderheit unter den Warenhäusern: „Ich glaube, dass in Deutschland von aktuell 191 Warenhausstandorten langfristig 70 Bestand haben“, meinte er.

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