Hanspeter Spek im Interview: „Die Preise für Medikamente fallen“

Hanspeter Spek im Interview: „Die Preise für Medikamente fallen“

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Hanspeter Spek, Sanofi-Aventis

Hanspeter Spek, Pharmachef bei Sanofi-Aventis, spricht über die Krise der Branche. Und warum er trotzdem weiter auf Größe setzt.

WirtschaftsWoche: Herr Spek, 2007 war ein miserables Jahr für die Pharmabranche. Den Unternehmen sind etliche, einst hoffnungsvolle Medikamente abgestürzt. Was läuft da schief? Sind die Unternehmen zu groß, zu schwerfällig, zu unübersichtlich geworden?

Spek: Der Schriftsteller Ernst Jünger hat sinngemäß einmal gesagt: „Alles, was groß ist, fordert die Natur heraus.“ Das stimmt sicher auch für die Pharmaindustrie.

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Konzerne wie Pfizer, Novartis und eben auch Sanofi-Aventis haben stets auf Größe gesetzt und viele andere Unternehmen gekauft. Aber die Produktivität hat das kaum gesteigert. Ist die Strategie von Sanofi-Aventis noch richtig?

Wenn man groß ist, kann man Rückschläge besser wegstecken. In der Pharmaindustrie ist man naturgemäß vor Überraschungen nie sicher. Im Jahr 2006 haben wir etwa für unser Thrombosemittel Plavix unvermittelt Konkurrenz durch ein Generikum bekommen...

...also durch ein billigeres, nachgebautes Präparat.

Und das, obwohl unser Patent noch gültig ist, wie inzwischen auch gerichtlich bestätigt wurde. Trotzdem hat sich der Umsatz von Plavix während dieser Zeit um mehr als eine Milliarde Euro reduziert. Das kann man nur kompensieren, wenn man wie wir über ein Umsatz-volumen von mehr als 28 Milliarden Euro verfügt.

Für 2007 Jahr hatten Sie große Hoffnungen in die Schlankheitspille Acomplia gesetzt, die aber von der US-Gesundheitsbehörde FDA wegen erhöhter Selbstmordgefahr bei Testpatienten nicht zugelassen wurde.

Die europäische Zulassungsbehörde sieht das anders und hat Acomplia zugelassen. Das Problem mit der FDA betrifft ja nicht nur uns: Dort wurden in diesem Jahr nur acht neue Wirkstoffe zugelassen. Früher waren das mehr als 20 Wirkstoffe pro Jahr. Seitdem aber das Schmerzmittel Vioxx vom US-Konzern Merck mit Herzinfarkten in Verbindung gebracht wurde, ist die Behörde übersensibilisiert. Zudem steht die FDA gerade im Wahlkampf zwischen Republikanern und Demokraten, hat in den vergangenen Jahren einige Chefs erlebt und ist mit sich selbst uneins. Das alles führt dazu, dass die FDA sehr viel zurückhaltender und für die Industrie sehr viel weniger voraussehbar agiert als zuvor.

Vielleicht entwickelt die Pharmaindustrie auch einfach nur weniger und schlechtere Medikamente.

Das sehe ich anders und komplizierter. Unsere Industrie steht in gewisser Weise am Ende eines Innovationszyklus: Die traditionelle Forschung, die vor allem auf synthetische Moleküle gesetzt hat, ist zu einem guten Teil ausgereizt. Neue Zyklen wie die Anwendung der Bio- und Gentechnologie sind noch nicht so fruchtbar, dass dies kompensiert werden könnte.

Was heißt das für die Unternehmen?

Neben der Verstärkung dieser neuen Forschungsansätze müssen wir viel mehr auf die Bedürfnisse der Patienten achten. Wir brauchen auch andere Manager, neben Produktmanagern benötigen wir auch Verbrauchermanager und wir dürfen uns nicht nur auf Innovationen konzentrieren. Die Krankenkassen müssen sparen, wollen weniger bezahlen und sehen Innovationen zunehmend kritischer. Wir erleben das gerade bei Acomplia. Wenn ich dann sehe, dass etwa ein Kombinationspräparat aus zwei bekannten, bereits lange erforschten Substanzen zur Blutdrucksenkung in den USA ein großer Erfolg ist, dann muss ich sagen: Wir können nicht nur Neuheiten entwickeln, sondern müssen auch mehr aus bekannten Substanzen machen.

Heißt das, die Unternehmen sollen weniger an Innovationen forschen?

Das ist die falsche Logik. Die Industrie muss in beiden Richtungen arbeiten. Wir brauchen sowohl Innovationen als auch kostengünstige, etablierte Medikamente.

Welche Erfahrungen machen Sie mit deutschen Krankenkassen und Politikern?

Wir sind immerhin das größte Pharmaunternehmen in Deutschland und beschäftigen hier mehr als 10 000 Mitarbeiter. Das Problem in Deutschland ist der fehlende Planungshorizont. Es gibt meist unvorhersehbare Reformen, und als Folge war die Front zwischen Industrie, Gesundheitsbehörden und Kassen verhärtet. Aber ist man Optimist, kann man vielleicht aktuell vom Beginn eines Dialogs sprechen. Allerdings bleibt es beunruhigend, dass die Arzneimittelpreise in Deutschland wie in keinem anderen Land fallen, dass viele unserer Medikamente, teilweise auch noch patentgeschützte, nur noch bis zu einem sogenannten Festbetrag erstattet werden und nicht als Innovationen anerkannt sind. So kommt es nicht von ungefähr, dass in Deutschland alle großen Pharmaunternehmen ihre Strukturen, und dies nicht nur im Außendienst, reduzieren.

