Daimler-Manager Stefan Buchner: „Wir brauchen mehr Mut zum Fortschritt“

Daimler-Manager Stefan Buchner: „Wir brauchen mehr Mut zum Fortschritt“

, aktualisiert 22. März 2016, 12:52 Uhr
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Der Manager ist bei Daimler Trucks verantwortlich für die Regionen Europa/Lateinamerika und die Fahrzeugmarke Mercedes-Benz.

von Lukas BayQuelle:Handelsblatt Online

Daimler will Lkws selbstständig fahren lassen. Im Interview erklärt Stefan Buchner, Chef der Mercedes-Lkws, warum Trucker trotzdem nicht arbeitslos werden und warum auch Spediteure von der neuen Technologie profitieren.

DüsseldorfWer Nutzfahrzeuge verkauft, der muss ganz rational bleiben. Spediteure lassen sich beim Kauf nicht von Emotionen, sondern vom Kalkül leiten. Deswegen müssen auch neue Technologien mehr als Spielereien sein. Auf dem „Campus Connectivity“ in Düsseldorf erklärt Stefan Buchner, Chef der Mercedes-Lkw-Sparte bei Daimler, warum es sich lohnt, in den selbstfahrenden und vernetzten Lkw zu investieren.

Herr Buchner, Daimler arbeitet daran, dass Lkws schon in wenigen Jahrzehnten selbstständig fahren können. Würden Sie einem 20-Jährigen noch empfehlen, Trucker zu werden?
Auf jeden Fall. Nicht nur, weil weltweit nach neuen Fahrern gesucht wird. Ich glaube sogar, dass der Beruf des Truckers in den nächsten 10 bis 15 Jahren deutlich attraktiver werden wird. Derzeit kann der Job noch eintönig sein: lange Fahrten mitunter nachts, dazu vielfach Zeitdruck. Durch teilautonome und vollautonome Fahren wird der Beruf des Truckers verantwortungsvoller – und damit attraktiver.

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Wie lange wird es dauern, bis ein Fernfahrer auch freihändig fahren kann?
Teilautonome Lkws wollen wir zum Ende dieses Jahrzehnts auf die Straße bringen, bei vollautonomen Systemen könnte es bis ins Jahr 2025 dauern. Das hängt davon ab, wie wir bei der Regulierung mit dem Gesetzgeber gemeinsam vorankommen.

Wo sehen Sie Nachholbedarf?
In erster Linie muss es darum gehen, gemeinsame Standards zu schaffen – auch bei grenzüberschreitendem Verkehr. Wir sehen es heute schon beim Thema Maut, dass die Politik sich schwertut, ein gemeinsames System festzulegen. Wenn Sie heute durch drei Länder fahren, brauchten Sie drei verschiedene Boxen für die Mautsysteme. Beim selbstfahrenden Truck sollte man das nicht wiederholen. Eine größere Entscheidungsfreudigkeit und mehr Mut zum technologischen Fortschritt würde mich sehr freuen.

Geht es denn woanders schneller voran?
Extrem schnell sind einige Staaten beispielsweise in den USA. Wir haben im vergangenen Jahr im Bundestaat Nevada zwei offizielle Zulassungen für selbstfahrende Trucks bekommen. Einzelne Bundesstaaten sind beim autonomen Fahren sehr aufgeschlossen. Das liegt auch daran, dass die Infrastruktur optimal geeignet ist. Die langen Straßen sind dort im Grunde wie asphaltierte Schienen. Letztlich ist für uns als globaler Konzern aber nebensächlich, wo wir testen, da wir unsere Informationen untereinander austauschen. Wir arbeiten auch sehr eng mit den Entwicklern im Pkw-Bereich zusammen. Darum können wir die Technologie schnell entwickeln und ins Fahrzeug bringen. Das ist unser Vorteil.

Trotzdem sind auch unter den Spediteuren vielfach noch skeptische Stimmen zu hören, wenn über den selbstfahrenden Truck geredet wird…
Das ist in erster Linie eine deutsche Diskussion, weil eher die Risiken als die Chancen gesehen werden. Natürlich wird es immer Menschen geben, die das zunächst mal skeptisch sehen. Wir sind bei Mercedes-Benz aber fest davon überzeugt, dass die Technologie sich durchsetzen wird.

