Wein: Die skurrilen Methoden deutscher Spitzenwinzer

Wein: Die skurrilen Methoden deutscher Spitzenwinzer

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Kuhhörner gefüllt mit Dung sollen die besten Böden für perfekte Weine schaffen.

von Katharina Matheis

Hokuspokus oder Gewinntreiber? Kuhhörner gefüllt mit Dung, Tiergekröse voll Kräuter - Winzer lassen sich mitunter sonderbare Präparate einfallen, die die besten Böden für perfekte Weine schaffen sollen. Das lohnt sich.

Peter Jakob Kühn, daran sei an diesem Frühsommertag erinnert, ist für den bekanntesten deutschen Wein-Guide „Gault Millau“ Winzer des Jahres 2015. Seine Weine schenkt man in den besten Restaurants des Landes aus, keine seiner Flaschen findet für weniger als zehn Euro den Weg zum Kunden, und jetzt steht dieser 62-Jährige auf einer abschüssigen Wildkräuterwiese und gräbt einen Schatz aus. Seit einer Stunde ist er mit Spaten und Beil zugange, jetzt kniet er am Rand der metertiefen Grube, beugt sich hinein und holt hervor: zersetzte Kuhdärme voll verrotteter Kamillenblüten, verweste Hirschblasen mit Scharfgarbe, Kuhhörner gefüllt mit Gülle. „Wie schön“, murmelt er und schabt mit einem Teelöffel Erde vom Gekröse ab.

Kühn packt seinen Schatz vorsichtig in hellrote Tongefäße, die wie große Vasen aussehen. Zurück auf dem Hof wird er aus den mysteriösen Mittelchen einen Sud ansetzen, den er später über seine Reben spritzen wird. Gute Böden soll das bringen, gesunde Reben, den perfekten Wein. Kühn sagt: „Keine noch so ausgefeilte Technologie kann leisten, was die Natur leistet. Chemie schafft nur Distanz. Wir wollen Nähe.“

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Die Szene mag außergewöhnlich anmuten, selten aber ist sie nicht. Kühn gehört zum Verband Deutscher Prädikatsweingüter, der hochkarätigste Winzer-Bund der Republik. Eine Gilde an Winzern, die in einem Dilemma steckt: Nie zuvor gab es in Deutschland so viele Qualitätsweine, nie zuvor solche auf Perfektion getrimmten Produkte. Über 96 Prozent der deutschen Weine sind als Qualitätsweine oder höher deklariert. Im Durchschnitt geben die Deutschen jedoch nicht mehr als 2,33 Euro für eine Flasche deutschen Wein aus.

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Ein Winzer mit spiritueller Bodenpflege

Wer vernünftige Preise erzielen will, muss sich abgrenzen: durch Handarbeit, Einzigartigkeit, noch mehr Qualität – und die finden immer mehr Winzer in der Rückkehr zum Natürlichen. Manche wie Kühn aus Überzeugung, einige auch aus Geschäftssinn. Das Ergebnis ist das gleiche: Die besten und größten Weingüter in Deutschland stellen immer häufiger auf biologischen Weinbau um. Die Anbauflächen im Ökoweinbau haben sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdreifacht. Doch wer es richtig ernst meint, verzichtet nicht nur einfach auf Dünger und Pestizide, er rebelliert gegen den modernen Weinbau mithilfe der Biodynamie, jener Hexenküche aus Hornpräparaten und Mondeinwirkungen. Mehr als 50 Betriebe haben sich allein im vergangenen Jahr vom größten Verband Demeter zertifizieren und besiegeln lassen.

Aberglaube? Die einen sagen so, die anderen so. Ein gutes Geschäft? Ganz sicher. Und zwar nicht, weil das Gros der Kunden von der Wirkung der sonderbaren Weinbergspflege besonders überzeugt wäre – sondern weil es den Betrieben gelingt, sich dadurch in Sachen Qualität noch einmal deutlich zu steigern. Viele so erzeugte Weine aus Spitzenweingütern zählen zu den besten Tropfen, die derzeit in Deutschland von den einschlägigen Journalen und Guides bewertet werden. Und längst entdeckt auch der klassische Handel das Geschäft.

Dennoch ist das so eine Sache mit dem unkonventionellen Weg. „Ich muss immer schauen, wie weit ich gehen kann, wenn ich davon erzähle“, sagt Vorreiter Kühn. In seiner Werbung erwähnt er die Kuhhörner nicht. Er will niemanden verstören, die Menschen sollen seine Weine mögen. Wie er dahin gelangt, muss dabei nicht unbedingt interessieren. Kühn erzählt seine Geschichte gerne dem, der sie hören will, drängt sie aber niemandem auf.

Vieles, was auf Kühns Weingut passiert, hat auf den ersten Blick nichts mit Wein zu tun – und macht dennoch viel Arbeit. Biodynamische Winzer gehen weit über die gesetzlichen Ökorichtlinien hinaus, weil sie nicht nur auf chemischen Pflanzenschutz und Düngemittel verzichten, sondern neben den vergrabenen Präparaten zum Beispiel auch die Rücksichtnahme auf Mondphasen in ihre Weinbergsarbeit einfließen lassen.

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