Hewlett-Packard: Dramatischer Glaubwürdigkeitsverlust für HP

KommentarHewlett-Packard: Dramatischer Glaubwürdigkeitsverlust für HP

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Alles neu bei HP

von Thomas Kuhn

Der Totalumbau, den Hewlett-Packard-Chef Leo Apotheker angekündigt hat, soll den weltgrößten PC-Hersteller zukunftsfähig machen. Tatsächlich bleiben nach dem gestrigen Rundumschlag mehr Fragen offen, als beantwortet werden. Zudem hat HP mit dem strategischen Zick-Zack-Kurs das Vertrauen seiner Kunden nachhaltig ramponiert.

Die Erkenntnis ist nicht neu: Die große Boom-Zeit des PC ist vorbei. Die Phase unaufhörlich scheinenden Wachstums, der ungebremsten Ausbreitung des Personal-Computers in Unternehmen und Privathaushalten ist vorüber. Heute verschiebt die PC-Branche Jahr für Jahr Abermillionen hochgradig standardisierter Rechenknechte – bei teils winzigen Margen, die eigentlich nur noch den größten Anbietern ein profitables Auskommen sichern. IBM, der Konzern, der den Aufstieg der persönlichen Computer vor 30 Jahren initiiert hat, hat daher vor rund sechseinhalb Jahren sein PC-Geschäft an den chinesischen Hersteller Lenovo verkauft.

Insofern erinnert die gestrige Ankündigung von Hewlett-Packard-Chef Leo Apotheker, das eigene PC-Geschäft in eine eigenständige Gesellschaft auszulagern (mit der daraus folgenden Option, es leichter verkaufen zu können) auf den ersten Blick wie der Kopie einer erfolgreichen Vorlage. Denn befreit vom PC-Segment konnte sich IBM auf innovativere und margenträchtigere Geschäftsfelder konzentrieren – von Hochleistungscomputern, über High-End-Chips bis zur profitablen Software- und Service-Sparte. Und selbst der Käufer, Lenovo, verdient mit PCs inzwischen wieder gutes Geld.

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Trend geht zu Komplett-Angeboten

Doch bei HP sieht die Sache anders aus: Zwar leidet der Konzern aktuell gerade stark unter der schwachen PC-Nachfrage, gerade im Geschäft mit Konsumenten. Das in der Personal Systems Group erfasste PC-Geschäft erwirtschaftete im abgelaufenen dritten Quartal 2011 einen Umsatzverlust von drei Prozent auf 9,59 Milliarden Dollar verglichen mit dem Vorjahreswert.

Doch im Kern besetzt HP als weltgrößter Anbieter bereits die Position mit optimaler Einkaufs- und Vertriebspower. Eine Position, die sich der Konzern unter Apothekers Vorgänger Mark Hurd in hartem Wettbewerb mit dem einstigen Branchenprimus Dell erkämpft hatte. Zudem geht der Trend – gerade im margenstärkeren Geschäft mit Unternehmenskunden – immer stärker zu Komplettangeboten. Soll heißen, Unternehmen kaufen bei ihren IT-Lieferanten gerne die komplette IT-Infrastruktur ein. Und die reicht eben vom Schreibtischrechner über Speichersysteme bis zu Software und Services; sei es in den Server-Räumen der Kunden oder sogenannten Cloud-Rechenzentren, wie sie – auch – HP anbietet.

Da nun IBM kopieren und ausgerechnet die PC-Sparte ausgliedern und sich umso intensiver auf das Software- und Servicegeschäft konzentrieren zu wollen, erscheint nicht stringent. Umso weniger, als HP – gerade nach dem radikalen Sparkurs der vergangenen Jahre – längst nicht mehr die innere und in der Vergangenheit gepriesene Innovationskraft hat wie früher. Und noch längst nicht die Stärke bei Software und Services, die IBM zum Zeitpunkt des PC-Verkaufs an Lenovo bereits auszeichnete.

Das sehen offenbar auch die Investoren nicht anderes, die Apothekers strategische Kehrtwende an der New Yorker Börse böse abstraften. Unmittelbar nach Marktöffnung stürzte die HP-Aktie geradezu ins Bodenlose. Binnen einer guten Viertelstunde vernichtete der Radikalschwenk im frühen Handel mehr als ein Fünftel des Firmenwerts. Eine heftige Ohrfeige für den Konzernchef, der mit den Plänen zur Gewinnmaximierung und seiner Abkehr von HPs Wurzeln doch gerade die unzufriedenen Anleger begeistern wollte.

Zukauf als Verzweiflungsakt?

Apothekers parallel zum Umbaukonzept vorgestellter Plan, das britische Softwarehaus Autonomy für rund elf Milliarden Dollar – mit einem Plus von 64 Prozent über dem letzten Schlusskurs der Autonomy-Aktie – übernehmen zu wollen, um die eigene Softwarekompetenz im Unternehmensgeschäft zu stärken, mag strategisch sinnvoll sein. Angesichts des enormen Aufschlags erscheint er dennoch fast wie ein Verzweiflungsakt.

Wie die ganze Strategiewende Analysten und Kunden nachhaltig verwundert zurück lässt: Was will HP wirklich, und – vor allem – kann man den strategischen Ankündigungen des Konzerns überhaupt noch vertrauen. Geradezu exemplarisch zeigt sich das neue Glaubwürdigkeitsproblem, an der ebenfalls gestern erfolgten Ankündigung, das gerade erst wieder neu initiierte Geschäft mit Smartphones und Tablet-Computern nur wenige Wochen nach dem Neustart aufgeben zu wollen.

Nicht nur, dass Apotheker damit den immerhin 1,3 Milliarden Dollar teuren Kauf des Handheld-Pioniers Palm vor knapp eineinhalb Jahren offensichtlich als Totalausfall verbuchen will. Seit Monaten propagierte HP mit zunehmender Intensität, das mit Palm erworbene, hoch innovative Betriebssystem webOS – als Konkurrenz etwa zu Apples iOS oder Googles Android-Software – als Grundlage einer breiten Palette vernetzter Geräte in Büros und Haushalten etablieren zu wollen.

Bei jeder Gelegenheit – und selbst vor wenigen Tagen noch – trommelten Apotheker und seine Vertriebsmannschaft vor Kunden, Analysten und Medien für webOS und das damit verbundene Wachstumspotenzial. In wenigen Tagen sollte in Europa eine umfassende Werbekampagne für HPs neuen Tablet-Computer TouchPad sowie das neue Smartphone Pre 3 starten; nach Angaben verantwortlicher Manager „der größte Aufschlag, den wir in dem Segment je geplant haben.“

Und nun gibt der Konzernchef das gesamte Segment zum Abschuss frei. Auf welche strategische Aussage von HP können und sollen Kunden da in Zukunft noch trauen? Die Ausgliederung der PC-Sparte mag strategisch zweifelhaft sein, der Glaubwürdigkeitsverlust, den Apotheker mit seinem gestrigen Schwenk verursacht hat, ist noch weit gravierender.

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