Branche in Bewegung: Chemiekonzerne experimentieren mit neuen Lösungen

ThemaPharma

Branche in Bewegung: Chemiekonzerne experimentieren mit neuen Lösungen

von Jürgen Salz

Abspalten, kaufen, kooperieren – die deutsche Chemiebranche wird sich in den kommenden Monaten so radikal verändern wie seit Jahren nicht mehr.

Manche Konzerne werden kaum wiederzuerkennen sein. Bayer zum Beispiel. Bei der Vorlage der Quartalszahlen bekräftigte Bayer-Chef Marijn Dekkers noch einmal die Absicht, die Chemie- und Kunststoffsparte Bayer Material Science innerhalb der nächsten zwölf bis 16 Monate „als unabhängiges Unternehmen“ an die Börse zu bringen. Wie zu hören ist, wird Bayer dabei von den Finanzhäusern Morgan Stanley, Deutsche Bank und Rothschild beraten.

Beim Essener Spezialchemiekonzern Evonik gehen die Überlegungen in eine andere Richtung: Das nach BASF zweitgrößte deutsche Chemieunternehmen sondiert gerade den Markt für größere Übernahmeobjekte. Dabei soll die niederländische DSM ins Visier der Essener geraten sein.

Anzeige

Anfang des Jahres hatten die Holländer bereits einen Vorstoß von Evonik abgewiesen. Besonders ist Evonik an der DSM-Sparte interessiert, die Zutaten für Nahrungsergänzungsmittel herstellt. Neben DSM sehe sich Evonik auch Unternehmen wie den britischen Spezialchemie-Hersteller Croda International und das Schweizer Unternehmen Clariant an, sagen Insider.   

Die Bayer-Historie

  • Von einer Farbenfabrik zum Chemie- und Pharmariesen

    Der Bayer-Konzern kann auf eine lange Geschichte zurückblicken: Sie beginnt in Wuppertal Barmen vor 150 Jahren. Es war die Geburtsstunde der deutschen Chemieindustrie.

  • 1863

    Friedrich Bayer und Johann Weskott gründen am 1. August die Farbenfabrik Fried. Bayer & Co.

  • 1899

    Das Schmerzmittel Aspirin wird zum Patent angemeldet. Noch heute gehört das Medikament zu den umsatzstärksten Bayer-Präparaten.

  • 1925

    Nach gut 60 Jahren verliert Bayer seine Selbstständigkeit; das Unternehmen geht in die IG Farben auf. Aus Bayer wurde die IG Betriebsgemeinschaft Niederrhein.

  • 1933

    In Leverkusen leuchtet erstmals das Bayer-Kreuz auf. Es hatte eine Durchmesser von 72 Metern und war mit 2200 Glühbirnen bestückt. Es ist bis heute das Wahrzeichen der Stadt geblieben.

  • 1939

    Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wird die Produktion der Chemieindustrie den Zielen der Kriegsführung untergeordnet. Zwangsarbeiter vor allem aus Osteuropa wurden in vielen Betrieben eingesetzt, auch in Leverkusen.

  • 1951

    Bayer wird nach der Zerschlagung der IG Farben neu gegründet und Ulrich Haberland der erste Vorstandsvorsitzende.

  • 1978

    Bayer übernimmt das US-Unternehmen Miles, das nach dem Rückerwerb der Markenrechte in den USA 1995 in Bayer Corporation umbenannt wird.

  • 2001

    Bayer nimmt den Blutfettsenker Lipobay vom Markt, was den Konzern in eine tief Krise stürzt. Im gleichen Jahr erfolgt der Erwerb des Pflanzenschutzgeschäftes Aventis CropScience.

  • 2005

    Bayer löst das Chemie- und Teile des Kunststoffgeschäftes aus dem Konzern und bringt ihn als Lanxess AG an die Börse.

  • 2006

    Der Erwerb des Berliner Pharmaunternehmens Schering für rund 17 Milliarden Euro ist der teuerste Zukauf der Firmengeschichte.