Und das hat Sanofi-Aventis auch vor?

Wie immer werden wir zunächst mit den Arbeitnehmervertretern sprechen. Ich glaube aber, dass die Effizienz der Außendienste insgesamt schwindet, da es keinen Sinn macht, beim Arzt Medikamente zu bewerben, die dann nicht von den Kassen erstattet werden.

Welche neuen Medikamente hat Sanofi-Aventis denn noch in Vorbereitung?

Wir haben zurzeit 123 Präparate in der Entwicklung, davon 48 in späteren Phasen. Zum Beispiel erwarten wir binnen Kurzem die klinischen Ergebnisse für Multaq, ein Mittel, das Herz-Rhythmus-Störungen behandelt und das Herzinfarkt-Risiko reduziert. Wenn die Ergebnisse entsprechend sind, wird Multaq Anfang 2009 zur Verfügung stehen. Außerdem erwarten wir fast zeitgleich Ergebnisse für unser Thrombosepräparat Idraparinux. Von 2009 an wollen wir jedes Jahr zwei bis drei eigene innovative Medikamente auf den Markt bringen. Das müssen aber nicht immer Medikamente mit einem Milliarden-Umsatzpotenzial sein. Zusätzlich wollen wir jedes Jahr ein neues Medikament zukaufen.

Sie haben eben Ihre Beteiligung am US-Biotechunternehmen Regeneron ausgebaut.

Die Aufstockung unserer Beteiligung an Regeneron wurde vom Finanzmarkt außerordentlich positiv beurteilt. Grundsätzlich suchen wir nach guten Medikamenten, die 2010 oder 2011 vermarktbar sind. Ob wir dann auch das dazugehörige Unternehmen kaufen, das hängt von vielen Umständen ab.

Wie wäre es mit dem US-Konzern Bristol Myers Squibb? Das Gerücht taucht immer wieder mal auf.

Diese Frage stellt sich nicht. Für Sanofi-Aventis ist Bristol Myers Squibb ein sehr verlässlicher Partner, mit dem wir seit Jahren zwei unserer erfolgreichsten Präparate, nämlich Plavix und Aprovel, entwickeln und vermarkten. Bristol Myers Squibb will unabhängig bleiben. Außerdem würde ein Zusammengehen die Probleme, die beim Patentauslauf von Plavix in den Jahren 2011 und 2012 entstehen, zusätzlich verschärfen.

Sie könnten per Zukauf auch Ihr Impfstoffgeschäft stärken.

Daran haben wir tatsächlich sehr viel Freude. Wir sind dort Weltmarktführer vor dem US-Konzern Merck und dem Schweizer Unternehmen Novartis. Wir verfügen über den einzigen Impfstoff gegen Meningitis. Gemeinsam mit Merck vertreiben wir in Europa den Impfstoff Gardasil gegen Gebärmutterhalskrebs. Wir arbeiten aber auch erfolgreich an Vakzinen gegen die Vogelgrippe, den Dengue-Virus und verschiedene Krebsarten. Vakzine sind nicht nur innovativ, sondern auch wesentlich weniger anfällig hinsichtlich Patentauslauf und Generikakonkurrenz. Zum Thema Zukäufe: Wir schauen nach allem, was verfügbar ist. Bei der starken Polarisierung im Markt auf die führenden drei Hersteller gibt es naturgemäß Einschränkungen.

Der Impfstoffmarkt wächst stärker als der Pharmamarkt.

Wir erwarten für den Markt ein Wachstum von 10 bis 15 Prozent pro Jahr, also doppelt so viel wie für den Pharmasektor, und wir wollen unsere Position behaupten. Damit wird der Anteil der Impfstoffe am Gesamtumsatz von Sanofi-Aventis innerhalb der nächsten Jahre von heute unter 10 Prozent auf etwa 15 Prozent steigen.

Muss Sanofi nicht fürchten, übernommen zu werden? Ihre Aktionäre L’Oréal und Total werden sich mittelfristig zurückziehen. So kommen etwa 20 Prozent der Sanofi-Aktien auf den Markt; L’Oréal hat bereits Papiere verkauft.

Das ist nichts anderes als eine Normalisierung. L’Oréal und Total hatten schon länger angekündigt, dass sie ihre Positionen reduzieren werden. Andere große Pharmaunternehmen haben nie so starke Aktionäre gehabt und sind trotzdem unabhängig.

Seit Anfang dieses Jahres hat Sanofi-Aventis mit Gérard Le Fur einen neuen Chef. Der langjährige Patron Jean-François Dehecq ist in den Aufsichtsrat gewechselt. Wie haben Sie den Übergang erlebt?

Ich habe das keineswegs als Bruch empfunden. Gérard Le Fur hat ein Executive Comitee aus fünf Mitarbeitern gebildet, in dem die wesentlichen Entscheidungen vorbereitet und getroffen werden. Jean-François Dehecq hatte einen informelleren Stil, bedingt durch seine Persönlichkeit. Gérard Le Fur führt indirekter und eher kollegial.

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