Chemie-Werk-Explosion: Evonik-Unfall weckt böse Erinnerungen

Chemie-Werk-Explosion: Evonik-Unfall weckt böse Erinnerungen

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Die Explosion im Chemiepark in Marl, bei der ein Mensch getötet wurde, könnte Auswirkungen auf EU-Richtlinien zur Folge haben

von Andreas Wildhagen

Dass es in Deutschland nach Jahren wieder zu einem schweren Chemieunfall gekommen ist, gibt Sicherheitsfachleuten zu denken.

Der vergangene Samstag brachte viel Unsicherheit nach Marl. Angst, gemischt mit Trauer um einen toten Chemiefacharbeiter, beherrschte die Stadt am Rande des Ruhrgebiets, nachdem eine gewaltige Explosion die Wochenendstille erschütterte. Am Montag wurde bekannt, dass ein zweiter Arbeiter seinen schweren Brandverletzungen erlegen ist. Bei einer Evonik-Tochter ging die Chemikalie Cyclododecatrien (CDT) mit einem Knall hoch und sorgte für pechschwarze, dichte Rauchwolken über dem sogenannten „Chemiepark“.

CDT ist  ein Zwischenprodukt, das auch in Kosmetik weiterverarbeitet wird. Das Gelände gehört Infracor, einer Betreibergesellschaft für Chemieanlagen, die zu Evonik gehört. Die Auslagerung und das Betreibermodell zeigen bereits, dass sich Evonik auf den Börsengang möglicherweise in diesem Jahr vorbereitet.  Dass es in Deutschland nach Jahren mal wieder einen schweren Chemieunfall gibt, gibt den Sicherheitsfachleuten allerdings schwer zu denken.

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Anfang der neunziger Jahre erschütterte eine Serie von Chemieunfällen den Frankfurter Vorort Höchst mit dem gleichnamigen Chemiewerk, das früher einmal zu den drei größten seiner Art ­– neben Bayer und BASF – in Deutschland gehört hat. Heute ist Hoechst in den französischen Konzern Sanofi aufgegangen. Der Verkauf der Chemie an die Franzosen war verbunden mit der Frustration des Hoechst-Managements, dass die Unfälle und der Austritt von Chemikalien direkt vor den Schrebergärten für gewaltige Schlagzeilen sorgten. Auch dieses Kapitel von Hoechst und die Verlegung der Pflanzenschutzproduktion nach Frankreich war Teil der Verkaufsbereitschaft des damaligen Hoechst-Managements.

Evonik steht zum Standort Deutschland. Man wird sehen, wie die zur Zeit in Nordrhein-Westfalen wahlkämpfende Politik den tragischen Unfall aufgreift. Die Atmosphäre in Marl war in der Bevölkerung anfangs verständlicherweise zwar von Angst erfüllt, aber Hysterie breitete sich nicht aus. Ausnahmsweise ist die Angst vor Chemiewolken kein deutsches Typikum. Auch in anderen Ländern würden pechschwarze Chemiewolken für große Beunruhigung bei den Anrainern sorgen. Man denke an die Proteste der Brasilianer bei den unkontrollierten Emissionen des brasilianischen Stahlwerks von ThyssenKrupp im vergangenen Jahr.

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Schwerer wiegt da der Widerstand innerhalb der Chemielobby gegen die Neufassung der EU-Richtlinie zur „Beherrschung der Gefahren bei schweren Unfällen mit gefährlichen Stoffen“ (Seveso-III-Richtlinie) vor Monaten. Die EU-Kommission wollte die Liste der Stoffe verlängern, die als gefährlich eingestuft werden und nach Brüssel gemeldet werden sollten. Damals wetterte die Lobby der deutschen Chemieunternehmen, dass „die Novelle der Seveso-Richtlinie über das Ziel hinausschießt und besonders bei mittleren Unternehmen für erhebliche Zusatzkosten sorgen“ werde. Das Kostenargument, so zeigt das Beispiel von Marl, erweist sich  angesichts der Bilder von diesem Wochenende in der breiten Öffentlichkeit als nicht gerade zugkräftig. Die Lobby muss sich künftig etwas Neues einfallen lassen.

Apropos Seveso: Die Richtlinie in der EU erhielt ihren Namen vom italienischen Ort Seveso, in dem 1976 aus einen Industrieunternehmen dioxinhaltige Giftgaswolken entwichen und Tausende Hektar Land vergifteten. So schlimm war es in Marl wirklich nicht. Aber der  RWE-Topmanager Fritz Vahrenholt, der zur Zeit sein neues Buch über die seiner Meinung nach übertriebene Diskussion um den Klimawandel promotet, schrieb Ende der Siebziger nach dem Chemieunfall in Italien das aufsehenerregende Sachbuch: „Seveso ist überall“. Auch damals in Hoechst? Auch in Marl? Das Buch, das Alarm schlagen sollte, war natürlich ein Bestseller in Deutschland – bis heute.

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