Bayer mit neuer Struktur: Dekkers und seine letzte Mission

Bayer mit neuer Struktur: Dekkers und seine letzte Mission

, aktualisiert 31. Dezember 2015, 15:24 Uhr
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Der Manager steht noch bis Ende 2016 an der Spitze des Konzerns.

von Bert Fröndhoff und Siegfried HofmannQuelle:Handelsblatt Online

Bayer startet in einer vollkommen neuen Struktur ins neue Jahr. Wie Konzernchef Dekkers Medizin für Menschen, Tiere und Pflanzen bündelt, ist in der Branche einzigartig – und muss seinen tieferen Sinn erst noch beweisen.

Düsseldorf„Die Weichen bei Bayer sind neu gestellt“, sagt der Vorstandsvorsitzende und bekräftigt: „Die neue Struktur bietet große Chancen, von denen auch die Mitarbeiter profitieren werden.“ Man wolle künftig in den einzelnen Segmenten noch schlagkräftiger operieren können.

So ist es in einer Pressmitteilung vom Dezember 2001 zu lesen, der Vorstandsvorsitzende von Bayer hieß damals Manfred Schneider. Der Aufsichtsrat des Leverkusener Konzerns hatte gerade eine tiefgreifende Neuordnung abgesegnet: Aus der integrierten Bayer AG wurde wenig später eine Management-Holding mit vier eigenständigen Teilkonzernen: Gesundheit, Pflanzenschutz, Chemie und Kunststoffe. Das Aufbrechen des Konzerns, das war Schneider damals klar, wird „für viele Mitarbeiter nicht einfach sein“, wie er sagte. Es werde Flexibilität nötig sein.

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Das gilt 14 Jahre später wohl genauso. Denn zum 1. Januar 2016 macht Bayer in Sachen Konzernstruktur gewissermaßen kehrt. Die Holdingstruktur mit den Teilkonzernen wird abgeschafft. Bayer wird im neuen Jahr wieder ein integriertes Unternehmen sein, das seine operativen Gesellschaften in drei Divisionen neu zusammensetzt. Grund dafür ist weniger die Lust, alle 14 Jahre mal etwas Neues zu machen. Es ist die Metamorphose, die Bayer in dieser Zeit erlebt hat.

Erst wurde im Jahr 2005 die Chemietochter unter dem Namen Lanxess verselbstständigt. Ab diesem Zeitpunkt stand die Frage im Raum, ob und wann sich der Konzern auch von seiner Kunststofftochter Material Science trennt. So etwas geht bei Bayer nicht von heute auf morgen – schließlich ist die Herstellung von Kunststoffen eine der Wurzeln des 1863 gegründeten Unternehmens.

Dass das Geschäft von Bayer Material Science (BMS) ganz anderen Gesetzen als das Pharma- und Agrochemiebusiness folgt, war längst klar. Seit 2010 aber wurde den Akteuren immer deutlicher, dass Bayer nicht länger mit voller Kraft und Ausdauer auf drei Hochzeiten tanzen kann. An vorderster Stelle vertrat diese Sicht der neue Chef: Marijn Dekkers.

Der Holländer mit amerikanischem Pass wusste genau, dass der Konzern die ihm zur Verfügung stehenden Mittel allein für den Erfolg im Pharmageschäft und im Pflanzenschutz braucht. Die Entwicklung von Medikamenten und von Pflanzenschutzmittel wird immer aufwendiger und teurer. Beide Branchen erfasst eine Übernahmewelle, die immer größere und finanzkräftigere Konkurrenten entstehen lässt.


Neuordnung folgt tieferem Sinn

Im Sommer 2014 entwarf Dekkers den Plan zur Abspaltung von BMS, im Herbst segnete der Aufsichtsrat dies ab. Ein Jahr später, im September 2015, wurde die Kunststofftochter unter dem Namen Covestro abgespalten und wenige Wochen später an die Börse gebracht. Der Weg war frei für eine Neuordnung der Bayer-Organisation.

Nach 14 Jahren wird die Holdingstruktur wieder aufgegeben. Am 1. Januar 2016 startet Bayer als integrierter Konzern mit drei Divisionen: Das Geschäft der bisherigen Tochter Bayer Healthcare wird aufgeteilt in eine Division Pharma – also verschreibungspflichtige Medikamente – und eine Division Consumer Health, die verschreibungsfreie Mittel wie Aspirin und Bepanthen vermarktet. Dritte Division ist die Agrarchemie. Der neue Konzernvorstand wird erweitert um die Chefs dieser drei Einheiten.

