Hans-Peter Villis im Interview: "Wir werden unsere Netze behalten"

Hans-Peter Villis im Interview: "Wir werden unsere Netze behalten"

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Der Vorstandsvorsitzende des Energieunternehmens EnBW, Hans-Peter Villis

EnBW-Chef Hans-Peter Villis über seine neue Strategie beim drittgrößten deutschen Energieversorger, über die Bändigung seiner Aktionäre – und sein Leben als Pendler.

WirtschaftsWoche: Herr Villis, Strom- und Gaskunden kennen den RWE-Lenker Jürgen Großmann und Wulf Bernotat, Chef von E.On, diese beiden Tycoone der Strommacht inzwischen gut. Sie sind noch unbekannt. Wollen Sie sich mal vorstellen?

Villis: Ich habe Energiewirtschaft von der Pike auf gelernt. Bevor ich zur EnBW ging, hatte ich gut 20 Jahre ganz unterschiedliche Positionen in der Branche inne, überwiegend bei E.On. Begonnen habe ich aber bei der RAG. Danach bin ich zu Veba Kraftwerke gegangen. Dort habe ich auch dem heutigen Evonik-Chef und ehemaligen Wirtschaftsminister Werner Müller zugearbeitet. Ich war praktisch auch einer der Ersten, die nach dem Mauerfall in Ostdeutschland ein Stadtwerk aufgebaut haben. Dann fusionierte ich drei Energieversorger in Ost-Westfalen und Niedersachsen und habe schließlich über ein Jahr sehr viele Erfahrungen im skandinavischen Energiemarkt als Vizechef von E.On Nordic sammeln können. Die skandinavischen Energiemärkte sind in Bezug auf den Wettbewerb sehr viel weiter als bei uns. Und die Menschen sind sehr offen, wenn ich dort auch mit anderen Führungsstilen, auch sehr dominanten, zu tun hatte.

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Etwa so dominant wie Ihr Vorgänger Utz Claassen, dem nachgesagt wird, ein autoritäres Regime bei EnBW installiert zu haben?

Dazu kann ich gar nichts sagen.

E.On ist ein Unternehmen, das wie Shell am liebsten nur auf die Kapitalmärkte hört, RWE ein Konzern, der seine Identität erst einmal finden muss – und EnBW?

...ist ein Energieunternehmen, das den Spagat zwischen internationalem Geschäft und regionaler Verankerung meistert.

Spagat tut weh. Was wollen Sie damit sagen?

Dass wir zwei starke Standbeine haben. 45 Prozent der Anteile sind im Besitz der französischen EdF, ein gleich großes Paket hält die OEW, ein Verband von oberschwäbischen Landkreisen.

Und nur 1,8 Prozent liegen bei Ihnen im breiten Streubesitz, das sieht nach Patt aus.

Das sieht nach einer stabilen Aktionärsstruktur aus. Gleichwohl muss auch ich für meine Positionen werben und meine Aktionäre überzeugen. Aber das habe ich gelernt. Als Chef der Städtischen Werke Magdeburg zum Beispiel vor 15 Jahren, da durfte ich regelmäßig an städtischen Ratssitzungen teilnehmen, mich in Wirtschafts- und Energieausschüssen der Kommunen auch nachts noch auseinandersetzen.

Sie sind seit sechs Monaten im Amt, was haben Sie bisher bewegt? Wo wollen Sie hin?

Ich habe gemeinsam mit meinen Kollegen eine Strategie für EnBW definiert. Natürlich gab es die in einzelnen Bereichen schon, aber nicht einheitlich für das gesamte Unternehmen. Diese gesamthafte Strategie liegt nun vor.

Wie sieht die aus?

Wir wollen verstärkt in erneuerbare Energien investieren, drei Milliarden Euro wollen wir in den kommenden Jahren dafür ausgeben. Wir setzen auf Offshore-Windparks und haben uns bereits einen entsprechenden Zugang rechtlich gesichert. Außerdem wollen wir verstärkt ins Gasgeschäft investieren. Die Zugänge zum Erdgas werden in der Zukunft immer schwieriger. Schließlich müssen wir damit rechnen, auch die Kernenergie in den kommenden Jahren ersetzen zu müssen.

