Im Wandel der Digitalisierung: Katalog der analogen Anachronismen

Im Wandel der Digitalisierung: Katalog der analogen Anachronismen

Die Digitalisierung hat viel Segen gebracht. Und manches überflüssig gemacht, das wir lieb und in guter Erinnerung haben. Eine Übersicht über Dinge, die unsere Enkel nicht mehr kennen werden.

Fotoalbum

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Fotoalbum

Klar, die Guten werden ausgedruckt. Die restlichen Bilder bleiben auf der Festplatte, werden auf einer DVD gesichert, die beim nächsten Umzug auf Nimmerwiedersehen unter die alten PC-Programme rutscht. Und der Rechner lässt sich nicht mehr hochfahren. Pech gehabt. Also ausdrucken. Tatsächlich war es noch nie so leicht, aus ungezählten, im Urlaub aufgenommenen Digitalfotos ein fast schon professionelles Fotobuch zu machen. Für 20 Euro wird „Italien 2009“ zu einem Hochglanz-Erinnerungsband, ohne Fotoecken und Spinnenpapier. Klassisches Fotoalbum ade. Oder? Vor Tagen fiel mir ein altes hellblau-hässliches Fotoalbum in die Hände. Darin Aufnahmen von der Fahrt des Französisch-Kurses der 7. Klasse nach Paris, unter anderem jenes Bild von Giscard d’Estaing in Versailles (schräg von hinten, man erkennt den Staatsmann an der Frisur). Etwa zur gleichen Zeit ein anderes Foto, das mich in selten dämlicher Pose untergehakt mit dem Sänger Frank Zander zeigt. Bilder des Abi-Jahrgangs, wir in Barcelona, Fotos aus Südfrankreich (der erste richtige Urlaub ohne Eltern!), von einem Sportlehrgang und dem Schützenfest im Heimatort, ich mit Zylinder und Holzgewehr. Gut, dass das Internet damals der militärischen Nutzung vorbehalten war. Die Bilder haben teilweise die damals modischen runden Ecken, die Farbtreue hat gelitten, Belichtung und Schärfe spotten jeder Beschreibung. Ich möchte sie um nichts in der Welt missen. Ob sich dieses warme Gefühl des Erinnerns auch bei Fotobüchern XXL einstellt? In 20 Jahren werden wir es wissen.

Lexikon

Lexikon Quelle: Illustration: Uli Knörzer

Lexikon

Bild: Illustration: Uli Knörzer

Das Wissen der Menschheit wächst rasant, alle zehn Jahre um 100 Prozent. Von 2050 an wird es in einer komplett vernetzten Welt Schätzungen zufolge nur noch einen Tag dauern, bis wir als Weltgemeinschaft das verdoppelt haben, was wir als Wissen definieren. Vorausgesetzt, unser Gehirn wächst nicht proportional mit (was zu hoffen wäre), muss jeder Einzelne dann hart selektieren, sich spezialisieren. Allgemeinwissen, wie es die Encyclopaedia Britannica und der Brockhaus vermitteln, verliert an Relevanz. Die 21. Auflage der Brockhaus-Enzyklopädie, die vor genau fünf Jahren erschien, in 30 Bänden und mit 300.000 Stichwörtern, wird die letzte ihrer Art sein. Brockhaus, das war mehr als 200 Jahre das „Was ist was“ des Bildungsbürgers, das Aushängeschild für Status und Anspruch. Außerdem hatte man immer was Gewichtiges zum Vererben. Mittlerweile ist der Leipziger Brockhaus-Verlag mangels Nachfrage verkauft – ausgerechnet an Bertelsmann. An die Stelle gedruckter Nachschlagewerke treten Online-Datenbanken, Wikipedia ist nur die Spitze des Wer-weiß-was-Berges. Die Internet-Enzyklopädie ist kostenlos, allerdings investiert Google schon Geld in das Projekt. Ahnen Sie was? Bei Brockhaus wehrt man sich mit „Brockhaus mobil 2010“ gegen die drohende Bedeutungslosigkeit, sexy Stichwörter wie „Van Rompuy“ werben für den Brockhaus auf dem Blackberry. „Van Rompuy“ – so klingt Kapitulation. Ob die Verlagerung des Wissens vom Regal in die Datenbank wirklich clever ist, wird sich zeigen. Und zwar dann, wenn die Bildschirme schwarz und die Akkus leer sind. Wie klug sind wir bei Stromausfall?

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Telefonzelle

Telefonzelle Quelle: Illustration: Uli Knörzer

Telefonzelle

Bild: Illustration: Uli Knörzer

Beste Sprachqualität, flächendeckende Verfügbarkeit und totale Kostenkontrolle – das Telefonieren im öffentlichen Raum hatte früher vieles von dem, womit Mobilfunkanbieter bis heute Kunden ködern. Der gravierende Unterschied: Eng war’s, sehr eng. Die Bewegungsfreiheit tendierte gegen null, Telefonieren hatte etwas von Einzelhaft unter verschärften Bedingungen: Ab in die Zelle. Wer sich jemals zu zweit in einem öffentlichen Telefonhäuschen aufgehalten hat (und wer hat das nicht), musste sich schon mögen. Lange vor dem iPhone war das öPhone für Generationen junger Menschen die einzige Möglichkeit, mit Freund oder Freundin zu sprechen, ohne dass der Feind (Vater/Mutter/Bruder) mithörte. Dafür stellte man sich in einen honig-gelben Glaskasten (RAL 1005) mit einem Quadratmeter Grundfläche und Einschwenktür, holte tief Luft, legte einen Münzvorrat auf den großen, dunkelgrauen Fernsprechkasten und rieb das Geldstück am Metall, damit es nicht durchfiel. Draußen Wartende suchten sich in solchen Fällen besser eine andere Telefonzelle, es gab ja genügend. Noch 1999 – das Handyzeitalter war längst angebrochen – wurden in Deutschland immerhin noch eine Milliarde Gespräche von öffentlichen Telefonen aus geführt. 2009 waren es noch 165 Millionen.

Die Deutsche Telekom gibt die Zahl der öffentlichen Telefonstellen aktuell mit rund 80.000 an, Tendenz seit Jahren rückläufig. Um die 40.000 Telefonhäuschen und -hauben verteilen sich noch über Deutschland, der Rest sind zunehmend unzerstörbare Telefonapparate am Stock, sogenannte Basistelefone, mit denen die Telekom ihrer Versorgungspflicht in der Fläche nachkommt. Bis Ende dieses Jahres werden in Deutschland laut Schätzungen mehr als 110 Millionen Mobilfunkverträge abgeschlossen sein. Niemand braucht da, rein rechnerisch, noch Telefonzellen. Die Telekom ist, was die Zukunft der Kommunikationskästen angeht, erstaunlich optimistisch, sie berichtet von einer treuen Klientel. Eine nicht geringe Zahl von Telefonzellen-Nutzern, so heißt es, zahle die Gespräche bis heute in D-Mark. Beim Teutates! Wir befinden uns im Jahre 2010 nach Christus. Ganz Deutschland telefoniert mobil. Ganz Deutschland?

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