Henkel-Vorstand Thomas Geitner im Interview: "Nicht im Rampenlicht"

Henkel-Vorstand Thomas Geitner im Interview: "Nicht im Rampenlicht"

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Thomas Geitner, Vorstand und Chef des Klebstoffgeschäfts bei Henkel

Thomas Geitner, Vorstand und Chef des Klebstoffgeschäfts beim Düsseldorfer Henkel-Konzern, über die Integration des amerikanischen Klebstoffherstellers National Starch, eine Branche im Verborgenen und Kleber für Tomatenpflanzen.

WirtschaftsWoche: Herr Geitner, Sie waren zuletzt sechs Jahre in Top-Positionen beim Telekomkonzern Vodafone. Was hat Ihre Frau gesagt, als Sie ihr offenbart haben, dass Sie jetzt auf Kleister machen?

Geitner: Meine Frau findet es gut, dass ich mal was anderes mache. Es gibt Aufgaben und Branchen, mit denen sie nicht einverstanden wäre. Klebstoff gehört nicht dazu.

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Wo hätte Ihre Frau ein Veto eingelegt?

Sie wäre nicht einverstanden gewesen, wenn ich etwas gemacht hätte, wo man zwangsläufig dauernd in der Zeitung steht.

In Ihrem neuen Job bei Henkel müssen Sie das nicht unbedingt fürchten. Im Gegensatz zu Persil, Pril oder Schwarzkopf stehen Klebstoffe nicht gerade im Rampenlicht.

Deswegen ist die Herausforderung bei den Klebstoffen aber nicht kleiner. Es gilt, aus den vielen Zukäufen der vergangenen 15 Jahre – ich nenne nur die US-Wettbewerber Loctite und National Starch – eine Einheit zu bauen, die die Größenvorteile für unsere Kunden, Mitarbeiter, Gesellschafter und Aktionäre nutzbar macht.

Das heißt, Sie werden die Einkaufstour erst mal nicht fortsetzen.

Zuerst muss National Starch in die Henkel-Organisation integriert werden. Das hat oberste Priorität.

Wie schafft man es, in möglichst kurzer Zeit von Mobilfunk auf Klebstoff umzuschalten?

Ich hatte den großen Vorteil, dass ich mit Alois Linder einen Vorgänger hatte, der das Geschäft nicht nur perfekt kannte, sondern es auch noch bis Ende Juni geleitet hat. So hatte ich drei Monate intensiv Zeit, die Klebstoffaktivitäten von Henkel in den jeweiligen Ländern kennenzulernen, mir Produktbereiche anzuschauen und mit Kunden zu sprechen.

Der Kauf des amerikanischen Klebstoffriesen National Starch war der bis dato teuerste Kauf von Henkel und hat den Umsatz der Klebstoffsparte auf über sieben Milliarden Euro katapultiert. Wie ist die Integration bisher verlaufen?

Die Integration läuft in Stufen. In den vergangenen drei Monaten standen in erster Linie Planungs- und Organisationsfragen im Vordergrund. Jetzt beginnt Phase zwei, die operative Integration.

Was bringen die Amerikaner Henkel?

Wir verstärken durch den Kauf von National Starch unser globales Industriegeschäft um 30 Prozent. Insbesondere in Asien erreichen wir für die Verpackungs- und die Elektronikindustrie eine wesentlich bessere Größenordnung für Innovationen und weltweiten Kundenservice.

Jeder klebt fast jeden Tag etwas, doch kaum jemand weiß, wo überall Klebstoff drinsteckt, geschweige denn, ob beim Kleben überhaupt noch viel Neues zu erwarten ist.

Es gibt immer neue Technologien und Anwendungsmöglichkeiten für das Kleben. Die Suche nach leichteren Konstruktionen im Automobil- und Flugzeugbau, aber auch bei elektronischen Geräten, zwingt die Hersteller, dünnere oder leichtere Materialien einzusetzen und Materialien zu kombinieren, die sich mit klassischen Methoden wie Nieten oder Schweißen nicht verbinden lassen. Das hat in den vergangenen Jahren deutlich zum Wachstum der Klebstoffindustrie beigetragen und wird es auch weiterhin tun.

Megatrends sind doch eher die Verminderung des CO2-Ausstoßes sowie die Erhöhung der Öl- und Rohstoffpreise...

