Ilse Aichinger zum 90.: Vom tödlichen Kern guter Literatur

Ilse Aichinger zum 90.: Vom tödlichen Kern guter Literatur

, aktualisiert 01. November 2011, 07:30 Uhr
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Ilse Aichinger bei der Verleihung des Nelly-Sachs-Preises 1971.

von dpa Quelle:Handelsblatt Online

Ilse Aichinger macht sich rar. Interviews sind der Autorin ein Graus, überhaupt hat sie es schon länger nicht mehr so mit diesem, ihrem Leben. Ein Blick zurück auf das Werk einer der Größen der Nachkriegsliteratur.

Genau in ihrer Beobachtung, rätselhaft poetisch in ihrer Sprache: Mit ihrem ganz eigenwilligen Tonfall ist Ilse Aichinger zu einer festen Größe der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur geworden. Im Alter aber hat sich die Autorin des Romans „Die größere Hoffnung“ zunehmend zurückgezogen. „Sie schreibt nicht mehr und ist nur noch Privatperson“, sagte ihr Wiener Verleger Reto Ziegler der Nachrichtenagentur dpa. So müssen Veranstaltungen zu ihrem 90. Geburtstag am Dienstag (1. November) ohne Ilse Aichinger auskommen.

„Mörderisch, aber vertraut“, so charakterisiert Aichinger in einem der letzten veröffentlichten Texte ihre Heimatstadt Wien. Auf merkwürdige Weise dunkel, dabei irritierend lyrisch wirken viele ihrer Texte. Ganz ungewöhnlich erscheint auch ihr Verhältnis zur Welt in früheren Gesprächen. Heute gibt sie keine Interviews mehr. Das Leben sei eine „absurde Zumutung“, sagte sie einmal der dpa. Am liebsten würde sie verschwinden.

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Dieses „Verschwinden“, das man auch Tod nennen könnte, war für sie dabei keine erschreckende Vorstellung: „Gute Literatur ist mit dem Tod identisch“. Auch beim Schreiben sei ihr das nicht Sichtbare am wichtigsten, erklärte sie: „Alles, was man sagt oder schreibt, ist nur Fazit dessen, was man nicht sagt“.

Geprägt wurde diese Weltsicht durch dramatische Erfahrungen. Ihre Mutter, eine Ärztin, war Jüdin, der nichtjüdische Vater verließ die Familie. Im Juli 1939 konnte Ilses Zwillingsschwester Helga mit der Tante noch mit einem der letzten Kindertransporte nach England fliehen. Ilse sollte mit der übrigen Familie folgen, doch das Vorhaben scheiterte.


Durchbruch dank der Gruppe 47

Die Mutter verlor mit Kriegsausbruch ihre Stellung als Schulärztin. Mit ihr verbrachte die junge Ilse Aichinger die Kriegsjahre in einem Zimmer in der Nähe der Gestapo. So traumatisch wie die Trennung von der Schwester und die Deportation der Großmutter empfand Aichinger auch die schikanöse Behandlung durch die Wiener Behörden nach Kriegsende.

Ein Medizinstudium brach sie nach sechs Semestern ab, um ihren Roman „Die größere Hoffnung“ niederzuschreiben. In verschlüsselten Bildern beschreibt sie darin die Erfahrung des Fremdseins. Dem Misstrauen gegen trügerische Sicherheit steht eine tief empfundene, manchmal ambivalent scheinende Verpflichtung zur Hoffnung gegenüber. „Wer ist fremder, ihr oder ich? Der hasst, ist fremder als der gehasst wird, und die Fremdesten sind, die sich am meisten zu Hause fühlen“, heißt es in dem Text.

1951 wurde Aichinger erstmals von der „Gruppe 47“ eingeladen und 1952 für die Erzählung „Spiegelgeschichte“ im Ostseebad Niendorf ausgezeichnet. Bei Tagungen lernte sie auch den Lyriker und Hörspielautor Günter Eich (1907-1972) kennen, den sie 1953 heiratete. Mit ihm zog sie zunächst nach Bayern, dann nach Salzburg und bekam zwei Kinder.

Als wichtigste Werke entstanden Hörspiele („Knöpfe“) und Erzählungen („Eliza, Eliza“, 1965 oder „Kleist, Moos, Fasane“, 1987) sowie Gedichte („Verschenkter Rat“, 1978). Sie erhielt unter anderem den Nelly-Sachs-Preis, den Georg-Trakl-Preis, den Kafka-Preis und den Österreichischen Staatspreis für Literatur. 1988 ging sie zurück nach Wien, wo sie über Jahre als Stammgast im Café Demel und in den Kinos der Stadt präsent war. Das deutsche Literaturarchiv in Marbach, das weite Teile des Nachlasses von Günter Eich besitzt, hat den sogenannten Vorlass Ilse Aichingers erworben. Darin ist auch ihre Korrespondenz etwa mit Heinrich Böll, Martin Heidegger oder Nelly Sachs enthalten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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