Von längeren Laufzeiten von Atomkraftwerken halten Sie also nichts.

Doch, sogar eine Menge, denn die Kernenergie ist eine sichere, umweltverträgliche und günstige Art Strom zu erzeugen. Wir gehen auch davon aus, dass wir nach Anrechnung von beantragten Reststrommengen von unserem Kernkraftwerk Neckarwestheim 2 auf Neckarwestheim 1 beide Blöcke bis 2017 laufen lassen können. Wir werden im Mai erfahren, ob unserem Antrag stattgegeben wird. Wenn nicht, droht die Stilllegung des Kraftwerks Neckarwestheim 1 im Jahr 2009/2010. Zudem dürfen wir in der Debatte um die Kernkraft nicht vergessen, dass wir hier im Süden Deutschlands – energiewirtschaftlich betrachtet – logistisch eher ungünstig liegen. Daher ist die Abhängigkeit von Kernkraft hier besonders groß. 55 Prozent unserer Energie gewinnen wir damit. Kohle von Antwerpen und Rotterdam hierher zu verschiffen, ist teurer als im Norden. Trotzdem wollen wir in Karlsruhe ein neues Kohlekraftwerk bauen.

RWE schafft nicht einmal das. Proteste der Bürger überwiegen. Die Furcht vor CO2 ist bald fast genauso groß wie vor Atom.

Das genau ist die Entwicklung. Aber wir haben mit unserem geplanten Kohlekraftwerk frühzeitig alle Betroffenen, die Kommune und Anlieger, informiert. Ich bin fest der Überzeugung, dass wir nicht die Probleme von RWE bekommen.

Oder die von Vattenfall in Hamburg-Moorburg. Dort soll ein hochmodernes Kohlekraftwerk entstehen. Die Grünen sind dagegen – und das Problem ist in der schwarz-grünen Koalition erst einmal vertagt. Ihrem Wunsch, stärker in die Gaswirtschaft zu investieren, müssten in Hamburg doch Kränze geflochten werden.

Während der schwarz-grünen Verhandlungen ist auch die Meinung von EnBW eingeholt worden – als energiewirtschaftliche und technische Expertise.

Und was hat die ergeben?

Dass ein Kohlekraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung wie Vattenfall es in Moorburg bauen will, für den dortigen Grundlastbedarf der Industrie und des Hamburger Hafens genau das Richtige ist. Das habe ich Bürgermeister Ole von Beust persönlich gesagt. Gas ist dort nicht ideal – und zwar aus wirtschaftlichen Gründen. Man kann Gas zurzeit schwer auf dem Weltmarkt einkaufen. Langfristige Verträge wie sie früher mit 35 oder 40 Jahren üblich waren, gibt es kaum mehr und sind nur sehr schwer zu akquirieren. Deshalb ist das wirtschaftliche Risiko bei Gas größer als bei Kohlekraftwerken.

Ihre Einschätzung steht im Gegensatz zur allgemeinen Gas-Euphorie. Pläne von E.On und RWE, sich für viel Geld an interkontinentalen Gaspipelines zu beteiligen, deuten in eine andere Richtung.

Wir wollen auch Gaskraftwerke bauen, die aber weniger für Grundlasten ausgelegt sind als für die Deckung von Spitzenbedarf. Für Grundlast, wie sie die Großindustrie braucht, ist Kohle geeigneter. Deswegen sind Kohlekraftwerke unverzichtbar für einen Energiemix in Deutschland. Beim Gas ist aber die wichtigste Frage, woher und wie bekommen wir es? Und da ist unsere Antwort eben nicht, dass wir uns an kostspieligen Pipelines beteiligen oder uns um Förderrechte auf sibirischen Gasfeldern bewerben – weil dies teuer und risikoreich ist –, sondern dass wir solide Lieferverträge mit möglichst vielen langfristig denkenden strategischen Partnern abschließen und dass wir dieses Gas in Speichern verfügbar halten, um es bedarfsgerecht zu verkaufen. Ich will beim Gas nicht nur auf Kundenbasis wachsen, sondern will Kraftwerksgas am Markt anbieten können.

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