  • 2010

    Marijn Dekkers wird Vorstandsvorsitzender. Der Niederländer mit amerikanischem Pass ist der erste externe Manager an der Spitze des Konzerns.

Eine Branche in Bewegung

Lanxess-Chef Matthias Zachert schließlich hält, etwa in Asien und im Mittleren Osten, nach Kooperationspartnern Ausschau, die über einen guten Zugang zu Rohstoffen verfügen. So will Lanxess die Wettbewerbsfähigkeit seines kriselnden Kautschukgeschäftes stärken. Zachert kann potenzielle Partner immerhin damit locken, dass Lanxess in vielen Kautschukmärkten gut positioniert ist. Möglicherweise wird er ja bereits in den nächsten Monaten fündig.

Die ganze Branche scheint in Bewegung zu sein. So wie bisher geht es nicht weiter. Abspalten, kaufen, kooperieren – mit unterschiedlichen Strategien reagieren die Chemie-Hersteller auf die sich verschärfende Krise. Selbst Branchenprimus BASF, der weltgrößte Chemiekonzern, kommt nicht mehr ungeschoren davon: Ende vergangener Woche revidierten die Ludwigshafener ihre Umsatz- und Gewinnprognose für 2015 nach unten.

"Hausaufgaben gemacht"

Es sind vor allem drei Probleme, die der Chemiebranche zu schaffen machen: Die Konjunktur läuft mau, die Rohstoffe sind zu teuer, die Energiepreise – etwa im Vergleich zu den USA – hoch. „Aufgrund der teuren Rohstoffe dürften in Deutschland und Westeuropa bald auch Cracker-Anlagen stillgelegt werden. Als erstes sind davon einfache Kunststoffe wie Polyethylen und Polypropylen betroffen“, sagt Wolfgang Falter, Chemie-Experte und Managing Director bei der Strategieberatung Alix Partners:

Auch für energieintensive Produktionen wird es schwer in Deutschland. Davon können dann auch chemische Zwischenprodukte und Kunststoffe, wie zum Beispiel  PVC (Polyvinylchlorid), betroffen sein.

Weitere Artikel

Nicht, dass die deutschen Chemieunternehmen in den vergangenen Jahren die Entwicklung verschlafen hätten:  „Die deutsche Chemieindustrie hat ihre Hausaufgaben gemacht und in den vergangenen Jahren zunehmend in den Wachstumsmärkten in Übersee investiert“, sagt Falter. Allerdings: „Immer noch findet etwa die Hälfte des Geschäftes in Westeuropa statt – einem Markt, der nicht mehr wächst.“

Der Chemie-Experte erwartet, dass sich deutsche Chemieunternehmen zunehmend mit Wettbewerbern aus dem Mittleren Osten zusammenschließen: „Die einen kennen die Märkte gut, die andern können einen günstigen Zugang zu den Rohstoffen bieten.“

Für Investoren aus dem Mittleren Osten, wo aufstrebende, große Chemieunternehmen wie Sabic oder Saudi Aramco zu Hause sind, könnte indes auch das Chemie- und Kunststoffgeschäft von Bayer interessant sein. Zwar ist ein Verkauf nicht vorgesehen; Bayer-Chef Dekkers hat klar einen Börsengang angekündigt. Aber man weiß ja nie.

„Bayer Material Science hat eine weltweit attraktive Markt- und Technologieposition in Polycarbonat und Polyurethanen, die sicherlich nicht nur für Finanzinvestoren, sondern auch für strategische Investoren - vor allem aus dem Mittleren Osten oder Asien –sehr interessant ist“, sagt Chemie-Experte Falter. „Dies ermöglicht Bayer eine wert- und nachhaltige Trennung vom Kunststoffgeschäft auch für den Fall, dass ein Börsengang aus welchen Gründen auch immer nicht erfolgreich gelingen sollte.“

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%