Clemens Tönnies: Von der Schlachtbank zum Fanblock

Clemens Tönnies: Von der Schlachtbank zum Fanblock

von Mario Brück und Peter Steinkirchner

Deutschlands größter Schweineschlachter und Chefkontrolleur von Schalke 04 will sich als Gutmensch der verrufenen Fleischbranche profilieren, Antibiotika in Ställen reduzieren und als Retter des Bundesligisten Sportgeschichte schreiben.

Clemens Tönnies schleicht auf Zehenspitzen. "Schauen Sie mal", sagt der 55-Jährige, selbst Vater zweier Kinder, und zeigt durch ein Bullauge, hinter dem Babys in Körbchen schlummern. Wenige Meter weiter ruft er in einen Raum, der einmal ein Fitnesscenter beherbergen soll: "Hier kommt die Sauna hin." Stolz präsentiert Tönnies den Neubau seiner Zentrale in der westfälischen Kleinstadt Rheda – mit Krippe und Wellness-Oase. In dem Gebäude mit dem Aussehen und den Ausmaßen eines schmucklosen Regionalflughafens manifestiert sich der Aufstieg vom Metzger zu einem der größten Fleischfabrikanten Europas. Er hat es mit einem geschätzten Vermögen von knapp einer Milliarde Euro unter die 100 reichsten Deutschen geschafft.

Überregional tritt der smarte Mittfünfziger zweifach in Erscheinung:

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Erstens produzierte er bis vor Kurzem gefühlt so viele Negativschlagzeilen wie Schweinehälften: mal wegen des Verdachts der illegalen Beschäftigung von Arbeitnehmern, mal wegen Lohndumpings, mal wegen Betrugs und Manipulation. Zuletzt war er angeklagt, weil bei gemischtem Hackfleisch der Rindfleischanteil zu hoch angegeben war. Im August 2011 wurde das Verfahren gegen Geldauflage von drei Millionen Euro eingestellt. Aktuell sorgt ein Gesellschafterstreit mit seinem Neffen Robert für Theater, dem die Alleingänge des Onkels offenbar zu weit gehen.

Zweitens ist Tönnies der Aufsichtsratschef des Fußball-Bundesligisten Schalke 04, als der er am Wochenende von der Schlachtbank zu den Schlachtenbummlern auf die Tribüne wechselt.

Tönnies Pläne für die Zukunft der Schweine

  • Der Netzwerker

    Kritik und negative Folgen der Massentierhaltung bedrohen den Fleischkonsum. Tönnies hat den Braten gerochen - und erkannt, dass nicht Konfrontation sondern Kooperation geboten ist. Deshalb versammelt er Wissenschaftler von Format und Rang, die erforschen sollen, wie Tierschutz und Ökonomie in Einklang zu bringen sind. Dazu hat er die Tönnies Forschung gegründet, eine gemeinnützige Gesellschaft, die Forschungsvorhaben rund um den Tierschutz fördert. Im Kuratorium sitzen etwa Tierschützer von Pro Vieh, einem 1973 gegründeten Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung. Zum ersten Symposium im November 2011 kamen alle wichtigen Fleischeinkäufer der Supermarktketten nach Berlin. Damit hat der clevere Netzwerker Tönnies eine Gesprächsplattform für die Fleischbranche und ihre Kritiker geschaffen. Selbst Massentierhaltungsgegner Friedrich Ostendoff, agrarpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, unterstützt Tönnies dabei, auch wenn man in manchen Punkten noch streiten müsse, so Tönnies. Tönnies-Konkurrenten wie Westfleisch oder Vion, die ebenfalls eingeladen waren, blieben dem Symposium allerdings fern.

