Bayer und Evotec: Im Kampf gegen Nierenversagen

Bayer und Evotec: Im Kampf gegen Nierenversagen

, aktualisiert 21. November 2016, 16:30 Uhr
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Das Bayer-Kreuz am Köln-Bonner Flughafen: Der Konzern kooperiert mit einem Biotechunternehmen.

von Siegfried HofmannQuelle:Handelsblatt Online

Der Pharma- und Chemiekonzern Bayer hat sich mit dem Biotechunternehmen Evotec zusammengetan, um ein neues Medikament gegen Nierenversagen zu entwickeln. Doch die Forschungs-Allianz hat noch einen weiten Weg vor sich.

Die Zahlen sind erschreckend: Etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland, schätzt die Gesellschaft für Nephrologie, leiden an eingeschränkter Nierenfunktion. Rund 80.000 Patienten sind hierzulande auf eine regelmäßige Blutwäsche, die sogenannte Dialyse, angewiesen, 20.000 leben mit einer Spenderniere. Und noch weitaus dramatischer wirken die Daten aus den USA. Dort sind nach Schätzung der Behörde für Krankheitskontrolle (CDC) bis zu 20 Millionen Menschen von Nierenerkrankungen betroffen, viele ohne es zu wissen.

Der Bedarf für bessere Therapien ist daher im Prinzip riesig. Trotzdem spielt der Bereich in der Medikamentenforschung bislang eher eine untergeordnete Rolle – im Schatten von Herzkreis-Erkrankungen und Diabetes, die wiederum als Hauptverursacher von Nierenerkrankungen gelten. In diese Lücke wollen Bayer und Evotec mit einer Forschungs-Allianz stoßen, die sie vor wenigen Wochen vereinbart haben.

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Ziel ist es, neue, bessere Medikamente zu entwickeln, um den schleichenden Funktionsverlust der Nieren zu verzögern oder komplett zu stoppen. „Wenn man das schafft, könnte man verhindern, dass Menschen dialysepflichtig werden“, schätzt Jörg Moeller, Leiter der Pharmazeutika-Entwicklung bei Bayer. Und selbst wenn es nur gelinge, die Nierenschädigung zu verzögern, zeigt sich Evotec-Chef Werner Lanthaler überzeugt, „hätte das bereits einen dramatischen Effekt auf die Kosten im Gesundheitswesen.“

Für etwa drei Viertel aller Fälle von chronischem Nierenversagen sind Vorerkrankungen wie Diabetes und Herzkreislaufkrankheiten verantwortlich. Sie führen dazu, dass die feinen Blutgefäße der Niere nach und nach verstopfen und dadurch die Filterfunktion des Organs gestört wird. Nierenversagen wird darüber hinaus aber auch durch Entzündungen und andere, noch unbekannte Ursachen ausgelöst.

Ob es den Allianzpartnern tatsächlich gelingt, solche Funktionsstörungen mit neuen Medikamenten zu beheben, wird sich indessen erst im kommenden Jahrzehnt zeigen. Denn die Forschungs-Allianz hat noch einen weiten Weg vor sich.

Sie setzt zunächst einmal in einer sehr frühen Phase der Medikamentenentwicklung – der Suche nach günstigen molekularen Angriffspunkten für potenzielle Wirkstoffe – an. Immerhin bringen beide Partner bereits mehrere solcher „targets“ in die Kooperation ein.

Spätestens in etwa fünf Jahren, hofft Moeller, könnten aus der Allianz die ersten Wirkstoffkandidaten in klinische Tests gehen, also an Menschen erprobt werden. Auch danach wird es – selbst wenn alles gut läuft – noch einige Jahre dauern, bis konkrete Medikamente auf den Markt kämen. Vor Mitte des kommenden Jahrzehnts können Patienten daher kaum mit konkreten Ergebnissen aus der Bayer-Evotec-Initiative rechnen.

Das Langfristprojekt beleuchtet die strategische Zielrichtung beider Partner: Für Bayer geht es vor allem darum, die frühe Forschungs-Pipeline zu verbreitern und die Grundlagen für das Geschäft im nächsten und übernächsten Jahrzehnt zu legen. Mit 14 Milliarden Euro Arzneimittelumsatz ist Bayer derzeit Deutschland größter und auch wachstumsstärkster Pharmakonzern. Neuere Medikamente wie der Gerinnungshemmer Xarelto und das Augenmittel Eylea geben dem Geschäft derzeit kräftigen Schub. Viele Analysten sind jedoch skeptisch, ob der Konzern über genügend Produktnachschub für die kommenden zehn Jahre verfügt, wenn etwa ab 2024 die Patente auf die aktuellen Bestseller auslaufen.

Eine Herausforderung für den Konzern besteht darin, dass er es sich als nur mittelgroßer Akteur in der Pharmabranche nicht leisten kann, seine Wetten in der Pharmaforschung endlos breit zu streuen – zumal er nun auch die Riesenakquisition von Monsanto stemmen muss. „Wir können nicht den Anspruch verfolgen, auf jedem Therapiegebiet tätig zu sein“, räumt Moeller ein.