Warum? Welche Argumente sprechen für den teil- und vollautonomen Truck?
Wir wollen den Truck mit den Systemen nicht nur selbst fahren lassen, sondern auch vernetzen. Der Truck wird integriert in das Internet der Dinge. Dadurch ergeben sich völlig neue Möglichkeiten für den Spediteur: er kann sicherstellen, dass seine Trucks weniger Standzeiten haben und er weniger Leertouren fahren muss. Das alleine ist schon ein wirtschaftlicher Vorteil für den Kunden. Mit effizienter Vernetzung kann ein Truck rund um die Uhr, sieben Tage die Woche unterwegs sein.


„Teilautonome Trucks fahren deutlich sicherer“

Klingt, als ob in Zukunft noch mehr Lkws auf der Straße unterwegs sein werden…
Im Gegenteil: Die Logistik wird deutlich effizienter organisiert sein. Denn Lkws werden deutlich besser ausgelastet sein als heute – wenn möglich zu hundert Prozent. Und wenn teilautonome Lkws künftig in Kolonne fahren, wie wir es hier auf dem „Campus Connectivity“ in Düsseldorf zeigen, brauchen sie auch weniger Platz auf der Straße. Unser „Highway Pilot Connect“ ermöglicht es Lkws, sich zu erkennen und eine Kolonne zu bilden. Das hat viele Vorteile: Drei Lkws brauchen in einer Reihe beispielsweise nur noch 80 Meter Fahrbahn, statt wie vorher 150 Meter, denn sie müssen weniger Abstand halten. Darüber hinaus fahren sie im Windschatten und sparen dadurch im Schnitt sieben Prozent Diesel. Das ist enorm, wenn man bedenkt, dass Millioneninvestitionen nötig sind, um solche Verbesserungen alleine an der Zugmaschine zu realisieren.

Werden wir künftig also keine Elefantenrennen auf der Autobahn mehr erleben?
In einem vernetzten Verkehr wird das nicht mehr nötig sein. Andere Lkw können die Kolonnen erkennen – und Teil des Verbunds werden.

Was wenn ein normaler Autofahrer eine Ausfahrt nehmen will? Muss er sich nicht fürchten, dass die Lkws ihm zu nahekommen?
Das erkennt unser System und hält entsprechenden Sicherheitsabstand. So ähnlich ist es auch, wenn ein langsameres Fahrzeug überholt werden muss. Es ist nachweislich so, dass teilautonome Trucks deutlich sicherer fahren. Wo ein normaler Trucker eine Reaktionszeit von 1,4 Sekunden hat, erreichen wir mit „Highway Pilot Connect“ eine Reaktionszeit von 0,1 Sekunden – und damit einen verkürzten Bremsweg.

Welche neuen Geschäftsmodelle ergeben sich für Daimler, wenn Lkws stärker vernetzt werden?
Wir können viele Systeme verbessern, die wir mit unseren Telematikdiensten schon heute anbieten. Mit „Fleetboard“ bieten wir seit fast 16 Jahren zusätzliche vernetzte Dienste für Fahrer und Spediteure an. Wir können die Fahrweise eines Fahrers trainieren und verbessern – und dem Fahrer eine Note für sein Fahrverhalten geben. Ein Flottendisponent sieht mit Fleetboard alle seine Fahrzeuge auf einen Blick. Er weiß, wie lange das Fahrzeug fahren kann, wo es steht, wann es ankommt. Er sieht, ob ein Lkw eine Wartung benötigt. Über eine App können auch Daten ins System des Spediteurs einspeisen können, ohne ein eigenen Fleetboard-System an Bord zu haben. All diese Dienste lassen sich mit mehr Daten in einem vernetzten Fahrzeug verbessern.

Dazu sind aber auch Investitionen der Spediteure notwendig…
Wenn wir die Spediteure von den Vorteilen der Technologie überzeugen, werden sie das Geld investieren. Sie sehen schon an unseren Sicherheitssystemen, welchen Quantensprung die Industrie in den vergangenen fünf bis zehn Jahren gemacht hat. Wir haben die Unfallrate beispielsweise mit automatischen Bremsassistenten und aktiven Totwinkelwarnern massiv gesenkt. Durch die teilautonomen Systeme kommen wir dem Ziel des unfallfreien Fahrens immer näher. Spediteure sind bereit, dafür mehr Geld auszugeben, weil es sich für sie rechnet.

Herr Buchner, vielen Dank für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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