Zukunft des Handelskonzerns: Experten bezweifeln Karstadt-Übernahme durch österreichischen Investor

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Bei Karstadt werden Standortschließungen erwartet.

von Henryk Hielscher

Eine Übernahme des krisengeschüttelten Karstadt-Konzerns durch den österreichischen Investor René Benko halten führende deutsche Handelsexperten derzeit für wenig wahrscheinlich.

Stattdessen gehen die Experten von Standortschließungen aus und schätzen die Überlebenschancen des Essener Unternehmens teilweise auf unter 30 Prozent, berichtet die WirtschaftsWoche.
So rechnet Professor Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein keinesfalls mit einem Einstieg Benkos bei den Karstadt-Warenhäusern: „Nein, das Warenhausgeschäft ist extrem kapitalintensiv. Zudem wären die Schließungskosten für einen Investor viel zu hoch“, sagte er dem Magazin. Keinen Eigentümerwechsel erwartet auch Gert Hessert, der an der Universität Leipzig Handelsmanagement lehrt und früher selbst Karstadt- Manager war: „Das kann ich mir derzeit nicht vorstellen.“

„Herr Benko stünde vor ähnlichen Problemen wie Karstadt-Eigentümer Berggruen. Auch er müsste für eine Restrukturierung einen dreistelligen Millionenbetrag investieren. Ob er das tut, hängt vor allem davon ab welche alternativen Nutzungskonzepte es für die Karstadt-Immobilien gibt“, schätzt Joachim Stumpf die Lage ein, Geschäftsführer der BBE-Handelsberatung in München.

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„Je nach Entwicklung des Geschäfts von Karstadt haben viele Warenhaus-Immobilien für Benko vermutlich einen höheren Wert ohne den Mieter Karstadt als mit ihm. Ob er tatsächlich das operative Geschäft übernimmt, ist daher fraglich“, sagt Handelsfachmann Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

Karstadts Krisen-Chronik

  • Keine Wende

    Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt 2009 in die Insolvenz gerutscht. Im Juni 2010 stieg Investor Nicolas Berggruen ein. Von seinem Einspringen wurde die Wende erhofft. Die Chronik der Krise.

  • 2009

    Für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften - darunter die Karstadt Warenhaus GmbH - wird am 1. September 2009 das Insolvenzverfahren eröffnet.

    Am 1. Dezember wird bekannt, dass zehn Karstadt-Standorte mit teils mehreren Häusern nach Angaben der Insolvenzverwaltung geschlossen werden sollen. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen.

  • Erstes Halbjahr 2010

    Beim Essener Amtsgericht wird am 15. März ein Insolvenzplan vorgelegt. Am 12. April stimmen die Gläubiger dem Plan zu. Am 1. Juni haben von bundesweit 94 Kommunen bis auf drei bereits alle einem Verzicht auf die Gewerbesteuer zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher. Nur sechs Tage später erhält die Berggruen Holding vom Gläubigerausschuss den Zuschlag zur Übernahme. Einen Tag später unterschreibt Berggruen den Kaufvertrag unter Vorbehalt. Berggruen fordert vom Karstadt-Standortvermieter Highstreet deutliche Mietsenkungen. Am 14. Juni endet eine erste Verhandlungsrunde zu den künftigen Mieten ohne Ergebnis. Am 20. Juni lehnt Berggruen ein Angebot von Highstreet über Mietsenkungen von mehr als 400 Millionen Euro ab.

  • Zweites Halbjahr 2010

    Am 26. August hat sich Berggruen mit der Essener Valovis-Bank geeinigt: Die Bank hatte Highstreet ein Darlehen über 850 Millionen Euro gewährt und dafür im Gegenzug 53 Waren-, Sport- und Parkhäuser als Sicherheit erhalten. Man habe sich unter anderem darauf verständigt, dass Berggruen dieses Darlehen bis 2014 ablösen könne, heißt es. Am 2. September stimmen die Highstreet-Gläubiger den geforderten Mietsenkungen zu.

    Am 30. September hebt das Essener Amtsgericht das Insolvenzverfahren auf. Damit erhält Berggruen zum 1. Oktober die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro. Die Belegschaft verzichtet auf 150 Millionen Euro.

    23. November: Der frühere Woolworth-Manager Andrew Jennings wird zum neuen Karstadt-Chef bestellt. Er beginnt Anfang Januar 2011.

  • 2011

    Jennings legt am 6. Juli das Konzept „Karstadt 2015“ vor: Modernisierung der Warenhäuser, stärkeres Online-Geschäft und Expansion der Sporthäuser sind der Kern.

  • 2012

    Am 16. Juli kündigt Karstadt die Streichung von 2000 Stellen an.

  • 2013

    Karstadt kündigt am 13. April 2013 eine „Tarifpause“ für die Beschäftigten an. Am 9. Juni bestätigt das Unternehmen, dass der Vertrag von Karstadt-Chef Jennings zum Jahresende ausläuft.

  • 2014

    Im Februar kommt Ikea-Managerin Eva-Lotta Sjöstedt nach Essen und übernimmt den Geschäftsführerposten. Am 7. Juli legt Sjösted nach nur fünf Monaten alle Ämter nieder. Als Grund dafür nennt sie, dass die „Voraussetzungen“ für den von ihr angestrebten Weg nicht mehr gegeben seien.

  • Der Neue

    Der Österreicher René Benko kauft Karstadt im August für nur einen Euro. Der bisherige Eigentümer Nicolas Berggruen zieht sich komplett zurück. Die Sanierungsaufgaben bleiben gewaltig.

Stattdessen erwarten die Handelsexperten, dass etliche der 83 Karstadt-Warenhäuser schließen werden. „Ich gehe davon aus, dass rund die Hälfte der derzeitigen Standorte wegfallen wird“, sagte Hessert der WirtschaftsWoche. „Langfristig ist der deutsche Markt nur groß genug für insgesamt 60 bis 70 Warenhäuser von Kaufhof und Karstadt zusammen“, erklärte Jörg Funder, Professor für Unternehmensführung im Handel an der Hochschule Worms. „Insgesamt gibt es in Deutschland rund 170 Warenhäuser, rund 70 Standorte sind verzichtbar, darunter auch Karstadt-Filialen“, prognostiziert auch Stumpf.

Ohne Investitionen sieht der BBE-Handelsexperte ohnehin für den gesamten Warenhauskonzern nur eine 20-bis 30-prozentige Überlebenschance. Auch Heinemann und Hessert geben dem Karstadt-Konzern schlechte Überlebenschancen: „Unter 30 Prozent“, lautet ihre Einschätzung.

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