  • Kampf gegen Kastration

    Nicht alle Schweine stinken, es sind vor allem die männlichen. 40 bis 60 Prozent dieser Eber entwickeln Androstenon, eine Art Sexualhormon, und müffeln urinartig und schweißig. Knapp zehn Prozent der Eber weisen dagegen hohe Werke von Skatol auf, das eher fäkalartig riecht. Damit sich nur ja kein Stinkefleisch in die Pfanne eines Konsumenten verirrt, werden männliche Ferkel, bis zum siebten Lebenstag, sicherheitshalber und vollkommen gesetzeskonform, ohne Betäubung kastriert. Gegen die Eberferkel-Kastration kämpfen seit Jahren Tierschützer und Verbraucherschutzorganisationen. Mit Erfolg: Seit Jahresbeginn ist die chirurgische Kastration EU-weit nur noch mit Betäubung oder Schmerzbehandlung erlaubt. Und spätestens 2018 ist die chirurgische Kastration von Schweinen in der EU verboten. Thomas Schröder, seit Oktober vergangenen Jahres Präsident des Deutschen Tierschutzbundes drohte der Fleischbranche bereits eine massive Kampagne mit wuchtigen Bildern an, für den Fall, dass die betäubungslose Kastration weiter betrieben werde.

  • Fleisch für China

    Mehr als die Hälfte seiner Produktion liefert Tönnies ins Ausland. Viel davon nach China; und das schon seit mehr als zehn Jahren. Doch erst seit Anfang 2010 hat Tönnies eine Exportgenehmigung für China. Bis dahin wurde der Tönnies-Export – halblegal und von den chinesischen Behörden oft nur geduldet – über Hongkong abgewickelt. Das Fleisch kam gefroren in neutralen Kartons per Schiff an und wurde von Zwischenhändlern in Empfang genommen, die es in die Volksrepublik schafften – meist ohne entsprechende Genehmigung, gekennzeichnet nur mit der Veterinärnummer 202. Nachdem Tönnies die Genehmigung in der Tasche hatte, flog er mit seinen Leuten nach China, um offiziell ins Geschäft zu kommen. Und stieß auf höfliche, aber bestimmte Zurückhaltung. Man habe zwarf Bedarf, aber man werde auch sehr gut von einem Unternehmen aus Deutschland versorgt. 202 hieße das. Aber das sind doch wir, habe Tönnies geantwortet und es habe ein großes Hallo gegeben. Sofort sei Tönnies im Geschäft gewesen. Die Kartons habe Tönnies daraufhin umgestaltet und 202 sei heute die bekannteste chinesische Fleischmarke.

  • Fleisch und Fußball

    Wenn Tönnies künftig Fußball sehen will, muss er nur vom Schreibtisch aufschauen: Wo heute noch Dutzende Containerlaster parken und rangieren, rücken bald Baumaschinen an. Direkt unterhalb des Vorstandsbüros lässt der Chef ein schmuckes Fußballstadion bauen, mit überdachter Tribüne und 2600 Sitz- sowie 2000 Stehplätzen: „Alles tip-top“, sagt Tönnies, „und Rasenheizung ist bei uns überhaupt kein Problem – wir haben im Werk viel Niedertemperatur-Energie übrig. Die leiten wir dahin.“ Der Platz soll auch dem Nachwuchs des lokalen Bezirksligisten FSC Rheda zur Verfügung stehen. Selbst dabei denkt Tönnies an Schalke: Hat der Verein gerade die Mittel freigegeben für ein eigenes Nachwuchsinternat (Tönnies: „Ich will jedes Jahr mindestens einen Profi von euch haben“), sollen die Schalke-Scouts künftig regelmäßig auch mal ins Ostwestfälische reisen. Kicken sollen in der Tönnies-Arena jedoch vor allem auch die elf Betriebsmannschaften, für die der Boss eigens zwei Trainer engagiert hat und die einmal im Jahr zu einem Turnier gegeneinander antreten. Tönnies denkt dabei vor allem an seine osteuropäischen Mitarbeiter, die sonst gern übers Wochenende gen Heimat fahren. Wer kickt, langweilt sich nicht, so die Denke dahinter.

WirtschaftsWoche: Herr Tönnies, reden Sie lieber über Fleisch oder über Fußball?

Clemens Tönnies: Eigentlich lieber über Fleisch. Man sagt mir zwar nach, eine Menge dazugelernt zu haben im Fußball. Ein Oberspezialist bin ich deswegen aber noch immer nicht. Ich kenne die Mannschaftsaufstellung von Schalke, und ich weiß, was einer kann, aber das war’s dann auch bald.

Was qualifiziert Sie dann als Aufsichtsratschef des FC Schalke 04?

Na ja, ich sitze da ja nicht alleine...

...jetzt kokettieren Sie aber.

Okay. Da ist wohl vor allem mein unternehmerischer Sachverstand gefragt.

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