Ein weiterer Streitpunkt sind die Millionenbeträge, die Chiquita zwischen 1997 und 2004 als Schutzgeld an kolumbianische Todesschwadronen zahlte. Auf eine Strafe von 25 Millionen Dollar einigte sich das Unternehmen im Frühjahr mit dem US-Justizministerium, das erst vor wenigen Tagen mitteilte, dass es von einer weiteren Strafverfolgung gegen zehn beteiligte Chiquita-Manager absehen werde. Aber warum liefen nach der Selbstanzeige von Chiquita 2003 die Zahlungen noch Monate weiter? „Wir steckten in einem Dilemma,“ sagt Chiquita-Chef Aguirre, „hätten wir die Zahlungen sofort gestoppt, wären unsere Arbeiter sofort in großer Gefahr gewesen.“ Ein Jahr später verkaufte Chiquita die kolumbianischen Plantagen mit einem Millionenverlust. Immer noch ist eine Klage in Washington anhängig, die Chiquita Mitverantwortung für den Tod von 144 Personen vorwirft. Angehörige der Terroropfer wollen Chiquita zu weiteren Zahlungen zwingen. Was bei der unangenehmen Geschichte für Chiquita spricht: Der Anführer der Todesschwadron rühmte sich, alle Bananenproduzenten unter Vertrag zu haben. Aber nur Chiquita ging zur Justiz. Heute will Chiquita die Negativ-Schlagzeilen endgültig hinter sich lassen und stattdessen Gutes tun und gleichzeitig Geld machen. Das soll Fernando Aguirre, der seit Januar 2004 amtierende Vorstandschef, schaffen. Der gebürtige Mexikaner, der als junger Mann mit einem Baseball-Stipendium an die Southern Illinois University kam und sich dort früh auf Marketing konzentrierte, arbeitete nach seinem Studium insgesamt 23 Jahre beim US-Konsumgüterriesen Procter & Gamble. Dessen Hauptquartier in Cincinnati liegt gleich gegenüber der Chiquita-Zentrale. Obwohl die Research-Firma BB&T Capital Markets bereits 2004 feststellte, dass durch die unter anderem von der Rainforest Alliance testierten Fortschritte die Kosten pro Kiste Bananen um einen Dollar gesenkt werden konnten, reichte das nicht aus, um das schwankende und margenschwache Geschäft auf Dauer profitabel zu machen. 2005 erzielte Chiquita bei einem Umsatz von 3,9 Milliarden Dollar noch einen Gewinn von 188 Millionen Dollar. Der brach ein Jahr später jedoch ein, nachdem die EU höhere Zölle für Importe aus Lateinamerika installiert hatte und gleichzeitig das Quotensystem beendete. Die Bananenflut drückte die Preise, Chiquita machte 2005 fast 100 Millionen Dollar Verlust. Heute liefern Bananen nur noch 43 Prozent des Gesamtumsatzes. Aguirre will die Bekanntheit der Marke nutzen, um in margenstärkere Geschäfte vorzudringen. Für 855 Millionen Dollar kaufte Chiquita vor zwei Jahren Fresh Express, ein Unternehmen, das sich auf abgepackte Salate spezialisiert hat. 2006 jedoch der nächste Rückschlag: Mit Kolibakterien verseuchter Spinat führt zu Todesfällen in den USA. Chiquita – mit einem Anteil von rund 40 Prozent führender Anbieter in den USA bei abgepackten Salaten – hat zwar selbst keine Probleme mit verdorbenen Chargen, doch der Absatz bricht ein.
Test: Sind Sie ein Business-Profi?
Nur im sogenannten Bereich Fresh Cut sieht es gut aus. Dort versucht Chiquita mit abgepackten Apfelstückchen, Minibananen, Karotten, Erbsen, Trauben, Fruchtsäften und Salaten in den lukrativeren Snack-Markt vorzustoßen. „Ihr wollt Fast Food?“, fragt das Unternehmen und gibt die Antwort selbst : „Jetzt könnt ihr Fast Fruit haben!“ McDonald’s beliefert Chiquita mit Apfelscheiben. Auch die Sandwich-Kette Subway vertreibt Chiquita-Produkte. Und mit Unilever gibt es eine Lizenzvereinbarung für die Produktion von Eiscreme unter der Marke Chiquita. „Unsere wirkliche Herausforderung ist, unsere Produkte an mehr Verkaufspunkten verfügbar zu machen“, sagt Aguirre. Geht sein Konzept auf, könnte auch die Aktie durchstarten. Aguirres Strategie sei „ein Rezept für Profit“, loben Analysten. Mit einem Marktwert von nur knapp 700 Millionen Dollar gilt Chiquita als Übernahmekandidat. Die Deutsche Bank ist mit einem Anteil von über 13 Prozent der zweitgrößte Aktionär und hat zuletzt kräftig zugekauft. Warum sie dort investiert hat und für wen sie die Anteile möglicherweise hält? „Kein Kommentar.“ Vielleicht ist es gerade die Allianz der ungleichen Kombattanten von Finanzjongleuren und Neo-Ökos, die aus Chiquita ein gutes Unternehmen macht.













