Berlin Fashion Week: „Berlin spielt noch nicht die Rolle wie Paris oder Mailand“

InterviewBerlin Fashion Week: „Berlin spielt noch nicht die Rolle wie Paris oder Mailand“

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Otto Drögsler und Jörg Ehrlich.

von Peter Steinkirchner

Der Modemacher Jörg Ehrlich über die Bedeutung der Berliner Mode-Sause, das Schicksal großer Marken und eine vor allem in den USA berühmte Skihose.

WirtschaftsWoche: Herr Ehrlich, welchen Stellenwert hat die Berliner Fashion Week für Odeeh?
Jörg Ehrlich: Für das eigentliche Geschäft spielt Berlin eher eine Orientierungsrolle, und die ist heute enorm wichtig. Die meisten Händler werden ihre Bestellungen bei den Messen im Juli und im August in Düsseldorf und München schreiben. Sehr viele Händler schätzen da zuvor die Unverbindlichkeit von Berlin – sie kommen nicht in den Showroom und müssen sich sofort mit einem Auftrag festlegen, ob sie die Kollektion nun gut finden oder nicht. Das ist enorm wichtig. Berlin ist damit für uns und viele andere Designerlabels eine Art Vorbereitungsmesse.

Kommen genug Kunden an die Spree? Vor allem im Vergleich zu den großen Schauen in Paris und Mailand? Oder ist Berlin 1 B?
Das kommt auf die Label an – für viele ist Berlin 1A. Natürlich spielt Berlin noch nicht die Rolle wie Paris oder Mailand, das ist so. Aber man muss es in der Gesamtschau sehen – wenn man alles addiert, was hier unter Fashion Week läuft, dann hat Berlin eine unglaubliche Kraft. Wenn man Berlin reduziert auf die Schauen und danach, wer für Glamour sorgt, hat Berlin ein sekundäres Potenzial. Es gibt hier sicherlich noch Luft nach oben, was die internationalen Einkäufer anbelangt. Man muss aber eben auch sehen, dass zeitgleich in Paris die Pre-Collections-Termine gemacht werden, da kommen die internationalen Händler hin. Berlin hat zudem das Problem, dass zeitgleich in Paris die Haute-Couture stattfindet, entsprechend sind viele Mode-Redakteure in Paris und nicht an der Spree. Das ist besonders in dieser Saison ein Problem. Aber grundsätzlich hat Berlin eine enorme Bedeutung, das darf man nicht abtun.

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Ist das einer der Gründe, warum deutsche Label es auch international so schwer haben? Escada, Jil Sander oder Strenesse hatten mal eine gewisse Bedeutung?
Man muss sicherlich sehen, dass unter den deutschen Labels in den vergangenen Jahren viel passiert ist in Sachen Insolvenzen – vor allem im Premiumsegment, wenn ich an Strenesse denke oder Escada. Wir sind mit Odeeh im Designerbereich angesiedelt, und da gibt es in der Tat wenige. Aber das Segment deutscher, zeitgemäßer Designer-Labels baut sich immer mehr auf, und man muss verstehen, dass dies Zeit braucht. Wir mit Odeeh haben den Vorteil, dass wir vorher schon 20 Jahre in großen industriellen Strukturen arbeiten konnten und uns ein Netzwerk aufgebaut haben. Wenn man sich viele andere Labels anschaut, dann sind da einige wirklich sehr gute Kollektionen, die vielleicht noch Zeit brauchen, um sich zu etablieren. Hier hat die deutsche Mode ganz klar einen Nachholbedarf, aber das geht eben nicht über Nacht. Besonders Christiane Arp von der deutschen „Vogue“, all ihre Kolleginnen und Kollegen der deutschen Presse und der neu gegründete Fashion Council Germany leisten mittlerweile aber eine enorme Unterstützung.

Zur Person

  • Jörg Ehrlich

    Jörg Ehrlich ist Mitgründer und Gesellschafter des kleinen, feinen Designer-Labels Odeeh, das er zusammen mit seinem Partner Otto Drögsler 2008 gegründet hat.

Wer füllt die Lücke, die diese Namen hinterlassen haben?
Diese Lücken, die dort entstanden sind, werden sich in dieser Form nicht mehr füllen. Das muss man mal ganz unnostalgisch sagen. Die Bedeutung, die viele Premiumfirmen in der Vergangenheit hatten – Trends zu adaptieren, die vielleicht eine Saison zuvor in Paris oder Mailand gezeigt wurden ­-, das erledigen heute die Vertikalen, also Zara, Massimo Dutti, H&M. Das heißt: Die Marken, die heute dranbleiben und sich profilieren wollen, müssen ein sehr viel eigenständigeres Profil aufbauen. Es gibt ja auch einige, die das tun: Dorothee Schumacher beispielsweise, Marc Cain tut es im kommerziellen Bereich, Windsor macht es und auch Bogner ist gerade dabei, sich neu zu organisieren und zu vitalisieren. Und dann gibt es viele andere, die profillos auf der Strecke bleiben. Die Notwendigkeit ist enorm gestiegen, sich klar zu positionieren und darzustellen, über den Tellerrand zu gucken, selbstkritisch zu sein und sich international zu behaupten. Niemand kann sich mehr durchmogeln.

Escada, Jil Sander, Strenesse hatten alle mal eine gewisse Bedeutung und ökonomische Größe – sehen Sie Labels, die ein solches Potenzial bieten, in ähnliche Größen vorzustoßen?
Die Kuchenstückchen sind insgesamt kleiner geworden. Und wäre die Branche nicht in dieser permanenten fundamentalen Veränderung, so gäbe es nie Platz für Neues, auch nicht für uns. Die Anstrengungen, die man unternehmen muss, um überhaupt mitzuspielen, sind heute wesentlich größer. Viele Labels haben versucht, in neue Dimensionen vorzustoßen, indem sie eigene Stores aufgemacht haben oder mit aller Gewalt eine Internationalität forciert haben, die vielleicht gar nicht so da war. Im Vergleich dazu ist die Branche heute deutlich gemäßigter unterwegs, vielleicht aber auch realistischer.

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