Genau das sind die Treiber für Innovation. Viele dieser neuen Lösungen brauchen Klebstoff. Innovationen, die unseren Kunden in ihren spezifischen Anwendungsbereichen helfen, sind daher besonders wichtig. Zum Beispiel in der Automobilindustrie: Leichtere Autos verbrauchen weniger Treibstoff und verursachen weniger CO2-Ausstoß.

Dann werden Sie Ihren Forschern Dampf machen müssen. Denn in der Klebstoffsparte liegt die Innovationsrate unter dem der anderen Konzernbereiche Waschmittel und Kosmetik.

Die Innovationsrate bei den Industrie-klebstoffen kann naturgemäß nicht mit der des Kosmetik- oder Waschmittelbereichs verglichen werden. Nichtsdestotrotz wird das Thema Innovation einen hohen Stellenwert einnehmen. Die Übernahme von National Starch diente auch dazu, die Innovationsmöglichkeiten beispielsweise im Elektronikbereich zu verbessern.

Was verändert sich im Geschäft mit Klebstoff derzeit am meisten?

Klebstoff schafft neue Gestaltungsmöglichkeiten für unsere Kunden bei der Produktentwicklung und modernem Design. Henkel hat schon vor über 80 Jahren das Klebstoffgeschäft als eine Nische identifiziert und diese in den vergangenen 10, 15 Jahren konsequent gefüllt, bis hin zur Weltmarktführerschaft. Klebstoff hält nicht nur die Welt zusammen, sondern wird auch künftig Möglichkeiten bieten, nach neuen Wegen zu suchen, die ohne Klebstoff vielleicht nicht oder nicht so einfach zu finden wären.

Zum Beispiel?

Im Flugzeugbau, wo verstärkt Compositwerkstoffe eingesetzt werden, oder bei Handys. Dort tragen Klebstoffe maßgeblich zur Miniaturisierung von Elektronikbauteilen bei. Das wird sich weiter fortsetzen. Kleben ist eine spannende Branche, und man lernt jeden Tag etwas Neues.

Braucht die Welt über 30.000 Klebstoffe?

Wir haben um die 50 Basisprodukte. Es passiert allerdings ganz selten, dass wir identische Kleber an zwei oder drei verschiedene Kunden gleichzeitig liefern. Die Nachfrage ist hoch differenziert und speziell. Deshalb besitzen allein wir ein Sortiment von Hunderten Kleb- und Dichtstoffen, zu denen ständig neue hinzukommen. Wir verkaufen keine austauschbare Ware, bei der die Kunden nur fragen müssen, wo auf der Welt gibt es das vielleicht einen zehntel Cent billiger, sondern eine Problemlösung.

Das verspricht hohe Gewinne.

Natürlich wird hart verhandelt, und wir stehen im Wettbewerb. Wir verkaufen ein maßgeschneidertes Produkt mit einer Serviceleistung. Klebstoff ist ein Vertrauensprodukt. Wenn es einmal irgendwo verarbeitet ist, dann muss es auch halten. Das Risiko, den Lieferanten zu wechseln, steht häufig in keinem Verhältnis zu den erreichbaren Einsparungen.

Können Sie denn auch darauf vertrauen, dass Ihre Kleber nicht zum Schnüffeln missbraucht werden?

Für Henkel hat die Sicherheit der Verbraucher einen sehr hohen Stellenwert. Wir haben uns verpflichtet, nur Produkte und Technologien zu vermarkten, die höchsten Sicherheitsansprüchen gerecht werden und dem aktuellen Stand der Forschung entsprechen. Daher ersetzen wir schon seit vielen Jahren kontinuierlich alle Klebstoffe, die den zum Schnüffeln missbrauchten Inhaltsstoff Toluene enthalten, durch andere gleichwertige Lösungen.

Sind Sie bei Ihren Expeditionen in die Klebstoffwelt auf Anwendungen gestoßen, die Sie wirklich überrascht haben?

Na klar. Wir arbeiten bei Henkel an einem Klebstoff, mit dem Tomatenpflanzen gepfropft werden.

Und womit werden die Pflanzen geklebt?

Mit einem Cyanacrylat-Kleber, einem Sekundenkleber. Der ist organisch abbaubar.

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