_

Handygigant: Nokia erfindet sich neu

von Jürgen Berke

Musik aus dem iPhone, E-Mails aus dem Blackberry – den Kultgeräten des mobilen Internets hatte Nokia bisher wenig entgegenzusetzen. Das soll sich jetzt ändern. Der Handygigant aus Finnland startet die Gegenoffensive, will emotionaler und cooler werden. Doch ohne Radikalumbau des Konzerns wird es den erhofften Kreativitätsschub kaum geben.

Die Teenie-Band Tokio Hotel Quelle: dpa
Die Teenie-Band Tokio Hotel macht neuerdings Werbung für Nokia Quelle: dpa
Anzeige

Nokia ruft – und die Fans rasten aus. Kurz nach 19 Uhr betritt Teenieschwarm Bill Kaulitz mit seiner Band Tokio Hotel die Bühne. Was dann auf dem Festplatz am Kölner Südstadion passiert, erinnert an die Auftritte der Beatles vor 40 Jahren. Kreischen, schreien, weinen – einige der zwischen 14 und 16 Jahre alten Fans sind dem Nervenzusammenbruch nahe. Mehrere Monate hatte sich Deutschlands erfolgreichste Rockband zurückgezogen, um die brandneue Studio-CD „Humanoid“ einzuspielen. Jetzt melden sich Bill, Tom, Gustav und Georg mit einem Kurzauftritt zurück und stellen den ersten Song aus dem neuem Album vor – exklusiv bei Nokia.

So dreist hat der weltgrößte Handyhersteller noch nie Kunden in seinen Music Store gelockt, bei dem Songs gegen Geld elektronisch heruntergeladen werden können. Die Eintrittskarten für das Konzert am vergangenen Donnerstag gab es nicht bei einschlägigen Verkaufsstellen. Die Fans von Tokio Hotel mussten sich im Nokia-Internet-Shop anmelden, bei einem Gewinnspiel mitmachen und hoffen, dass sie zu den 1.400 Glücklichen gehören, deren Eintrittskarte aus der Lostrommel gezogen wurde. Als Zugabe bekamen sie einen Zehn-Euro-Gutschein, um sich das neue Album von Tokio Hotel herunterzuladen.

Nokia brutal

Jahrelang hielt sich der weltgrößte Handyhersteller mit aggressiver Werbung zurück und gewann viele Sympathien durch dezentes Sponsoring von Randsportarten wie dem Snowboarding oder der Klassik-Rock-Tournee „Night of the Proms“. Jetzt schlagen die Finnen eine harte Gangart an. Nokia handelte einen „Millionenvertrag“ (Bild) mit Tokio Hotel aus, damit die Teenieband als neuer Vertriebspartner Jugendliche für die neuen Internet-Angebote gewinnt.

Der Schwenk vom Betulichen zum Berserker kennzeichnet die neue Marschrichtung der Finnen – und zugleich ein Umbauprogramm, das den Handygiganten von Grund auf verändern könnte. Denn der bisher unangefochtene Marktführer steht wie noch nie unter Druck. Nokia verkaufte im ersten Halbjahr 30 Millionen Mobiltelefone weniger und sackte beim Marktanteil von 39 auf rund 37 Prozent ab.

Flop für das Vorzeigemodell von Nokia

Am meisten schmerzt den Konzern aus Espoo unweit von Helsinki jedoch, dass der Boom bei den Smartphones fast völlig an ihm vorbeirauschte. Fast das gesamte Wachstum bei den teuren Geräten, die den Gang ins Internet, das Herunterladen von Musik oder Navigation ermöglichen, geht an die nordamerikanischen Rivalen Apple und Research in Motion (RIM), die einen Großteil der Neukunden gewinnen konnten.

Das ganze Ausmaß der Bedrohung zeigt ausgerechnet das neue Nokia-Vorzeigemodell N97. Obwohl die Finnen viele technische Finessen hineinpackten, campierten keine Nokia-Fans vor den Handyläden. Im Juni, dem ersten Verkaufsmonat, gingen nur 500.000 Exemplare über den Ladentisch. Zum Vergleich: Das neue Apple-iPhone (Typ: 3GS) knackte schon drei Tage nach dem Start am 19. Juni die Millionenmarke.

3 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 21.09.2009, 17:29 UhrAnonymer Benutzer: André

    eigentlich erstaunlich, bekennt sich Nokia doch leidenschaftlich zu
    GPS-orientierten Diensten zum Nutzen seiner Kunden. Mit Navteq hält es darüberhinaus ein Kronjuwel in den Händen. Nur scheint
    sich das Unternehmen hoffnungslos zu verzetteln. Dabei liegt da
    Geld auf der Straße (siehe http://www.dynamic-ridesharing.de).
    Nur aufheben müssten sie es halt ;-)

  • 02.09.2009, 11:36 UhrAnonymer Benutzer: Netwriter

    Nokia hat m.E. - durch sein rigoroses Vorgehen, nicht nur in Deutschland - einfach Sympathien verspielt. Von der einst sympathischen Marke zum augenscheinlich rücksichtslosen, rein profitorientierten Unternehmen mit billigstandorten in Osteuropa - dass geht nicht ohne imageverlust vonstatten.

    Und dies macht sich jetzt bemerkbar. Nokia hat mehr Zeit in Werksschließungskämpfe investiert, als sich um eine imageprofilierung in Richtung Qualität und Kontinuität zu bemühen.

    ich denke, wenn man den Weg zu billigstandorten sucht, wird einem irgendwann das Thema Hightech nicht mehr zugetraut.

  • 02.09.2009, 08:42 UhrAnonymer Benutzer: werner

    no Nokia, Jobvernichter in Deutschland

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Thalys: In Zukunft ohne Deutsche Bahn
Thalys: In Zukunft ohne Deutsche Bahn

Die Deutsche Bahn steigt aus dem Gemeinschaftsprojekt Thalys aus. Das Unternehmen besitzt derzeit zehn Prozent an dem...