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Demografie: Alternde Gesellschaft: Wer gewinnt, wer verliert

von Anke Henrich, Rüdiger Kiani-Kreß, Michael Kroker, Susanne Kutter, Martin Seiwert und Harald Schumacher

Die Deutschen altern schneller als andere Gesellschaften. Unter dem Deckmantel des Komforts für jedermann entwickeln Unternehmen Produkte und Dienstleistungen für Senioren, die Exportschlager werden könnten. Aber viele Branchen verschlafen ihre Chance.

Quelle: dpa
Quelle: dpa

Für Frauen und Männer hinterm Steuer, die noch den Käfer von VW und die Ente von Citroën kennen, klingt es wie eine Drohung. Hamburgs Innensenator Michael Neumann (SPD) will ältere Autofahrer aus Sicherheitsgründen zu regelmäßigen Gesundheitsprüfungen zwingen. Schließlich, so die Begründung, seien im vergangenen Jahr 62 Prozent aller Autounfälle in der Hansestadt mit Senioren-Beteiligung von ihnen selbst verursacht worden.

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Die Ingenieure beim Stuttgarter Automobilzulieferer Bosch können über Neumanns Vorschlag vor einigen Wochen nur lächeln. Sie arbeiten schon länger mit Verve an Elektronik, die dem Fahrer hilft, genug Abstand zu halten, beulenfrei einzuparken oder gefahrlos die Spur zu halten.

Nur: Das alles mit Senioren zu verbinden traut sich keiner der Tüftler. Hilfe für Ältere ist für Marketingprofis das absolute No-Go. „Wir sprechen von Assistenzsystemen als Beitrag zu mehr Sicherheit“, sagt ein Bosch-Manager, „würden dabei aber niemals die Worte Senioren oder 50 plus in den Mund nehmen. Aber wir haben natürlich genau diese Zielgruppe im Blick, denn sie profitiert am meisten.“ Die US-Marktforscher Strategy Analytics erwarten, dass sich der weltweite Umsatz mit Auto-Assistenten von knapp 800 Millionen Dollar im Jahr 2010 auf 3,2 Milliarden Dollar im Jahr 2014 vervierfachen wird.

Was junge Trendsetter wollen, interessiert in den Chefetagen vieler deutscher Unternehmen immer weniger. Der Fokus richtet sich vermehrt auf die Generation Silberlocke, Golden Agers und Woopies (Well off older people).

„Ohne die Älteren und deren erhebliches Einkommensvolumen im Blick zu haben, werden Unternehmen in Deutschland nicht mehr wachsen können“, sagt Martin Sonnenschein, Zentraleuropachef der Unternehmensberatung A. T. Kearney. „In 20 Jahren wird es in Deutschland mehr über 60-Jährige als unter 15-Jährige geben. Deshalb muss es viel mehr gute Geschäftsideen für diese Zielgruppe geben.“

Michael Frenzel

Mit 65 Jahren ist TUI-Vorstandschef Michael Frenzel der Junior unter den Senior-Managern. Er übernahm 1994 den Chefposten beim Mischkonzern Preussag, den er zum Freizeitkonzern TUI umwandelte. Er überstand auch schwerste Kritik von Aktionärsschützern. Am 30. Juli gab Frenzel bekannt sein Amt abzugeben. Vodafone-Manager Friedrich-Joussen übernimmt zum 15. Oktober den Tui-Vorstand.

Bild: dpa

Labor Deutschland

Weil Deutschland besonders schnell altert, sind die Unternehmen hier Teil eines Zukunftslabors, in dem sie schon heute Angebote von morgen an der eigenen Bevölkerung testen können. Was sich im größten Markt Europas bewährt, wird früher oder später überall gefragt sein.

Denn ob in Großbritannien, Skandinavien, Italien, in China oder Indien – die Kundschaft altert weltweit überproportional. Und zugleich deren Konsumfreudigkeit. Der Easy Rider von gestern reist schon heute nicht mehr mit Rheumadecke, sondern röhrt mit eingebauter Sitzheizung auf seiner Harley-Davidson über die Landstraße. Man sieht’s nur nicht. Handys mit großen Tasten, Fahrräder mit Elektroantrieb oder gehwagenfreundliche Flusskreuzfahrten zeigen die Richtung an: Laut der Gesellschaft für Konsumforschung verfügen Deutschlands Rentner schon jetzt mit rund 400 Milliarden Euro über ein gutes Drittel der gesamten Kaufkraft. Schlägt der demografische Wandel in ein paar Jahren zu, wird das Geschäft weltweit gigantisch.

Drei Beispiele: Im nächsten Jahr werden die Deutschen geschätzte 300 Milliarden Euro für ihre Gesundheit ausgeben, davon 64 Milliarden Euro aus der eigenen Tasche. Dieser Markt wächst jährlich um vier bis fünf Prozent, und das nicht nur in Deutschland. Der Weltluftfahrtverband IATA wiederum erwartet einen weltweiten Umsatzanstieg bei den über 60-Jährigen von derzeit 42 Milliarden auf 121 Milliarden Dollar schon 2016. Und allein das Volumen zur Altersvorsorge schätzt die Allianz auf weltweit 36 Billionen Euro – schon 2020.

Aber noch immer schieben Firmen das Geschäft mit den künftigen Alten auf die lange Bank oder kämpfen gegen juristische Hürden. Dabei geht es auch anders.

2 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 19.06.2012, 02:19 UhrHannes

    Der Artikel vermittelt m.E. ein nicht ganz korrektes Bild. Wer sich die Mühe einmal macht, die Netzwerke Platinnetz.de und Seniorentreff.de mit einem Analysedienst wie zum Beispiel Alexa.com zu vergleichen, wird feststellen, dass die angeblichen 10.000 Mitglieder des Seniorentreffs durchschnittlich mindestens dreimal so viel Aktivität erzeugen, wie die angeblichen 170.000 Mitglieder bei Platinnetz. Wer hat da geschummelt?

  • 17.06.2012, 23:14 UhrDietmar

    Das sind alles tolle Ideen - mehr nicht -, die vor allem Konsum sind und kosten. Es wird hier vorausgesetzt, dass die Rentner auch weiterhin (mehr) Geld haben (als die Berufstätigen). Das ist so, als wenn man ewigen Sommer prognostiziert, weil es die letzten zwei Monate auch so war. Die Rentenbeitragszahler aber können und wollen auch nicht mehr für die Alten zahlen, die sogar ihr Berufsleben genießen konnten und kaum Kinder in die Welt gesetzt haben. Die Rentner werden wohl bald über 150 Euro monatliche Rente und den Flug nach Mallorca mit Pille froh sein können. Ein Perpetuum mobile wie hier beschrieben gibt es nicht auf Dauer in der Wirtschaft.

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