Daimler und flexible Arbeitszeit: Neue Freiheit in Stuttgart

Daimler und flexible Arbeitszeit: Neue Freiheit in Stuttgart

, aktualisiert 21. Januar 2016, 14:16 Uhr
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Die Mitarbeiter wünschen sich laut einer Befragung flexiblere Arbeitszeiten.

von Markus FasseQuelle:Handelsblatt Online

Daimler schafft nicht nur die Krawatten der Top-Manager ab. Auch die Arbeitszeiten sollen flexibel werden – die Beschäftigten wünschen sich das in einer Befragung ausdrücklich. Aber diese neue Freiheit hat ihre Tücken.

FrankfurtBei Daimler wollen sie jetzt ein bisschen so sein wie im Silicon Valley. Deshalb haben sie die Krawatten abgeschafft. Weder in der Daimler-Zentrale in Untertürkheim, noch auf offiziellen Terminen sieht man Konzernchef Dieter Zetsche, Entwicklungschef Thomas Weber oder Vertriebschef Ola Källenius noch mit dem Binder. In Zeiten von Rekordzahlen pochen die Herren offenbar auf mehr Freiheit.

Das gilt auch für die Beschäftigten. In einer groß angelegten Befragung hat der Betriebsrat die Daimler-Belegschaften nach ihren Arbeitswünschen befragt. Das Ergebnis aus 33.000 Antworten: „Der Wunsch nach Selbstbestimmung wird größer“, sagt Betriebsratschef Michael Brecht. Acht von zehn Angestellten, die nicht in der Produktion arbeiten, seien für mehr mobiles Arbeiten, sagt der traditionell krawattenlose Arbeitnehmerchef – und ist über so viel Willen zur Selbstbestimmung ein bisschen überrascht.

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Die Ergebnisse lässt der Daimler-Betriebsrat nun gemeinsam mit der IG Metall und dem Fraunhofer-Institut genau untersuchen. Dem Wunsch nach weniger Anwesenheitspflicht im Büro und nach dem Aufweichen starrer Arbeitszeiten will er sich aber nicht verschließen. „Ich will, dass wir mehr Öffnungen machen. Warum soll man die acht Arbeitsstunden über den Tag nicht besser verteilen?“

Damit kommt Brecht nicht nur dem Wunsch vieler Beschäftigten entgegen, sondern auch dem der Unternehmen. Daimler-Konkurrent BMW hat mit den flexiblen Arbeitszeiten angefangen, Bosch hat nun nachgezogen. „Wir wollen weg von einer Präsenzkultur, in der der Einzelne keine echte Zeitsouveränität hat“, sagt Arbeitsdirektor Christoph Kübel. „Unser Ziel bei Bosch ist der Wandel hin zu einer stärkeren Ergebnisorientierung“.

Mehr als 100 verschiedene Arbeitszeitmodelle unterstützt man bei dem Elektrokonzern mittlerweile. „Wir schauen uns die Entwicklung bei Bosch genau an“, sagt Brecht. Die Frage lautet: Wer darf, und wer muss künftig sogar räumlich mobil und zeitlich flexibel arbeiten?


Arbeitstag im Rhythmus von Peking oder Palo Alto

Denn die neue Freiheit hat ihre Tücken: Die Beschäftigten tragen selbst ihre Stunden ein. Das verlangt das Vertrauen des Arbeitsgebers, aber auch die Selbstkontrolle des Arbeitnehmers. Brecht fürchtet, dass damit auch dem Trend der Selbstausbeutung Vor-schub geleistet werden könnte. „Dann wird gearbeitet, aber nicht aufgeschrieben“, fürchtet der Betriebsratschef. Auch die Frage nach Zuschlägen ist offen, wenn beispielsweise nachts oder abends gearbeitet wird. Und auch die Beschäftigten haben Vor-behalte: Sie wollen mitentscheiden, wem das Privileg der freien Arbeitseinteilung gewährt wird.

Der Trend zu neuen Arbeitsformen hat die Wirtschaft voll erfasst. Mit dem mobilen Internet und dem Smartphone lassen sich viele Dinge von zu Hause oder aus dem Café erledigen. Die Autoindustrie, lange geprägt von den starren Abläufen des Fließbandzeitalters, ist nun auch mitten in der Transformation. Die Produktion wird immer weiter automatisiert, die Arbeit verlagert sich in die Entwicklungs- und Serviceabteilungen.

Dort ist das Geschäft aber globalisiert. Bei Daimler oder BMW wird von Amerika bis Asien rund um die Uhr entwickelt und produziert. Meetings mit den Entwicklungsabtei-lungen im Silicon Valley finden dann auch mal dann statt, wenn in Deutschland die Tagesschau läuft. Mancher Arbeitstag in Deutschland läuft im Rhythmus von Peking oder Palo Alto.

Daimler will dem künftig mehr Rechnung tragen. Schon bald werden Verhandlungen über einen neuen Haustarif beginnen. Für Betriebsratschef Michael Brecht ist auf jeden Fall klar. „Mobiles Arbeiten muss freiwillig bleiben.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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