Zerschlagung 2017?: Air Berlin wird filetiert

Zerschlagung 2017?: Air Berlin wird filetiert

, aktualisiert 02. Januar 2017, 13:29 Uhr
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Ihre Zukunft ist ungewiss – ebenso die der Fluglinie. 2017 wird das Schicksalsjahr für Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft.

von Jens KoenenQuelle:Handelsblatt Online

Für Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Air Berlin wird 2017 ein Schicksalsjahr. Die schwer angeschlagene Airline wird zerschlagen. Offen ist nur noch, wie schnell das geschehen wird – und welches Ziel Etihad hat.

FrankfurtDruck aushalten – das kennt man am Saatwinkler Damm in der Nähe des Flughafens Berlin-Tegel. Seit Jahren ächzt Air Berlin unter diversen Schwerlasten. Mehr als eine Milliarde Euro Schulden, ein negatives Eigenkapital, immer stärker werdende Konkurrenz selbst auf den viele Jahre lukrativen Mallorca-Verbindungen – in der schmucklosen Zentrale von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft weiß man nur zu gut, wie schwer das Geschäft mit dem Fliegen ist.

Mittlerweile, gut zehn Jahre nach dem Börsengang, ist aber klar: Air Berlin hat diesen Kampf endgültig verloren. Die Airline mit den rot-weißen Flugzeugen steht vor der Zerschlagung. Die kommenden Monate werden für Air Berlin zu einem Schicksalsjahr. Die beliebten Schokoherzen, die jeder Passagier nach dem Flug bekommt und die trotz aller Krisen niemals abgeschafft wurden, könnten bald Vergangenheit sein. Wie schnell das gehen wird, ist allerdings unklar.

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Fest steht bis jetzt: Lufthansa wird 38 Flugzeuge von Air Berlin mieten. Den entsprechenden Vertrag haben die beiden Unternehmen kurz vor Weihnachten unterzeichnet. Er hat eine Laufzeit von sechs Jahren. Danach werden 33 Maschinen vom Typ A319 und A320 ab Februar sukzessive in die Lufthansa-Billigtochter Eurowings integriert. Sie sollen außen wie innen im Design von Eurowings umgestaltet werden. Weitere fünf Flugzeuge gehen zur österreichischen Lufthansa-Tochter AUA.

Ein zweiter Teil, der Touristikverkehr mitsamt Flugzeugen und Crews, wird in ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Ferienfluggesellschaft Tuifly eingebracht. An der neuen Gesellschaft mit dem Arbeitsnamen Blue Sky soll der Air Berlin-Großaktionär Etihad mit rund 25 Prozent beteiligt sein. Auch dieser Vertrag steht mittlerweile.

Offen ist hingegen, was mit der verbleibenden Air Berlin geschehen wird. Geplant ist, die auf dann 75 Flugzeuge geschrumpfte Fluggesellschaft auf Langstrecken etwa nach Nordamerika zu konzentrieren. Air Berlin wäre damit ein so genannter Netzwerk-Carrier, der seine Verkehre über Drehkreuze – in diesem Fall Düsseldorf und Berlin – steuert. Damit würde die Airline noch stärker als bisher gegen eine Lufthansa antreten. Luftfahrt-Experten halten das deshalb für einen kaum zu realisierenden Plan. „Deutschland braucht einfach keinen zweiten Netzwerkcarrier. Zudem hat Air Berlin nicht die erforderlichen finanziellen Mittel, um in diesem Wettbewerb bestehen zu können", sagt Gerald Wissel vom Beratungsunternehmen Airborne Consulting in Hamburg.

Wahrscheinlicher ist deshalb ein anderes Szenario: Auch der verbleibende Teil von Air Berlin landet bei Lufthansa. Schon länger wird in Lufthansa-Kreisen berichtet, dass Konzern-Chef Carsten Spohr Gefallen auch an der Langstreckenflotte von Air Berlin hat. Flugzeuge wie etwa der A330 würden zum Beispiel gut zu Eurowings passen. Spätestens seit der Berufung des Lufthansa-Managers Thomas Winkelmann an die Spitze von Air Berlin ist klar, dass die Beteiligten bereits emsig an der Realisation des Szenarios arbeiten. Lufthansa-Chef Spohr soll, so wird berichtet, die Personalie mit James Hogan, Chef der Etihad-Airline-Gruppe, ausgehandelt haben.


Neue Etihad-Strategie könnte Verkauf an Lufthansa beschleunigen

Vordergründig soll Winkelmann dafür sorgen, dass die von Eurowings gemieteten Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge auch tatsächlich fliegen. In Wirklichkeit soll der erfahrene Luftfahrt-Manager aber die Integration der Rest-Air Berlin in Lufthansa vorbereiten.

Wie schnell es dazu kommen wird, ist allerdings unklar – denn einige Fragen sind noch offen. Zum einen hängt eine solche Transaktion nicht zuletzt von den Plänen des Air Berlin-Großaktionärs Etihad ab. Dort ist die Unruhe derzeit groß. Unternehmenschef Hogan steht Informationen aus Abu Dhabi zu Folge vor der Ablösung. Gleichzeitig überprüft Etihad sein gesamtes Engagement in Europa, darunter auch die ebenfalls defizitäre Alitalia.

Anfang dieses Jahres soll die neue Strategie stehen, zu der unter Umständen auch ein Verkauf der Beteiligungen gehören könnte. In dem Fall könnte die restliche Air Berlin recht schnell unter das Dach von Lufthansa schlüpfen. Beschleunigend könnte zudem wirken, dass Air Berlin schon bald wieder frisches Geld braucht, weil Anleger ab März eine Wandelanleihe zurückgeben können. Wenn Etihad diese Mittel nicht mehr bereitstellen sollte, müsste rasch eine alternative Lösung gefunden werden.

Doch es gibt in der Branche Stimmen, die sagen, es werde versucht, zunächst ein wenig das Tempo aus der Konsolidierung zu nehmen. Die neue Air Berlin werde deshalb wohl wie geplant im April 2017 an den Start gehen, heißt es im Umfeld von Air Berlin und Lufthansa. Denn es gebe noch Hürden, die bewältigt werden müssten. So werden die Langstreckenflugzeuge von Air Berlin zu einem großen Teil von früheren LTU-Piloten geflogen, die noch Tarifverträge zu sehr komfortablen Bedingungen besitzen. An einer Übernahme dieser Konditionen dürfte Lufthansa-Chef Spohr kaum Interesse haben. Sowieso ist es für die Lufthansa-Spitze heikel, den streikwilligen Spartengewerkschaften im eigenen Haus eine so massive Aufstockung des fliegenden Personals mit ganz anderen Tarifverträgen als die bei Lufthansa und Eurowings schmackhaft zu machen.

Zudem bedeutet der Plan eine gewaltige Integrationsaufgabe für Eurowings. Dort steht bereits die Eingliederung der Lufthansa-Tochter Brussels sowie der 33 Air Berlin-Flugzeuge auf dem Programm. Nun auch noch die Langstreckenflugzeuge von Air Berlin aufzunehmen, halten Lufthansa-Kenner zumindest kurzfristig für kaum machbar. Zumal mit dem früheren Vodafone Deutschland-Chef Thorsten Dirks im Mai 2017 auch noch ein Manager die Geschäfte von Eurowings übernehmen wird, der bislang keine Erfahrung im Management einer Airline vorweisen kann.

Gut möglich also, dass sich die Passagiere auf der Langstrecke vorerst weiter auf die Schokoherzen zum Abschied freuen dürfen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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