Dies sind aber nur die strukturellen Änderungen. Die Neuordnung folgt aus Sicht von Dekkers einem tiefen Sinn: Er sieht Bayer als innovatives Unternehmen, das sozusagen Medizin für Menschen, Tiere und Pflanzen herstellt. Der leidenschaftliche Forscher sieht große Chancen darin, dass alle Lebewesen im Grunde gleichen molekularen Mechanismen folgen. „Diese Gemeinsamkeiten wollen wir unter einem Dach zu unserem Vorteil nutzen“, sagt Dekkers. Die drei Divisionen sollen sich in der Forschung künftig gegenseitig befruchten.

Bayer geht damit einen Sonderweg. Alle großen Konkurrenten sind zu „Pure Playern“ geworden. Sämtliche führenden Pharmakonzerne haben ihre Agrochemiesparten abgegeben. Nur Bayer schreibt sich jetzt wieder das so genannte Life-Science-Konzept auf die Fahne, wie es in der Branche Ende der 1990er-Jahre angesagt war. Den Mehrwert als Life-Science-Konzern muss Bayer erst noch beweisen, kommentiert Analyst Peter Spengler von der DZ Bank.

Dass dies tatsächlich funktioniert, ist Dekkers große Aufgabe im letzten Jahr an der Bayer-Spitze – Ende Dezember verlässt er den Konzern. Im Frühjahr wird der Aufsichtsrat über seine Nachfolge beraten. Gesetzt als Nachfolger gilt Werner Baumann, der im Vorstand Strategie und M&A verantwortet. Er ist Favorit von Aufsichtsratschef Werner Wenning. An Dekkers Seite wird Baumann die Neuorganisation mit Leben füllen müssen.

Die Herausforderungen in den drei künftigen Divisionen sind jedenfalls groß.


Pharma: Harte Konkurrenz für Top-Produkte

Das Geschäft mit verschreibungspflichtigen Medikamenten ist seit einigen Jahren wieder das Glanzlicht des Bayer-Konzerns und hat damit auch die Aktie der Leverkusener beflügelt. Denn gleich mehrere erfolgreiche Neuentwicklungen sorgen für kräftiges organisches Wachstum. Im vergangenen Jahr legte die Sparte währungsbereinigt um elf Prozent auf 12 Milliarden Euro Umsatz zu. Bayer ist damit größter deutscher Arzneimittelhersteller und Nummer 15 weltweit.

Im laufenden Jahr dürfte das Wachstum ähnlich kräftig ausfallen. Ende September lagen die Erlöse 16 Prozent über Vorjahresniveau, wechselkursbereinigt entspricht das einem Plus von zehn Prozent. Bayer gehört damit weiterhin zu den am stärksten wachsenden Arzneimittelherstellern.

Für Schwung sorgen dabei vor allem der Gerinnungshemmer Xarelto und das Augenmedikament Eylea, die zusammen inzwischen knapp ein Drittel zum Umsatz der Pharmasparte beitragen. In den ersten neun Monaten steigerten die beiden Bestseller ihren Umsatz um 37 beziehungsweise 61 Prozent. Auch die Krebsmittel Stivarga und Xofigo verbuchen kräftig steigende Erlöse, wenn auch von niedriger Basis aus.

Eine Herausforderung für den Konzern besteht indessen darin, diesen Schwung aufrecht zu erhalten. Für die beiden Top-Produkte zeichnet sich härtere Konkurrenz ab. Zudem haben die Zulassungsbehörden eine zentrale klinische Studie von Xarelto unter die Lupe genommen, um zu prüfen, ob fehlerhafte Gerinnungsmessgeräte das Ergebnis der Studie verfälscht haben. Auch wenn Xarelto damit nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird, könnte die Stellung des Medikaments im Markt doch geschwächt werden. Für negative Schlagzeilen sorgen zudem weiterhin die Schadensersatzklagen im Zusammenhang mit den Verhütungsmitteln Yasmin und Yasminelle, denen ein erhöhtes Thrombose-Risiko angelastet wird.

Mittelfristig wird es für Bayer vor allem darauf ankommen, weiteren Nachschub aus der Forschung zu generieren. Zu den Hoffnungsträgern gehört unter anderem der Wirkstoff Finerenone, ein potenzielles Mittel gegen Herzschwäche. Auch im Krebsbereich arbeitet Bayer an weiteren Projekten in frühen Phasen der Forschung. Auf dem derzeit heißen Feld der Krebsimmuntherapie ist der Konzern allerdings nur schwach vertreten. Das könnte ein Bereich sein, auf dem sich Bayer in den nächsten Jahren noch durch neue Allianzen oder Zukäufe verstärken muss.


