Würzburger Kickers: Wie ein Start-up unter Konzernen

Würzburger Kickers: Wie ein Start-up unter Konzernen

, aktualisiert 05. August 2016, 18:18 Uhr
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Rico Benatelli und seine Würzburger Kickers wollen auch in der 2. Bundesliga möglichst oft jubeln.

Quelle:Handelsblatt Online

Der überraschende Aufstieg in die 2. Bundesliga ist für die Würzburger Kickers nicht nur ein sportliches Wunder, sondern vor allem ein großes unternehmerisches Risiko. Firmen aus der Region wollen den Erfolg absichern.

WürzburgIvica Olic, Kevin Kuranyi oder doch Piotr Trochowski? Ende Juni sprudelten die Gerüchte um hochkarätige Neuzugänge für die Würzburger Kickers nur so durch die Universitätsstadt. Der Verein, gerade in die 2. Fußball-Bundesliga aufgestiegen, hatte „eine gravierende Entscheidung im personellen Bereich“ angekündigt. Die Auflösung fiel dann doch etwas unspektakulärer aus als von einigen erhofft: Trainer Bernd Hollerbach verlängerte seinen Vertrag bei den Kickers um drei Jahre.

„Wir machen hier keine verrückten Dinge“, sagen Hollerbach und Daniel Sauer, Vorstand der Fußballabteilung, unisono. Können sie auch gar nicht. Denn für einen Verein, der vor fünf Jahren noch in der sechstklassigen Landesliga spielte und sich nach und nach an den Profifußball herantasten wollte, bedeutet das Abenteuer 2. Bundesliga vor allem Eines: einen finanziellen Drahtseilakt.

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Ähnliche Turbo-Emporkömmlinge waren im deutschen Profi-Fußball zuletzt 1899 Hoffenheim und RB Leipzig. Doch ein Vergleich zwischen den beiden finanzstarken Klubs und Würzburg hinkt. In Hoffenheim und Leipzig pumpten Dietmar Hopp bzw. Dietrich Mateschitz schon zu Dritt- und Zweitligazeiten Millionen in ihre Spielzeuge und machten den Erfolg so planbar. In Würzburg treten statt Großkonzernen wie SAP und Red Bull Mittelständler wie Flyeralarm und S.Oliver als Hauptsponsoren auf.

Das spiegelt sich vor allem im Etat wider: Schon im vergangenen Drittliga-Jahr waren die Kickers mit einem Gesamtbudget von rund 3,5 Millionen Euro im unteren Drittel der Liga angesiedelt. In der zweiten Liga jedoch sind sie wie ein Start-up unter Konzernen. Zwar kommt durch den Aufstieg ein sattes Plus an Fernsehgeldern rein, „aber die Etat-Schere zu den anderen Klubs wird in diesem Jahr noch deutlich weiter auseinandergehen“, schätzt Sauer. Eine genaue Summe, mit der die Würzburger für die zweite Liga planen, will er nicht nennen.

Einen Großteil des verfügbaren Geldes können die Kickers gezwungenermaßen nicht in die Mannschaft investieren: Für die 2. Bundesliga muss der Verein vor allem infrastrukturell nachlegen, will er die Auflagen des Ligaverbandes DFL erfüllen. Die größte Baustelle ist dabei im wahrsten Sinne des Wortes das schwer in die Jahre gekommene Stadion.

Bislang fasste die „Flyeralarm-Arena“ 10.006 Plätze. Völlig ausreichend für eine Mannschaft, die vor wenigen Jahren noch vor einer Handvoll Zuschauern kickte. Doch schon vor der letzten Saison mussten die Kickers einiges investieren, um die Maßstäbe für die 3. Liga zu erreichen. Jetzt werden die Anforderungen noch einmal ungleich größer.


„Eigentlich kam der Aufstieg zu früh"

Die DFL verlangt von Zweitligisten ein Stadion mit mindestens 15.000 Plätzen. Innerhalb der nächsten drei Jahre müssen die Kickers ein solches vorweisen. Außerdem waren sie verpflichtet, nach dem Aufstieg eine Rasenheizung zu verlegen. Zudem mussten unter anderem ein größerer Medienbereich, eine modernere Flutlichtanlage und bessere Zufahrtswege für Rettungskräfte her.

Für Daniel Sauer hohe Hürden. „Eigentlich kam der Aufstieg für uns zu früh“, gibt der Vorstand der Fußball-AG zu. Doch nicht nur bei den Spielern ist seit Ende der vergangenen Saison der eigens ins Leben gerufene Hashtag #einfachmachen Programm.

Und so rollten bereits wenige Tage nach der erfolgreichen Relegation die Bagger im „Dalle“, wie die Würzburger das Stadion am Dallenbergweg nennen, an. In einem ersten Schritt wird die Kapazität durch eine neue Stahlrohrkonstruktion auf der Gegengeraden und zusätzlichen Plätzen neben der Haupttribüne auf 13 100 erhöht. Rund drei Millionen Euro kostet diese erste Stufe des Stadionausbaus. Perspektivisch wird die Modernisierung aber wohl rund 15 Millionen Euro verschlingen.

Auch das Thema Stadionneubau geistert immer wieder durch Würzburg. Sauer bestätigt zwar, dass sich die Kickers lose damit beschäftigen, sieht darin aber ein noch höheres Risiko als beim aktuellen Ausbau. Mahnendes Beispiel ist etwa Alemannia Aachen: Der ehemalige Bundesligist hatte sich mit dem Neubau des Tivoli übernommen und Ende 2012 Insolvenz anmelden müssen. Derzeit versucht sich die traditionsreiche Alemannia am Neustart in der Regionalliga.

