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Autobauer: Werkverträge sind schlummernde Zeitbomben

12. September 2013
Korrektur: Werkvertragspartner der Mayer-Werft sollen künftig mindestens 8,50 Euro pro Stunde zahlen. Quelle: LaifBild vergrößern
Korrektur: Werkvertragspartner der Mayer-Werft sollen künftig mindestens 8,50 Euro pro Stunde zahlen. Quelle: Laif
von Harald Schumacher und Ulrike Duhm

Das wichtigste Instrument der deutschen Wirtschaft zur Flexibilisierung ist in Verruf geraten. Die Unternehmen, allen voran die Autobauer, tun alles, um sich rechtlich unangreifbar zu machen. Der Erfolg allerdings ist ungewiss.

Audi baut auf Distanz, nur ein paar Kilometer - aber auf die kommt es an. Unweit des Ingolstädter Werksgeländes soll von 2014 an ein Innovation Campus entstehen. Ein Investor aus der Immobilienbranche wird noch gesucht. In dem Gebäudekomplex sollen sich nach den Plänen von Audi Dutzende von Dienstleistern einmieten. Sie sind an der Fahrzeugentwicklung beteiligt und haben, wie in Ingolstadt erzählt wird, 6.000 Mitarbeiter. Audi will keine Zahl nennen. Wie viele Leute die Werkvertragspartner beschäftigen, das sei deren Sache.

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Die wichtigsten Fakten zu Werkverträgen

  • Was ist ein Werkvertrag?

    Ein Werkvertrag zeichnet sich dadurch aus, dass ein Unternehmen ein anderes mit der Erstellung eines Produkts oder eine Dienstleistung (eines „Werks“) beauftragt und der Auftragsnehmer dabei wirtschaftlich vollkommen selbständig ist. Er übt seine Tätigkeit also in eigener Verantwortung und mit eigenen Arbeitsmitteln aus. Er trägt also auch das Unternehmensrisiko für das Gelingen des „Werks“. Dabei kann es sich z.B. um das Reinigen eines Hotelzimmers handeln, das Einräumen von Supermarktregalen oder das Erstellen von Teilen für die Autoproduktion handeln.  

  • Worin liegt der Unterschied zur Zeitarbeit?

    Anders als bei der Zeitarbeit, für die seit Anfang 2012 ein gesetzlicher Mindestlohn gilt, gibt es hier keinen vorgeschriebenen Mindestlohn. Die beauftragten Subunternehmen bieten ihre Leistung daher oft zu deutlich günstigeren Konditionen an als Zeitarbeitsfirmen.

  • Warum sind Werkverträge problematisch?

    Werkverträge sind eine arbeitsrechtliche Grauzone. Immer wieder kommt es zu Dumpinglöhnen. Außerdem ist das Subunternehmen oft nicht so selbständig, wie es der Werkvertrag  vorsieht. Die Mitarbeiter des Subunternehmens sind häufig in den Produktionsablauf des Auftraggebers integriert, arbeiten mit dessen Werkzeug und folgen den Anweisungen der dortigen Manager. Das widerspricht dem Rechtscharakter des Werkvertrags, ist aber vielerorts gängige Praxis.

Mit dem Satelliten, fünf Autominuten vom Audi-Werk entfernt, reagiert die VW-Tochter auf die politischen und gerichtlichen Auseinandersetzungen um Werkverträge in den zurückliegenden Monaten. Vor diesem Hintergrund wird es für Deutschlands zweitgrößten Premiumautohersteller wirtschaftlich und rechtlich immer riskanter, dass ein erheblicher Teil der Entwickler fremder Firmen auf dem Konzerngelände tüftelt. Audi möchte nicht als Nächster am Pranger stehen, weil die fremden Helfer sich in der Praxis womöglich als verkappte Leiharbeiter herausstellen. Im Extremfall würden dem Konzern bei einer Niederlage vor Gericht Nachzahlungen von Sozialbeiträgen und Löhnen sowie Strafen in Millionenhöhe drohen - und obendrein ein gehöriger Imageschaden.

Also sollen die Werkverträgler umziehen, weil es auf dem Innovation Campus, sagt ein Sprecher, dank der räumlichen Trennung "eine saubere, für jedermann sichtbare Abgrenzung und klare Verantwortlichkeiten geben wird". Offen stehen soll der Campus nur Dienstleistern, die sich an die VW-Sozialstandards halten.

Wie Audi versuchen derzeit viele Unternehmen, Zigtausende von Werkverträgen zu retten, die ins Zwielicht geraten sind. Denn von Deutschlands Autoschmieden bis zur Fleischindustrie, vom Discounter bis zur Großwerft hat eine Kette von Skandalen um Dumpinglöhne und falsch konstruierte Arbeitsverhältnisse das wohl wichtigste Instrument der Flexibilisierung und Personalkostenreduzierung diskreditiert. Angelastet wird Lohndumping nun vor allem den Auftraggebern, weil diese ja den Dienstleister auswählen, um Kosten zu sparen.

Billigjobs Merkel prangert Werkverträge an

Bundeskanzlerin Merkel will gegen den Missbrauch von Werkverträgen vorgehen. Bei der Leiharbeit sei die Regierung vorangekommen, nun müsse man weitere Schlupflöcher schließen, die zu Missbrauch führen.

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Daraus ziehen die Unternehmen die Konsequenz. Die einen versuchen, ihre Dienstleister an die kurze Leine zu legen und zur Einhaltung von Sozialstandards zu zwingen. Die anderen schulen die Führungskräfte, damit sie schlummernde Werkvertragszeitbomben erkennen, bevor Medien und Staatsanwälte es tun. Allen gemeinsam ist das Bestreben, die Werkverträge so zu gestalten, dass sie rechtlich wasserdicht sind und Kampagnen gegen Lohndumping möglichst wenig Angriffsfläche bieten.

Die Verbannung vom Werksgelände wie bei Audi ist dabei nur ein Lösungsmodell. Die Meyer Werft im niedersächsischen Papenburg etwa hat sich eine Sozialcharta auferlegt und erstellt für die Werkvertragspartner einen Verhaltenskodex. Nachunternehmer sollen künftig mindestens 8,50 Euro brutto pro Stunde zahlen und die Arbeitszeit aller "auf der Werft arbeitenden Menschen mindestens den nationalen gesetzlichen Vorgaben" entsprechen. Der Grund dafür: Rumänische Meyer-Werkvertragskräfte erhielten von ihren Arbeitgebern angeblich Niedrigstlöhne. Seit zwei der Arbeiter im Juli in ihrer Unterkunft unweit des Papenburger Stadtzentrums bei einem Brand starben, versucht die Werft, ihr Werkvertragswesen neu zu ordnen.

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