Werbesprech: Kaufen Sie online, solange es noch geht

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kolumneWerbesprech: Kaufen Sie online, solange es noch geht

Kolumne von Thomas Koch

Kaum eine Branche boomt so wie der Onlinehandel. Die Zuwachsraten scheinen derzeit in den Himmel zu wachsen. Doch möglicherweise hat der „interaktive Handel“ seine Rechnung ohne den Wirt gemacht. Vieles spricht dafür, dass die Branche sehr bald an ihre natürlichen Grenzen stößt.

Amazon, weltweiter E-Commerce-Marktführer und Vorantreiber der digitalen Versandwelt, testet angeblich Flugdrohnen und will künftig Pakete bereits ausliefern, bevor der Kunde überhaupt bestellt hat. Das klingt nach Science Fiction - und könnte Fiction bleiben. Die Online-Versender stehen nämlich vor überaus bodenständigen Problemen, mit denen sie scheinbar in ihren kühnsten Träumen nicht gerechnet haben.

Kaum eine Branche boomt so wie der von heftigen Werbemaßnahmen vorangetriebene E-Commerce. Nach einem  Umsatzplus von 44 Prozent im sogenannten „interaktiven Handel“ bereits nach den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres meldete der Bundesverband des Deutschen Versandhandels auch für das Weihnachtsgeschäft ein Wachstum von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Währenddessen mussten die stationären Einzelhändler einen herben Rückschlag hinnehmen und hatten 2,3 Prozent weniger in den Kassen.

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Werbesprech Der E-Commerce und seine Kollateral-Schäden

Der Online-Handel boomt wie nie zuvor. Doch der Wettbewerb um den Preis führt zum endgültigen Ende der Servicequalität. Für den Drahtseilakt zwischen „Gut“ und „Günstig“ kann aber es nur eine Lösung geben.

Quelle: dpa

Doch solche Nachrichten könnten bald der Vergangenheit angehören. Zunächst belastet das Thema Rückläufe die Branche nach wie vor. Kostenloser Versand wie auch die ebenso kostenlosen Retouren führten gerüchteweise zu Rücklaufquoten von bis zu 70 Prozent. Viele Kundinnen schrien förmlich vor Glück, gewöhnten sich schnell daran, sechs paar Schuhe zu bestellen, aus ihrem Wohnzimmer quasi einen Schuhladen zu machen und mindestens fünf Paar wieder zurückzuschicken. Doch bei zu hohen Retourkosten griffen Händler wie Amazon bereits drastisch durch und sperrten Kunden die Konten, was jedoch die Verbraucherschützer auf den Plan rief, die Amazon dafür kurzerhand abmahnten.

Damit nicht genug, entfachen die Paketdienste nun eine Diskussion um die Anlieferung selbst. Kostendeckend arbeiten sie nur, wenn es ihnen gelingt, das Paket beim ersten Stopp abzuliefern. Doch die eifrigsten Online-Besteller, Singles und Berufstätige, treffen sie selten an. Das Paket beim genervten Nachbarn oder bei einer Paketstelle abzugeben, kostet den im Schichtdienst schlecht bezahlten Zustellern zu viel Zeit und zu viel Geld. Daher wollen sie, dass die Kunden ihre Pakete selbst abholen, wie dies in Schweden bereits der Fall ist. Die bequemen Kunden, verärgert über die Zunahme unauffindbarer Pakete, werden jedoch kaum bereit sein, sich in die endlosen Warteschlangen bei den Abholstellen zu stellen.

Umweltbewusst, wie sich viele Verbraucher zeigen, sind die derzeitigen Steigerungsraten im Onlinehandel ohnehin schwer zu rechtfertigen. In der Vorweihnachtszeit war es kein Einzelfall, wenn an einem einzigen Tag die diversen Paketboten bis zu fünfmal vorfuhren. Nun will Amazon zu den bestehenden sechs Paketdiensten in Deutschland noch einen eigenen Paketdienst aufbauen. Wenn also erst eine Diskussion um die Umweltverträglichkeit des Online-Gewerbes beginnt, haben Amazon, Ebay, Zalando & Co. ganz schlechte Karten.

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