Hans-Peter Villis im Interview: "Kein Couponschneider"

InterviewHans-Peter Villis im Interview: "Kein Couponschneider"

von Andreas Wildhagen

Der Chef des süddeutschen Energiekonzerns EnBW, Hans-Peter Villis, über das drohende Ende des Atomkraftwerks Neckarwestheim I, eine weitreichende Kooperation mit dem italienischen Wettbewerber Eni und den stärkeren Schulterschluss mit dem französischen Großaktionär EdF.

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Hans-Peter Villis

WirtschaftsWoche: Herr Villis, der Countdown läuft. In zwei Monaten, so sieht es das Ausstiegsgesetz aus rot-grüner Regierungszeit vor, müssen Sie Neckarwestheim I abschalten. Sehen Sie noch eine Möglichkeit, die Laufzeit zu verlängern, oder kalkulieren Sie mit einer Stilllegung im Frühjahr?

Villis: Die Bundesregierung hat erklärt, dass sie die Laufzeiten für Kernkraftwerke verlängern will. Dies ist energiewirtschaftlich und klimapolitisch wichtig und richtig. Hierfür bedarf es jedoch einer Gesetzesänderung und somit sind wir auf die Bundespolitik angewiesen. Wir selbst führen derzeit mit zahlreichen Politikern Gespräche zu diesem Thema. Darüber hinaus werden wir selbstverständlich alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um einen Stillstand von Neckarwestheim zu verhindern. Aktuell fahren wir den Block mit Minimallast. Dies führt dazu, dass sich die rechnerische Laufzeit von Neckarwestheim 1 mindestens bis in den Herbst hinein verlängert.

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Hoffen Sie denn, die Erlaubnis zur Atomstromerzeugung auf Neckarwestheim I übertragen zu dürfen, damit diese Anlage länger läuft? Kann es noch Reststromübertragungen geben, beispielsweise von Stade oder von anderen AKWs?

Rechtlich wäre dies eine Möglichkeit. Ob eine solche Reststrommengenübertragung aber eine realistische Option darstellt, will und kann ich heute nicht abschließend bewerten.

Geht Neckarwestheim I vom Netz, entsteht bei EnBW eine Lücke, ohne dass Ersatz in Sicht ist. Die Abschaltung des Meilers würde Ihren Zwang verschärfen, EnBW als drittgrößten deutschen Stromversorger unabhängig von Kernkraft breiter aufzustellen. Stockt die Strategie?

Die EnBW verkauft tatsächlich mehr Strom, als sie derzeit selbst erzeugen kann. Diese Lücke wollen wir schließen. Und gerade in den letzten Monaten ist uns dies auch sehr erfolgreich gelungen. Unter anderem durch den Erwerb von Kraftwerken und Strombezugsrechten haben wir heute rund 2000 Megawatt installierte Leistung mehr in Deutschland zur Verfügung als noch vor einem Jahr.

Erfolgsaussichten sehen anders aus. Nehmen wir den Steinkohleverstromer Steag. Evonik hat jetzt Vorinformationen über den Verkauf an 50 Investoren verschickt – auch an Sie. Ist Steag für Sie interessant?

Die Steag ist ein großer Stromerzeuger, und wir brauchen noch Erzeugungskapazitäten. Ob Teile der Steag interessant sind, hängt davon ab, welchen unternehmerischen Einfluss ein Erwerb eröffnet. Ein großes Thema wird dabei sein, dass die Essener RWE mit der Steag eng verbunden ist. Die Steag macht größtenteils Lohnverstromung für RWE.

Lohnverstromung? Das hört sich nach Subunternehmen an...

...das würde die Steag nicht gerne hören wollen. Spaß beiseite: Die Steag und die EnBW würden sich sehr gut ergänzen, denn die Steag hat wenige Endkunden, und wir haben nicht genug Erzeugung, und deshalb kaufen wir Strom auch bei der Steag zu. Aber wir haben auch ein anderes Geschäftsmodell. Wir stellen unsere Erzeugung selbst in den Markt. Bei der Steag ist es meines Erachtens so, dass die RWE bestimmt, wie die Kraftwerke eingesetzt werden. Das wäre bei uns undenkbar. Deswegen müssten wir bei Interesse genau die Verträge angucken, die RWE mit der Steag hat.

Würden Sie die Steag als Ganzes erhalten?

Sicher nicht. Die Steag hat Kraftwerke im Ausland, zum Beispiel in Kolumbien und auf den Philippinen, die uns weniger interessieren. Auch bei den elf deutschen Steag-Kraftwerken müssten wir prüfen, welche interessant sind und welche wir auch kartellrechtlich erwerben dürften.

Ist eine Minderheitsbeteiligung denkbar, wie es Evonik offenbar vorschwebt?

Ich bin Unternehmer und werde bei der Steag nicht zum Couponschneider. Ich will energiewirtschaftliche Geschäfte generieren. Bei der Oldenburger EWE haben wir zwar auch nur 26 Prozent der Anteile, aber EWE und EnBW sind strategische Partner und können voneinander profitieren.

Eine andere Baustelle ist noch offen. Die Übernahme des Leipziger Gasversorgers VNG scheint am Widerstand der kommunalen Eigner zu scheitern.

Zum Vergleich: Es hat mehrere Jahre gedauert, bis es zur Partnerschaft zwischen der Ruhrgas und E.On kam. So lange wollen wir nicht warten. Seit wir die Option auf den Kauf der von EWE gehaltenen VNG-Aktien in Höhe von 47,9 Prozent haben, sind erst einige wenige Monate vergangen. Das ist keine Zeit, und wir haben auch keinen Zeitdruck. Wir können und wir werden in aller Ruhe prüfen und ausloten, welche Chancen sich aus dieser Option ergeben können. Uns geht es um den Ausbau unseres Gasgeschäfts, am liebsten mit der VNG beziehungsweise deren Gesellschaftern.

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