BP-Chefökonom Spencer Dale: „Die Ölnachfrage wird stark steigen“

BP-Chefökonom Spencer Dale: „Die Ölnachfrage wird stark steigen“

, aktualisiert 05. November 2016, 08:29 Uhr
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Der BP-Chefökonom glaubt, dass der Einfluss der Elektroautos auf die Ölnachfrage in den nächsten 20 Jahren relativ gering bleiben wird.

von Regine Palm und Franz HubikQuelle:Handelsblatt Online

Der Ölverbrauch in den Industrieländern sinkt und wird sich noch weiter verringern. BP-Chefökonom Spencer Dale sieht das Ende des Ölzeitalter aber noch lange nicht gekommen. Im Interview erklärt er warum.

DüsseldorfDer Ölpreis ist zum Wochenende kräftig unter Druck geraten und um rund sieben Dollar je Barrel (159 Liter) auf unter 44 Dollar abgerutscht. Vor allem hohe Lagerbestände und eine hohe Produktion bei Mitgliedern des Ölkartells Opec haben den Preis gedrückt. Laut Spencer Dale, seit 2014 Chefvolkswirt des britischen Ölkonzerns BP, werden die hohen Lagerbestände auch weiterhin den Umfang und das Tempo einer Preiserholung begrenzen. Oberhalb von 50 Dollar werde zudem die Schieferölproduktion in den USA wieder anspringen. Der Experte, der von 2008 bis 2014 Chefvolkswirt der Bank of England war, erklärt im Interview mit dem Handelsblatt, warum das Ende des Ölzeitalters aber noch nicht gekommen ist.

Herr Dale, die Ölindustrie steht weltweit vor wachsenden Herausforderungen. Ende September haben sich Ölförderländer grundsätzlich auf eine Deckelung der Förderung geeinigt. Erwarten Sie, dass den Worten Taten folgen?
Ich habe keine Kenntnisse von den internen Prozessen der Opec. Die Opec gab letzten Monat bekannt, dass sie eine Vereinbarung über die zukünftigen Produktionsniveaus geschlossen hat und Details dazu im November bekannt geben möchte. Meine Erwartung ist, dass dies auch so erfolgen wird.

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Was heißt das für den Ölpreis?
Der Ölpreis wird von vielen Faktoren bestimmt, nicht nur von Entscheidungen der Opec. Das Gesamtbild zeigt, dass die physischen Märkte im Großen und Ganzen in Balance kommen. Das geschieht nun nach rund 18 Monaten, in denen es hohe Überschüsse auf der Versorgungsseite gab. Aktuell erscheint das tägliche Produktionsniveau allgemein auf einer Linie mit dem Verbrauchsniveau. Dieses Ausbalancieren hat die Bildung des Ölpreises in den letzten sechs Monaten bestimmt. Allerdings bleiben die Öllagerbestände weiterhin auf Rekordniveau und es ist wahrscheinlich, dass dadurch Umfang und Tempo einer Preiserholung begrenzt werden.

Sollte der Preis steigen, was passiert dann in der Schieferölindustrie in den USA? Wird sie die Bemühungen nicht konterkarieren?
Mit Anstieg des Ölpreises nimmt auch die Anzahl der Förderanlagen für Schieferöl-Vorkommen in den USA zu. Meine Annahme ist, dass, wenn die Preise über 50 US-Dollar verbleiben, die Anzahl der eingesetzten Bohrvorrichtungen weiter steigen wird. Dies dürfte zu einer Stabilisierung und schrittweise zu einer Steigerung der Ölproduktion in USA führen. Wie schnell sich die Schieferölproduktion erholen wird ist sehr schwer vorauszusehen, zumal es sich um den ersten Zyklus der Schieferölindustrie in den USA überhaupt handelt, den wir erleben.

Der Ölbedarf in den Industrieländern schrumpft tendenziell seit Jahren. Das macht sich gerade auch an den Tankstellen bemerkbar. Wie lange brauchen wir überhaupt noch Öl?
Der Ölverbrauch ist in den meisten entwickelten Ländern in den letzten zehn Jahren gesunken, vor allem getrieben durch eine verbesserte Effizienz der Fahrzeuge. Diese Entwicklung dürfte sich in den kommenden zehn bis 20 Jahren weiter fortsetzen. Doch die Ölnachfrage wird in anderen Teilen der Welt sehr wahrscheinlich stark ansteigen, da wachsender Wohlstand vielen Millionen Familien erstmals ermöglichen wird, ihr eigenes Auto zu kaufen. Insgesamt erwarten wir, dass sich die weltweite Ölnachfrage in den kommenden 20 Jahren um etwa 20 Millionen Barrel pro Tag erhöhen wird.


Wieso die Ölindustrie keine Angst vor dem Elektroauto hat

Wird das Elektroauto zum Sargnagel der Ölindustrie?
Elektro-Fahrzeuge sind bereits Teil der Fahrzeugflotte und es ist keine Frage mehr, ob oder wann sie zum Einsatz kommen. Sie sind schon da. Und da die Zahl von Elektro-Fahrzeugen zunimmt, wird dies den Umfang, in dem die Ölnachfrage steigt, begrenzen. Doch der Einfluss auf die Ölnachfrage über die kommenden 20 Jahre dürfte auch im Falle einer starken Zunahme bei Elektro-Fahrzeugen relativ gering sein. Ich denke daher, dass Elektro-Fahrzeuge die weltweite Ölnachfrage in den kommenden 20 Jahren nicht grundlegend verändern werden.

Früher galt das Angebot als Engpass. Inzwischen bricht die Nachfrage weg. Haben wir das Hoch hier schon gesehen?
Das Wachstum der Ölnachfrage war im letzten Jahr sehr stark und lag fast doppelt so hoch wie der historische Durchschnitt. Das zeigt, dass im Falle eines starken Preisverfalls bei Öl die Nachfrage steigt. Die Schwäche, die wir bei den Ölpreisen seit 2014 sehen, ist ein Ergebnis einer starken Überversorgung und keine Nachfrageschwäche.

Um die Welt vor dem Klima-Kollaps zu bewahren, müssten 80 Prozent der Kohle-, Öl- und Gasvorkommen im Boden bleiben. Wo sehen Sie dann das Geschäft der Zukunft?
Der Energiesektor steht vor zwei bedeutenden Herausforderungen. Zum einen muss Energie möglichst nachhaltig genutzt werden und es gilt, die Gefahren einer globalen Erwärmung zu verhindern. Zum anderen muss der Energiesektor eine ausreichende Versorgung sicherstellen, um auch den ärmsten Ländern der Welt Wachstum und Wohlstand zu ermöglichen. Wir prognostizieren, dass rund zwei Milliarden Menschen in den kommenden 20 Jahren von einem niedrigen in einen mittleren Einkommensstatus aufsteigen. Beide Herausforderungen müssen angegangen werden, wir können nicht das eine zum Nachteil des anderen bewältigen. Wie alle großen Energieunternehmen hofft BP, eine Schlüsselrolle bei beiden Herausforderungen zu spielen.

Herr Dale, vielen Dank für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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