Automarkt im Umbruch: „Der Diesel verschwindet schneller, als wir glauben“

Automarkt im Umbruch: „Der Diesel verschwindet schneller, als wir glauben“

, aktualisiert 05. April 2017, 12:03 Uhr
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Ein VW Tiguan in der Nähe von Bonn: Mit dem Abgasskandal des Wolfsburger Konzerns hat alles angefangen, der Diesel ist längst nicht mehr so beliebt wie früher.

von Stefan MenzelQuelle:Handelsblatt Online

Deutsche Autokäufer kaufen wieder mehr Fahrzeuge mit Benzinmotor. Auslöser sind die möglichen Fahrverbote für den Diesel. Auch in anderen Ländern geht es abwärts mit dem Selbstzünder. Die Branche schlägt Alarm.

DüsseldorfDie anhaltende Diskussion über die Zukunft des Dieselmotors sorgt für sinkende Verkaufszahlen – besonders in Deutschland. Im März sind die Dieselverkäufe deutlich zurückgegangen, wie die vom Kraftfahrtbundesamt (KBA) veröffentlichte Zulassungsstatistik belegt. Doch nicht nur in Deutschland geht das Vertrauen in den Diesel immer weiter zurück. Auch in anderen europäischen Ländern fallen die Verkaufszahlen. Für die Hersteller und die großen Automobilzulieferer wird das zum Problem.

Die Deutschen haben im März spürbar weniger Neuwagen mit Dieselmotor gekauft. Die Neuzulassungen mit dieser Antriebsvariante sind nach KBA-Angaben um 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gefallen. Der Dieselanteil lag damit nur noch bei 40,6 Prozent. Benziner verkauften sich deutlich besser als im Vorjahr. Zum Vergleich: Im Herbst 2015 lag der monatliche Dieselanteil bei allen Neuzulassungen noch bei rund 50 Prozent. Seit dem Bekanntwerden der Abgasaffäre bei Volkswagen geht es mit dem Selbstzünder in Deutschland jedoch kontinuierlich bergab.

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Im vergangenen Jahr hatte sich der Dieselanteil im Durchschnitt bei rund 45 Prozent eingependelt. Der März-Anteil von etwas mehr als 40 Prozent kommt einem regelrechten Einbruch gleich. „Dieses Ergebnis ist miserabel“, kommentiert Auto-Experte Arndt Ellinghorst vom Londoner Investmenthaus Evercore ISI die jüngsten Verkaufszahlen.

Der Grund für diesen starken Rückgang ist ziemlich offensichtlich. Viele Autokäufer treibt die Sorge um, dass sie mit einem Dieselauto künftig nicht mehr in die deutschen Innenstädte fahren können. Solange es keine attraktiven Elektromodelle gibt, steigen die Kunden auf den Benziner um. Das erklärt den kräftigen Verkaufsanstieg dieser Motorenvariante.

Zur Verunsicherung auf Seiten der Kunden hat insbesondere die Diskussion in Stuttgart beigetragen. Dort sollen von 2018 an Tagen mit hoher Feinstaub-Belastung Fahrbeschränkungen gelten. Dies wird Dieselfahrzeuge treffen, die die aktuell strengste Abgasnorm Euro 6 nicht erfüllen. Auch in anderen Großstädten drohen Fahrverbote. Diskussionen darüber gibt es etwa in Hamburg, München und Düsseldorf.

Die Verkaufszahlen beim Diesel werden in den kommenden Monaten und Jahren weiter zurückgehen, erwarten Experten. Denn außer der Diskussion um Fahrverbote sorgen strengere Abgasvorschriften dafür, dass die Autos wegen zusätzlicher Technik zur Abgasreinigung teurer werden.

In Berlin beim Verband der Automobilhersteller (VDA) werden die Sorgenfalten immer größer, dass Dieselfahrzeuge bald nur noch mit großen Abschlägen verkauft werden können. „Die anhaltende Diskussion um mögliche Fahrverbote verunsichert offenbar die Autofahrer, auch beim Neuwagenkauf“, sagte Matthias Wissmann, der Präsident des Verbands der Automobilindustrie. Er betonte, dass Diesel der neuesten Schadstoffklasse Euro 6 sauber und sparsam seien.


Alte Autos sind das große Problem

Das Problem bleiben aber die Millionen älterer Dieselmodelle nach Euro-4 und Euro-5-Norm, die viel größere Mengen an Schadstoffen in die Atmosphäre abgeben. Für diese Autos gibt es bislang keine Lösung, sollte es in immer mehr Städten Fahrverbote geben. Die Autohersteller diskutierten bereits Nachrüstsätze für die älteren Dieselmotoren, die die Autos sauberer machen könnten. Ungeklärt ist dabei, wer die Kosten für eine solche Umrüstung übernehmen würde.

Automobilprofessor Ferdinand Dudenhöffer warnt insbesondere davor, dass große Firmen das Interesse am Diesel bald verlieren könnten. In den Firmenflotten mit Dienstwagen spiele die Antriebsart wegen seines niedrigen Verbrauchs eine extrem wichtige Rolle. „In den Flotten liegt der Dieselanteil bei 70 Prozent, bei privaten Kunden sind es nur rund 25 Prozent“, sagt Dudenhöffer, der an der Universität Duisburg-Essen lehrt. Wenn große Firmen ihre Diesel-Bestellungen für die eigenen Flotten zurückfahren, würden die Autohersteller das sofort schmerzlich zu spüren bekommen.

Auch bei den Händlern wächst die Angst, dass sie bald auf ihren Dieselautos sitzen bleiben werden. Der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) spricht von einer „in weiten Teilen unsachlichen Diskussion in der Öffentlichkeit“, die die Verbraucher verunsichere.

Der Dieselantrieb sei unverzichtbar, wenn die gesetzlichen Grenzwerte beim Kohlendioxid eingehalten werden sollten. Elektroautos wird es erst nach 2020 in nennenswerter Zahl geben. Klare Aussagen der Politik seien deshalb notwendig, „die für Rechtssicherheit bei der Nutzung des nach der Immobilie höchsten Investitionsguts der Deutschen sorgen müssten“, sagte ein ZDK-Sprecher.

EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska erwartet wegen des Abgasskandals das Ende der Dieselmotoren. „Nach der heutigen Diskussion bin ich überzeugt davon, dass der Diesel viel schneller verschwinden wird, als wir uns vorstellen können", sagte sie vor dem Europaparlament. Darauf müsse sich die EU vorbereiten, auch wenn dies nicht von einem Tag auf den anderen geschehen werde.

Nicht nur in Deutschland geht der Anteil der Dieselverkäufe zurück, auch in anderen europäischen Ländern ist das wachsende Misstrauen gegenüber dieser Antriebsart zu spüren. In Spanien lag der Dieselanteil bei den Neuzulassungen im Februar noch bei 52 Prozent, im März waren es 50 Prozent. In Frankreich ist der Anteil im Monatsvergleich von 48 auf 47 Prozent zurückgegangen.

Und nicht nur in deutschen Städten müssen sich Dieselfahrer darauf einstellen, dass ihnen künftig das Leben schwerer gemacht wird. In der Londoner Innenstadt sind die Parkgebühren zu Wochenbeginn nur für Dieselfahrzeuge hochgesetzt worden – und das dann gleich um 50 Prozent. Von 2019 an soll es in der britischen Hauptstadt eine Maut für den zentralen City-Bereich geben, die besonders ältere Fahrzeuge mit höheren Abgaswerten trifft.

Quelle:  Handelsblatt Online
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