Die Würzburger hoffen beim Umbau neben den klassischen Einnahmequellen vor allem auf die Unterstützung der Stadt. Bürgermeister Christian Schuchhardt hatte nach dem Aufstieg einen Zuschuss von bis zu sieben Millionen Euro in Aussicht gestellt, bislang ist aber noch kein Geld geflossen. „Im Moment finanzieren wir alles allein, das tut uns wirtschaftlich natürlich sehr weh“, sagt Sauer.

Egal ob Umbau oder Neubau: Die hohen Investitionen machen den sportlichen Erfolg für einen Verein wie Würzburg eigentlich zur Pflicht. Ein direkter Wiederabstieg, verbunden mit deutlich geringeren Einnahmen etwa aus dem Fernsehgeldtopf und den Ticket-Verkäufen, würde das Projekt vor eine Zerreißprobe stellen. „Wir haben keine Angst, dass hier die Lichter ausgehen, falls wir wieder absteigen sollten“, sagt Daniel Sauer zwar. Er gibt aber auch unumwunden zu, dass die Kickers „jeden Cent zweimal umdrehen, eine andere Möglichkeit haben wir auch gar nicht.“

Erfreulich ist für die Kickers – abgesehen vom noch ausstehenden Zuschuss der Stadt – die Unterstützung aus der eigenen Region. Zum einen ist bei den Fans eine regelrechte Euphorie entbrannt. „Wir haben schon jetzt knapp 6.000 Dauerkarten verkauft“, freut sich Sauer. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr kamen durchschnittlich 5.262 Fans zu den Heimspielen der Kickers.


Über 250 Sponsoren aus der Region

Zum anderen zieht auch die heimische Wirtschaft mit. Über 250 Sponsoren aus dem näheren Umkreis haben die Würzburger mittlerweile akquirieren können, vom Mittelständler bis zum kleinen Handwerker ist alles vertreten. Größte Geldquellen sind die Onlinedruckerei Flyeralarm und S.Oliver, Modekonzern aus Rottendorf, einer kleinen Gemeinde bei Würzburg.

Den prominenten Werbeplatz auf dem Trikot der Kickers lässt sich S.Oliver einen sechsstelligen Betrag kosten, genauere Angaben will Geschäftsführer Armin Fichtel nicht machen. „Wir möchten ein klares Zeichen für die Region, den Sport und für die Nachwuchsförderung setzen. Das liegt uns als Familienunternehmen sehr am Herzen“, begründet Fichtel das Engagement bei den Kickers.

Der Sponsoring-Vertrag läuft über zwei Jahre und soll davon unabhängig sein, in welcher Liga die Fußballer spielen. „Die Würzburger Kickers haben uns nicht nur durch ihre Erfolge überzeugt. Unser Unternehmen passt perfekt zu den Kickers, die von bodenständigem Handeln und großem Ideenreichtum geprägt sind. Wir möchten den Kickers mit unserem Sponsoring Planungssicherheit bieten und damit die Chance langfristig agieren zu können“, sagt Fichtel.

Als „wirtschaftlicher Vater“ des Würzburger Fußball-Märchens gilt aber Flyeralarm-Gründer Thorsten Fischer. Mit einigen Idealisten setzte sich der Unternehmer vor zweieinhalb Jahren zum Ziel, dem jahrzehntelang darbenden Würzburger Fußball wieder auf die Beine zu verhelfen. Das Projekt „3x3“ wurde bei den heimischen Kickers ins Leben gerufen, in drei Jahren wollte man in die dritte Liga. Fischer wachte als Aufsichtsratsvorsitzender darüber.

Wie viel Geld Flyeralarm bislang in den Verein gepumpt hat, ist unbekannt, „aber es ist weniger als man vermuten würde“, sagt Flyeralarm-Finanzchef Hartmut Kappes mit einem Augenzwinkern. Bei den Zielen mit den Kickers spuckt sein Chef Fischer dagegen weitaus größere Töne. „Wir wollen irgendwann die Nummer eins in Franken sein. Da ist uns der 1. FC Nürnberg Lichtjahre voraus. Aber wenn ich mir so ein Ziel nicht setze, werde ich da nie ankommen“, sagte er vor einigen Wochen im Bayrischen Rundfunk. Nachdem Bernd Hollerbachs Mannschaft den Aufstieg in die dritte Liga bereits im ersten Jahr von „3x3“ erreicht hatte, wurde daraus bald kurzerhand „3x2“. Rufen die Kickers nach dem erneut frühzeitigen Aufstieg also demnächst das Projekt „3x1“ aus?

Fußball-Vorstand Daniel Sauer wehrt sich gegen zu viel Euphorie. „Wir wollen uns in der 2. Bundesliga etablieren. Aber ganz ehrlich: Der Klassenerhalt wäre für mich ein noch größeres Wunder als der Aufstieg in der letzten Saison.“ Zum Träumen bleibt ihm und seinem Team sowieso keine Zeit: Noch haben die Kickers keine Freigabe von der DFL, ihr erstes Heimspiel am 14. August gegen Kaiserslautern in der Flyeralarm-Arena austragen zu dürfen. Sollte sich der Ligaverband bis dahin nicht mit den Fortschritten im und um das Stadion zufrieden geben, müssten die Würzburger in das Stadion des FSV Frankfurt ausweichen.

Ein Worst-Case-Szenario, das Daniel Sauer unbedingt vermeiden will. „Wir sind zuversichtlich, dass wir unsere Heimspiele in der Flyeralarm-Arena austragen dürfen.“ In den kommenden zehn Tagen heißt es für die Mannschaft hinter der Mannschaft in Würzburg also noch einmal umso mehr #einfachmachen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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