Windeln.de: Ein Wachstumsstar wird zum Sanierungsfall

Windeln.de: Ein Wachstumsstar wird zum Sanierungsfall

, aktualisiert 28. Juli 2016, 15:42 Uhr
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Bessere Zeiten: Finanzvorstand Nikolaus Weinberger, Alexander Brand und Konstantin Urban (von links), Gründer und Vorstände von Windeln.de, im Mai 2015 beim Börsengang.

von Christoph KapalschinskiQuelle:Handelsblatt Online

Windeln.de galt als Wachstumswert - und stürzte an der Börse ab. Jetzt entlassen die Münchner 100 Mitarbeiter und versprechen Gewinne, noch bevor das Geld aus dem Börsengang verbraucht ist.

Hamburg18 Euro kostete die Aktie von Windeln.de bei ihrem Börsengang im Mai 2015. Heute, gut ein Jahr später, notiert das Papier unter vier Euro. Das bleibt nicht ohne Folgen: 100 Mitarbeiter müssen gehen, ein Teil des Geschäfts wird aufgegeben, ein Lager von Deutschland nach Polen verschoben. Das am heutigen Mittwoch in einer Ad-hoc-Mitteilung verkündete Bündel an Maßnahmen soll den Münchener Online-Händler mittelfristig zu Gewinnen führen, sagte Finanzchef Nikolaus Weinberger dem Handelsblatt.

Im Frühjahr hatte eine andere Eilmeldung des Händlers eine riskante Entwicklung im Geschäftsmodell gezeigt: Windeln.de machte 2015 die Hälfte seines Umsatzes mit Exporten nach China. Besorgte chinesische Eltern bestellen seit Lebensmittelskandalen vor allem Babymilch gern in Europa. Davon profitierte Windeln.de - und erhöhte zugleich sein Risiko.

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Neue chinesische Zollvorschriften erschweren seit Anfang 2016 den grenzüberschreitenden E-Commerce. Das schreckte Kunden ab, die befürchteten, ihr Paket könne bei Zoll liegenbleiben. Im April und Mai brachen die Bestellungen aus China bei Windeln.de um ein Viertel ein. Es folgte eine Gewinnwarnung, von dem sich der Aktienkurs bis heute nicht erholt hat.

Und auch der nun verkündete Strategieschwenk konnte die Aktie nicht aus dem Keller holen. Ursache sind die schwachen Halbjahreszahlen: Bei 101 Millionen Euro Umsatz weist Windeln.de einen operativen bereinigten Verlust (Ebit) von 15 Millionen Euro aus. „Windeln.de präsentiert sich, gut ein Jahr nach dem Börsengang, als Sanierungsfall“, urteilte etwa die Website „Exciting Commerce“.

Finanzchef Weinberger sieht die Aktienschwäche ebenfalls kritisch. „Wir sind nicht zufrieden mit dem Aktienkurs – gar keine Frage", sagte er dem Handelsblatt. Windeln.de sei in einer relativ frühen Phase der Unternehmensentwicklung auf das Parkett gegangen, gestand er ein - doch das habe auch Vorteile: „Der frühe Börsengang hat uns die Kapitalausstattung gebracht, die wir brauchen, um uns als Marktführer in Europa zu etablieren.“ Neues Geld sei vorerst nicht nötig. „Unsere derzeitige Kapitalausstattung reicht aus, um uns bis zur Profitabilität zu bringen.“


Organisation und Führung werden umgebaut

Auf einen Zeitpunkt, an dem Windeln.de die Gewinnzone erreicht, will sich Weinberger jedoch nicht festlegen. Nur soviel: „Research-Analysten gehen davon aus, dass wir bis 2018 oder 2019 profitabel sein können. Damit liegen sie sicherlich nicht ganz falsch.“

Als erstes soll der Shopping-Club Nakiki schließen, der bei zehn Millionen Euro Umsatz drei Millionen Euro operativen Verlust schreibt. Vor allem hier fallen Stellen weg. Nakiki habe dem Kerngeschäft keine Neukunden gebracht und einen hohen Aufwand verursacht, um die Schnäppchenangebote zu beschaffen, sagte Weinberger.

Künftig will Weinberger Komplexität abbauen: Kleinere Zulieferer fallen weg, die teils zugekauften europäischen Töchter sollen ein einheitliche Software-Plattformen nutzen. Auch die Führung wird umgebaut: neu an Bord ist Jürgen Vedie als operativer Chef (COO). Der Manager kommt vom Online-Händler Zooplus. Gründer Konstantin Urban bleibt im Vorstand, unter ihm werden zwei Spitzenfrauen installiert, die das Deutschland- beziehungsweise Chinageschäft leiten.

Vorbild für Windeln.de ist Diapers.com, ein Online-Shop in den USA, den Amazon 2010 - im Gründungsjahr von Windeln.de - für über eine halbe Milliarde Dollar gekauft hat. Der Clou des Geschäftsmodells: Eltern bestellen sperrige Windel-Pakete online, um diese nicht tragen zu müssen. Das Massengut Windeln verspricht aber an sich nicht ausreichend Marge für den E-Commerce. Daher setzen die Versender drauf, dass Eltern immer wieder andere, höhermargige Kinder-Artikel wie Autositze und Stofftiere mitbestellen. Ob das Modell in Europa aufgeht, muss Windeln.de allerdings erst noch beweisen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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