
Fernando Aguirre handelte schnell, als er erfuhr, dass in seinem Unternehmen Mitarbeiter in illegale Transaktionen verwickelt sein könnten: sofort raus damit, nichts vertuschen. Das Resultat waren zwei Selbstanzeigen, mit denen sich der Chef des Bananen- und Früchtekonzerns Chiquita unter seinen Konkurrenten keine Freunde gemacht hat. Vor zwei Jahren teilte das US-Unternehmen der EU-Kommission mit, dass Mitarbeiter jahrelang Informationen über Preise und Liefermengen mit der Konkurrenz ausgetauscht hatten – ein illegales Kartell. Damit hat Aguirre den Kurs seines Vorgängers fortgesetzt. Der hatte schon 2003 mit einer Selbstanzeige des Konzerns beim US-Justizministerium für Aufsehen gesorgt. In Kolumbien, wo Chiquita damals Bananenplantagen betrieb, hatten Mitarbeiter Schutzgelder an Paramilitärs gezahlt, die in den USA als Terrorgruppierungen eingestuft werden. Die Selbstbezichtigungen sind Teil einer facettenreichen Geschichte – oder besser: gleich mehrerer Geschichten um ein und dasselbe Unternehmen. Da ist die Geschichte des Konzerns, der lange Zeit als Ausbeuter Lateinamerikas galt. Es folgt die Geschichte des Wandels zum Vorbild an sozialer Verantwortung. Und die der Ungläubigen, die den Verdacht hegen, Chiquita kleide sich doch nur in ein grünes Mäntelchen. Schließlich die Geschichte eines börsennotierten Bananenkonzerns, der eigentlich gar keine rechte Freude mehr am Bananengeschäft hat, sondern der versucht, auf dem Trend zu gesünderer Ernährung in neue Märkte vorzustoßen, der die Geduld der Aktionäre damit aber bisher gewaltig strapaziert. Die United Fruit Company, die Vorgängerin von Chiquita, entstand 1899 aus dem Zusammenschluss einer Eisenbahngesellschaft und der Boston Fruit Company. Das Unternehmen hatte einst ganze Regierungen im Griff, scherte sich wenig um Arbeitsbedingungen, beutete die Natur aus und bildete Preiskartelle. Schnell beherrschte United Fruit mit seiner eigenen Flotte weiß angestrichener Schiffe große Teile des Bananenhandels und hatte hatte starken Einfluss auf korrupte lokale Regierungen – auf die „Bananenrepubliken“ Lateinamerikas. „Die Krake“ – so der Spitzname – verkörperte lange den imperialen Machtanspruch der USA in der Region. 1954 kündigte der linksgerichtete Präsident in Guatemala, Jacobo Arbenz Guzman, eine Verstaatlichung von Grundbesitz an. United Fruit war damals der größte Landbesitzer in Guatemala. Doch der US-Geheimdienst CIA zettelte über eine Söldnertruppe um den Exil-Guatemalteken Castillo Armas den Sturz der Regierung an. Bereits 1944 führte der Bananenkonzern die Marke Chiquita ein und entwickelte die erste Version des gelb-blauen Logos, das eine fröhliche Tänzerin mit einem Früchtekorb auf dem Kopf zeigt. 1990 gab das Unternehmen den belasteten Namen United Fruit auf und taufte sich in Chiquita Brands International um. Zwei Jahre später startete – erst zögerlich – die Zusammenarbeit mit der Umweltorganisation Rainforest Alliance.
2001 flüchtete sich der Konzern, der wegen des Bananen-Handelskriegs mit der EU und einem weltweiten Überangebot der Früchte in die roten Zahlen gerutscht war, unter Gläubigerschutz. Durch die Sanierung schüttelte Chiquita 700 Millionen Dollar Schulden ab. Danach verzeichnete der Bananenmulti vor allem Erfolge in der Disziplin „Gutes tun und darüber reden“. 2002 trat das Unternehmen der Ethical Trading Initiative bei. Es wurde zu den Top 20 der grünen Aktien gekürt und sammelte Preise für sein Engagement. Die Gruppe Social Accountability International schaut sich die Arbeitsbedingungen auf den Chiquita-Plantagen an. 2002 schloss Chiquita als erster Bananenkonzern Vereinbarungen über Arbeitsbedingungen und Löhne mit den zentralamerikanischen Gewerkschaften. „Chiquita hat die Latte für die gesamte Industrie sehr hoch gelegt“, sagt Gary Taylor von der Environment-Group und Co-Autor eines Buchs über Chiquita. Auf Chiquita-Plantagen nahm der Pestizidverbrauch deutlich ab, es wird heftig wiederverwertet, Arbeiter tragen Schutzkleidung, es gibt Aufforstungsprogramme. Trotzdem gibt es Kritik. Der Rotaugenfrosch, der neben Miss Chiquita auf Bananen prangt, könne in den Monokulturplantagen trotz dosiertem Chemie-Einsatz nie überleben, die Zertifizierung durch die Rainforest Alliance sei „Fair Trade light“. Der wohl entscheidende Unterschied: Fair Trade, eine andere Non-Profit-Organisation, garantiert Kleinbauern, Kooperativen und Plantagen Mindestpreise für Bananen. „Bei einem meiner Besuche in Honduras brachte es einer der Bauern auf den Punkt“, sagt Dieter Overath, Gründer und Geschäftsführer von Transfair in Köln, dem deutschen Label und praktisch der Urzelle der Fair-Trade-Organisation, „der Bauer sagte: Chiquita garantiert uns die Abnahme bestimmter Mengen, aber keinen Preis, ihr garantiert uns einen festen Preis, aber keine Menge.“ Ohne Zweifel, so Overath, habe sich Chiquita aber in eine sehr positive Richtung bewegt. „Anstatt uns auf diese relativ kleinen Unterschiede zu fokussieren, möchten wir betonen, dass die strikten Standards der Rainforest Alliance und von Social Accountability grundsätzlich denen von Fair Trade sehr ähnlich sind“, sagt ein Chiquita-Sprecher.









