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Arzneimittelgesetz: Diese Kröte wollen Pillenproduzenten nicht schlucken

von Jürgen Salz

Tricksen, drohen, boykottieren – die Medikamentenhersteller kämpfen gegen das neue Arzneimittelgesetz, das sie als Innovationsbremse empfinden und das ihren Umsatz mindert.

Medikamente Quelle: dpa
Die Medikamentenhersteller kämpfen gegen das neue Arzneimittelgesetz Quelle: dpa

Die Neunzigerjahre des vergangenen und die frühen Jahre dieses Jahrhunderts, das waren noch Zeiten für die Lobbyisten der deutschen Pharmaindustrie. Eine amtliche Positivliste mit nützlichen Pillen, die wirkungslose Präparate von der Verordnung durch die Ärzte weitgehend ausschloss – in den Hinterzimmern der Politik verhindert. Ein geplantes Spargesetz zulasten der Pharmabranche – 2004 bei einer Rotweinrunde mit Kanzler Gerhard Schröder gegen die Zahlung von 200 Millionen Euro an die Krankenkassen abgewehrt.

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Ernüchtert klagte der frühere Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) damals, dass die Politik vor der Pharmaindustrie kapituliere und die Arzneimittelhersteller wichtige, sinnvolle Gesetze boykottierten.

Vorbei und vergangen. Aus den wirkmächtigen Pharmalobbyisten von gestern ist eine fast nur noch erfolglose Truppe geworden. Ein neues Arzneigesetz namens Amnog, das klar zulasten der Medikamentenindustrie geht, konnten sie ebenso wenig verhindern wie einen erhöhten Zwangsrabatt, den die Unternehmen an die Kassen abführen müssen. In ihrer Verzweiflung greifen die Hersteller und ihr Branchenverband VfA (Verband forschender Arzneimittelhersteller) schon mal zu Mitteln, die bis vor Kurzem noch als unschicklich galten. Sie benehmen sich wie Kinder, die beim Klauen von Bonbons erwischt wurden. Sie trotzen, tricksen und und drohen.

Kritische Prüfer

Bewertung ausgewählter Arzneien durch den gemeinsamen Bundesausschuss*
HerstellerMedikamentIndikationUrteil*
Astra-ZenecaBriliqueHerz/Kreislaufbeträchtlicher Zusatznutzen
Boehringer IngelheimTrajentaDiabeteskein Zusatznutzen
Merck & Co.VictrelisHepatitis CZusatznutzen
Janssen CilagIncivoHepatitis Cnicht quantifizierbarer Zusatznutzen
Janssen CilagZytigaProstatakrebsbeträchtlicher Zusatznutzen
SanofiJevtanaProstatakrebsgeringer Zusatznutzen
InterMumeEsbrietLungenicht quantifizierbarer Zusatznutzen
GlaxoSmithKlineTrobaltEpilepsiekein Zusatznutzen
* Selbstverwaltung der Ärzte, Krankenhäuser und gesetzlichen Kassen; Quelle: GBA; Unternehmen

Dreist, aber legal

„Einige Unternehmen stecken noch in den Schützengräben“, sagt Michael Hennrich, CDU-Bundestagsabgeordneter und Mitglied im Gesundheitsausschuss.

Den Auftakt für die neuen Kämpfe machte vor gut zwei Jahren etwa der Darmstädter Konzern Merck, der auf Medikamente gegen Krebs und multiple Sklerose spezialisiert ist. Auslöser war der damalige Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP). Der hatte zum August 2010 den Zwangsrabatt, den die Pharmaunternehmen den gesetzlichen Krankenkassen auf verschreibungspflichtige Medikamente einräumen müssen, von 6 auf 16 Prozent erhöht. Daraufhin ließ sich Merck eine besondere Chuzpe einfallen. Die Hessen erhöhten kurz zuvor, Mitte Juli, den Preis für ihr Krebsmedikament Erbitux und senkten den Preis zum 1. August wieder ab. Die Preissenkung ließ sich der Konzern sodann auf den Rabatt anrechnen. Das war dreist, aber legal. Nachdem die Aktion selbst beim Branchenverband VfA übel aufstieß, stellte Merck die umstrittene Praxis jedoch ein.

Platz zehn: Abilify

Das Schiziophrenie-Medikament wurde von dem japanischen Unternehmen Otsuka Pharamaceuticals entwickelt. Hergestellt und Vertrieben wird es von Bristol-Myers Squibb.

Bild: Pressebild

Zwangsrabatt bis 2013

Noch heute leiden die Pharmakonzerne unter dem Zwangsrabatt, der erst 2013 auslaufen soll – Unternehmen wie Bayer oder Merck soll dadurch jährlich ein zweistelliger Millionenbetrag entgehen. VfA-Chef Hagen-Pfundner, im Hauptberuf Deutschland-Chef des Medikamentenherstellers Roche, markierte vor einigen Monaten den starken Mann. „Wir behalten uns vor, gegen den Zwangsrabatt zu klagen, wenn mit uns der Dialog nicht geführt wird“, sagte Pfundner. Passiert ist seither freilich nichts.

Eher trotzig verhält sich auch der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim. Das Unternehmen aus dem rheinland-pfälzischen Ingelheim entschloss sich, sein neues Diabetesmittel – unter den Bedingungen des neuen Arzneigesetzes Amnog – gar nicht erst auf den Markt zu bringen.

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 02.07.2012, 10:01 UhrClaudia44

    AMNOG längst überfällig!

    Auch wenn beim neuen Arzneimittelgesetz "AMNOG" noch hier und da nachgebessert werden muss, war die Einführung eines solchen Gesetzes längst überfällig.

    Es kann nicht sein, dass Deutschland über 60.000 Arzneimittel per Kasse erstatten muss, wenn zur optimalen Patientenversorgung nur 1500 Arzneimittel notwendig wären.
    Und dies bei leeren Kassen!

    Hier wurde von Seiten der Pharmaindustrie viel zu lange versucht, Riesenprofite (20% und mehr!) auf Kosten der Allgemeinheit (der Kassenpatienten) zu sichern!

    AMNOG = Innovationsbremse???
    Die amerikanische FDA, weist in unabhängigen Studien nach, dass die letzten 20 Jahre max. 3-4 Innovationen auf den Markt kamen, die restlichen fast 200 Medikamente als Schein-Innovationen einzustufen ist.. wovon 50% nicht einmal einen geringen Mehr-Nutzen aufweisen.
    Diese Medikamente werden jedoch im Durchschnitt deutlich teurer verkauft als ihre Vorgänger!

    Hier wird wohl für ein derzeit schon bestehendes Problem ein neuer Sündenbock gesucht!

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