Industrie: Wie die Rohstoffklemme zehntausende Jobs gefährdet

Industrie: Wie die Rohstoffklemme zehntausende Jobs gefährdet

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Matthias Reimann, Knauf: Wegen der wachsenden Kosten für den Naturschutz holen Bergbaufirmen in Deutschland Kies und Gips immer öfter nur mit Verlusten aus der Grube

von Rüdiger Kiani-Kreß

Die Krise ist noch nicht ausgestanden, da steht die deutsche Industrie vor der nächsten Bedrohung: einer Rohstoffklemme. Exportverbote, Zölle, Betrügereien, aber auch überzogener Naturschutz gefährden die Grundlage Zigtausender High-Tech-Jobs. Hauptübeltäter ist China, das mit unlauterer Handelspolitik den eigenen Unternehmen Vorteile verschafft.

Wenn Ulrich Grillo aus seinem Büro im Duisburger Industriequartier Lohhausen schaut, verfinstert sich schnell seine Miene. Denn sein Blick fällt auf das Dach eines Gebäudes, das mit Solarzellen bestückt ist. „Wenn sich nichts ändert“, sagt Grillo, „produzieren wir diese Zukunftstechnologie bald nicht mehr in unserem Land.“ Der Unternehmer aus dem Ruhrgebiet ist Miteigentümer der traditionsreichen Grillo-Werke, die schon seit gut 150 Jahren Zink für Dachrinnen oder Autoreifen herstellen. Im Nebenberuf jedoch leitet Grillo den Rohstoffausschuss beim mächtigen Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in Berlin. Und das lässt ihn besorgt in die Zukunft blicken.

Denn spätestens wenn die Krise vorbei ist und der Aufschwung greift, müssen Solaranlagenhersteller, aber auch andere deutsche Industrieunternehmen um die Grundlage ihres Geschäfts fürchten – genügend Rohstoffe. Nicht nur ausgefallene Metalle wie Molybdän oder Gallium, die in modernen Sonnenkollektoren stecken, drohen knapp zu werden. Auch bei Allerweltsmaterialien wie Kupfer, Eisen und Aluminium könnte es eng werden. Fehlt es daran, wird statt in Deutschland zunehmend dort produziert, wo die Rohstoffe verfügbar sind. Jobs sind in Gefahr.

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„Wenn wir nichts dagegen tun“, fürchtet Grillo im Interview mit wiwo.de, „schrumpft unsere Industrie mit Millionen von Arbeitsplätzen und damit unser Wohlstand.“ Auf den ersten Blick passen solche Kassandrarufe nicht in die Zeit. Die deutsche Industrie und ihre Wettbewerber im Ausland quälen sich gerade aus der wohl schwersten Krise der vergangenen Jahrzehnte, die Produktion bewegt sich auf niedrigem Niveau. Da scheint die Versorgung mit Rohstoffen zweitrangig.

Rohstoffe sind bereits knapp

Doch der Eindruck täuscht. Trotz Rezession sind einige Rohstoffe bereits knapp, etwa die seltenen Erden, wie die raren High-Tech-Metalle heißen, die beim Bau von Elektroautos, MP3-Spielern und Windkraftwerken unentbehrlich sind. Bei anderen ist der Preisverfall durch Überangebot zu Beginn der Krise längst dem fiebrigen Wiederanstieg gewichen. Blei und Kupfer kosten schon wieder so viel wie in der Boomjahren 2006 bis 2008. Und das ist nach Meinung von Experten erst der Anfang. „Wir müssen uns auf Engpässe einrichten“, sagt Lorenz Erdmann, Analyst am Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung aus Berlin.

Grafik: Kosten Naturschutzauflagen

Grafik: Kosten Naturschutzauflagen

Wären das allein Folgen explodierender Nachfrage, träfe dies alle Unternehmen der Welt gleich, und die deutsche Industrie könnte damit leben. „Wir werden es alle nicht mehr erleben, dass uns die Metalle ausgehen“, beruhigt Armin Schmiedeberg, Rohstoffspezialist der Unternehmensberatung Bain & Company, alle Endzeitpropheten.

Doch die Rohstoffverknappung ist vielfach das Ergebnis von Handelsbeschränkungen, Unternehmensfusionen und unlauteren Machenschaften bis hin zu Betrügereien. Leidtragende sind nicht alle Unternehmen, sondern nur diejenigen, gegen die sich die hinterhältigen Fouls richten – darunter renommierte deutsche, die deswegen um ihre Wettbewerbsfähigkeit fürchten. Wie sie schon jetzt um ihre Rohstoffe gebracht werden, berichten Betroffene jetzt erstmals in der WirtschaftsWoche. Selbst wohlgemeinter Naturschutz, so das Beispiel des Gipsherstellers Knauf aus dem fränkischen Iphofen, kann zu Engpässen führen.

Direkte Profiteure der Verknappung und Verteuerung sind nicht selten die wenigen großen Bergbaukonzerne, die dank ihrer Marktmacht höhere Preise durchsetzen können. Xstrata und Glencore aus der Schweiz, Vale aus Brasilien und die multinationalen Rio Tinto, BHP Billiton und Anglo American fördern 50 bis 80 Prozent der wichtigsten Metalle.

Die zentrale Rolle im Kampf um Rohstoffe und Jobs spielen aber die Schwellenländer. „Staaten mit den größten Vorkommen wie China und Russland wollen mithilfe ihrer Bodenschätze den Sprung vom Erzlieferanten zum Produzenten hochwertiger Industriegüter schaffen“, sagt Joachim Rotering, Spezialist für die Rohstoffbranche der Unternehmensberatung Booz.

Bei den seltenen Erden hat China leichtes Spiel, weil bis zu 97 Prozent aller heute abbaubaren Vorkommen im Reich der Mitte lagern. Bei Lithium, dem Grundstoff für Akkus vom Handy bis zum Elektroauto, versuchen die Chinesen, sich gerade die Vorkommen in Bolivien zu sichern, die nach den chinesischen zu den größten der Welt zählen. Peking will die Regierung in La Paz herumkriegen, indem sie dem armen Land Kredite, Industriegüter und Waffen anbietet, die es von westlichen Staaten nicht erhält.

Bislang ließen die Industrieländer China weitgehend unbehelligt. Doch die Chinesen nutzen die Krise offenbar immer mehr, um mit ihrer Rohstoffpolitik westlichen Unternehmen das Geschäft zu verderben und am Ende gar deren Produktion zu gefährden. „Dem muss die Regierung mit allen Mitteln politisch zuvorkommen“, sagt Unternehmer Grillo.

Die WirtschaftsWoche hat recherchiert, wie stark die Rohstoffklemme einzelne Branchen betrifft. Lesen Sie weiter in den folgenden Artikeln:

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