Auf der Suche nach „first-in-class“-Medikamenten

Bayer konzentriert sich daher im wesentlichen auf die Bereiche Herz-Kreislauf, Augenerkrankungen, Gynäkologie und Krebs. Schon 2011 beschlossen die Leverkusener, die Herzkreislauf-Forschung mit dem Gebiet der Nierenerkrankungen zu vereinen.

Mit dem Wirkstoff Finerenone verfügt der Konzern auch über einen Produktkandidaten, der sich in der Endphase der klinischen Tests befindet. Seine heilende Wirkung gegen Herzschwäche und diabetische Nierenerkrankungen wird derzeit erprobt. Bayer hofft, dass das Medikament mit weniger Nebenwirkungen einhergeht – vergleichbar mit bereits zugelassenen Substanzen.

Über Finerenone hinaus besteht aus Moellers Sicht noch ein erheblicher Bedarf an neuen Medikamenten, insbesondere für die Therapie von Nierenerkrankungen, die nicht auf Diabetes zurückzuführen sind. Mit Evotec hoffe man grundlegend neue Ansatzpunkte und Substanzen zu finden, sogenannte „first-in-class“-Medikamente.

Für Evotec bietet der Deal wiederum eine Möglichkeit, sich noch stärker als Forschungspartner und „Translations-Beschleuniger“ zu profilieren, wie es Firmenchef Werner Lanthaler beschreibt. Er bezieht sich damit auf die Schnittstelle zwischen akademischer und industrieller Forschung, an der sich das Hamburger Biotechunternehmen beteiligt.

Evotec unterhält nach eigenen Angaben inzwischen ein Dutzend Allianzen mit großen Pharmakonzernen sowie 33 Partnerschaften mit akademischen Forschungsinstituten. In die Allianz mit Bayer bringt Evotec vor allem Kenntnisse ein, die man in einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit der US-amerikanischen Harvard-Universität gewonnen hat. Die „CureNephron“-Initiative hatten Evotec und Harvard 2012 gestartet. Das Ziel: Die Mechanismen von Nierenerkrankungen aufzuklären.

Den Bayer-Deal wertet Lanthaler daher als eine Leuchtturm-Allianz für die Evotec-Strategie. Indem man eigene Forschungsallianzen in die Deals mit Pharmafirmen einbringt, glaubt er, ist Evotec in der Lage, die Übersetzung von Grundlagenforschung in die konkrete Medikamentenentwicklung zu beschleunigen. „Gerade auf dem Gebiet der akademischen Forschungs-Partnerschaften werden wir daher weiter Vollgas geben.“

Die auf fünf Jahre ausgelegte Partnerschaft mit Bayer sichert dem Unternehmen Einnahmen von mindestens 14 Millionen Euro – im Erfolgsfall eine Einmalzahlung von mehr als 300 Millionen Euro. Hinzu kommen Umsatzbeteiligungen im niedrigen zweistelligen Prozentbereich bei Produkten, die einmal aus der gemeinsamen Forschung hervorgehen.

Evotec ist mit rund 820 Millionen Euro Börsenwert derzeit der drittgrößte Wert der deutschen Biotechbranche – nach Qiagen und Morphosys. Das Hamburger Unternehmen startete in den 1990er-Jahren als Spezialist für das sogenannte Wirkstoff-Screening. Dabei handelt es sich um die Suche nach passenden Substanzen in großen Sammlungen von Molekülen. Im Laufe der Zeit hat der Konzern sein Service-Angebot im Bereich der Pharmaforschung stetig ausgebaut. Darüber hinaus betreibt Evotec in Kooperation mit zahlreichen Instituten eigene Forschungsprojekte in Bereichen, wie etwa Neurologie, Onkologie, Stoffwechsel und Entzündungskrankheiten. In den ersten neun Monaten 2016 steigerte das Unternehmen den Umsatz um gut ein Drittel auf 120 Millionen Euro und den Nettogewinn um sieben Prozent auf 11,4 Millionen Euro.

Zu den Kunden und Partnern aus der Industrie gehören neben Bayer auch Konzerne wie Roche, Johnson & Johnson sowie als größter Einzelpartner die französische Sanofi, mit der Evotec im Bereich Diabetes und Krebs forscht.

Mit Bayer ist das Hamburger Unternehmen bereits seit Ende 2012 über eine Forschungsallianz im Bereich der Gynäkologie verbunden. Aus dieser Partnerschaft ist inzwischen ein Wirkstoffkandidat hervorgegangen, mit dem Bayer jüngst die ersten klinischen Studien gestartet hat. Mit ihm soll die Endometriose, eine Krankheit, die mit übermäßigem Wachstum der Gebärmutterschleimhaut einhergeht, behandelt werden.

Ein Produktkandidat in klinischen Tests – nur knapp vier Jahre nach dem Einstieg in ein neues Forschungsfeld – gilt in der langwierigen Pharmaforschung als vergleichsweise schnell. Nicht zuletzt diese Erfahrung sei mit ein Grund, nun auch im Bereich der Nierenerkrankungen die Zusammenarbeit mit Evotec zu suchen, sagt Bayer-Entwicklungschef Moeller. Beim Einstieg in ein Therapiegebiet schaue man stets nach Partnern, „die uns helfen, schneller Fahrt aufzunehmen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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