Consumer Health: Positive Impulse durch Merck-Marken

Im Geschäft mit verschreibungsfreien Medikamenten und Gesundheitsprodukten gehört Bayer mit seinem Topprodukt Aspirin zu den traditionsreichsten Anbietern der Branche. Dennoch stand der Bereich lange etwas im Schatten der Pharmasparte. Mit der gut zehn Milliarden Euro teuren Übernahme der Consumer-Health-Sparte des amerikanischen Konzerns Merck & Co indessen demonstrierte Bayer-Chef Marijn Dekkers 2014 auch auf diesem Feld deutliche Wachstumsambitionen.

Mit inzwischen gut sechs Milliarden Euro Jahresumsatz gehört Bayer nun zu den drei führenden Anbietern, neben dem US-Konzern Johnson & Johnson und der britischen Glaxo-Smithkline. Ab Januar wird das Consumer-Health-Geschäft eine der drei Divisionen des neu formierten Bayer-Konzerns bilden.

Die Sparte soll auch in den nächsten Jahren stärker wachsen als der Markt. Divisionschefin Erica Mann setzt dazu sowohl auf organisches Wachstum durch weiteren Ausbau der Marken als auch auf strategische Akquisitionen. Allerdings dürfte es bei weiteren Zukäufen wohl eher um kleinere Ergänzungen gehen.

Deutlich positive Impulse erhofft sich Bayer von einer Globalisierung der von Merck erworbenen Marken, die bisher zum Teil nur auf dem US-Markt vertrieben wurden. Den Umsatz mit dem Allergiemittel Claritin etwa hofft man im Laufe der nächsten Jahre zu verdoppeln.

Für Spartenchefin Mann wird es dabei auch darauf ankommen, die operative Marge von derzeit etwa 18 Prozent weiter zu verbessern. Denn nach dem hohen Kapitaleinsatz für den jüngsten Zukauf lässt die Kapitalrendite noch zu wünschen übrig. Sie dürfte mit etwa sieben Prozent im laufenden Jahr noch deutlich unter dem Niveau der beiden übrigen Sparten liegen.


Cropscience: Platz drei geht wohl verloren

Im Geschäft mit Pflanzenschutzmitteln und Saatgut ist Bayer bisher der drittgrößte Anbieter auf dem Weltmarkt. Der Fokus liegt auf der Herstellung von Mitteln gegen Pilzbefall und Unkraut sowie gegen Insektenbefall. In den ersten neun Monaten 2015 entfielen auf Pflanzenschutzmittel rund 6,2 Milliarden Euro Umsatz. Das Saatgutgeschäft ist mit einem Neunmonats-Umsatz von rund einer Milliarde Euro vergleichsweise klein.

Konjunkturell läuft es in dem Geschäft nach vier guten Jahren nicht rund. Vor allem die Wirtschaftskrise in Brasilien belastet alle Agrarchemieanbieter. Allerdings kommt Bayer damit besser klar als die amerikanischen Konkurrenten. Der Umsatz von Cropscience blieb in den ersten neun Monaten stabil bei 7,9 Milliarden Euro.

Mögliche Zukäufe würde Bayer gleichwohl in beiden Arbeitsgebieten prüfen. Für den großen Wurf, also die Komplett-Übernahme eines Agrarchemie-Konkurrenten fehlt dem Konzern aber die Finanzkraft. Das große Fressen in dem Sektor wird also ohne die Leverkusener stattfinden. Die ohnehin schon stark konzentrierte Branche wird sich weiter konsolidieren: Von den derzeit sechs großen Anbieter werden in wenigen Jahren nur noch vier übrig sein, so lautet zumindest die Wette in der Branche.

Platz drei wird Bayer Cropscience schon bald verlieren. Aus der Fusion von Dow Chemical und Dupont in den USA wird ein neuer Agrochemie-Weltmarktführer mit 18 Milliarden Dollar Jahresumsatz hervorgehen, der Syngenta und Monsanto auf die Plätze verweist. Letztere haben jüngst eine mögliche Fusion abgeblasen – ein Neuversuch ist nicht ausgeschlossen. Für Bayer könnte es im Zuge der Fusionswelle interessante kleinere Kaufgelegenheiten von Geschäften geben, die die neu formierten Konkurrenten abgeben müssen.

Quellle:  Handelsblatt Online
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