Der große Konzernumbau: Bei Siemens drängt die Zeit

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Der große Konzernumbau: Bei Siemens drängt die Zeit

, aktualisiert 06. November 2014, 07:47 Uhr
von Matthias Kamp

Siemens-Chef Joe Kaeser baut den Konzern radikal um. Bald müssen Ergebnisse folgen - denn die Investoren werden ungeduldig. Am Mittwoch gab der Aufsichtsrat grünes Licht für den Hörgeräte-Verkauf.

Wer in diesen Tagen in München über den Wittelsbacher Platz Richtung Siemens-Konzernzentrale geht, betritt eine Großbaustelle. Überall zwischen den vielen Stahlträgern, frischen Betonfundamenten und Baugerüsten wird gefräst und geschweißt.

Die Münchner bauen sich einen neuen Unternehmenssitz, die Arbeiter in den Gruben und Gerüsten geben Vollgas. Bis jetzt liegt der Neubau voll im Zeitplan, und das soll auch so bleiben. Spätestens im Frühjahr 2016 sollen 1200 Siemensianer ihre neuen Büros beziehen.

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Auch der Mann an der Spitze des Unternehmens mit seinen 360.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von zuletzt fast 76 Milliarden Euro hat den Fuß scheinbar permanent auf dem sprichwörtlichen Gaspedal. Joe Kaeser, der dem glücklosen Peter Löscher vor gut einem Jahr auf den Chefsessel folgte, hat sich daran gemacht, die Gestalt des deutschen Traditionskonzerns von Grund auf zu verändern.

Die neun Divisionen von Siemens

  • Division Power and Gas

    Produkte und Anwendungen: Gasturbinen, Dampfturbinen, Energiegewinnung aus Schiefergas

    Umsatz 2014/2015: 13,2 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 1,4 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 10,8 Prozent

    Angestrebte Marge: 11-15 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Lisa Davis

  • Division Wind Power and Renewables

    Produkte und Anwendungen: Windkraftanlagen

    Umsatz 2014/2015: 5,7 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 0,16 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 2,8 Prozent

    Angestrebte Marge: 5-8 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Lisa Davis

  • Division Energy Management

    Produkte und Anwendungen: Stromübertragung, Kraftwerkssteuerung, Transformatoren

    Umsatz 2014/2015: 11,9 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 0,57 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 4,8 Prozent

    Angestrebte Marge: 11-15 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Lisa Davis

  • Division Building Technologies

    Produkte und Anwendungen: Gebäudesicherheit, Brandschutz, Gebäudeautomatisierung

    Umsatz 2014/2015: 6,0 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 0,553 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 9,2 Prozent

    Angestrebte Marge: 8-11 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Roland Busch

  • Division Digital Factory

    Produkte und Anwendungen: Software zur Steuerung von Fertigungsprozessen, Industrieroboter

    Umsatz 2014/2015: 10,0 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 1,7 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 17,5 Prozent

    Angestrebte Marge: 14-20 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Klaus Helmrich

  • Division Process Industries and Drive

    Produkte und Anwendungen: Industrieautomatisierung

    Umsatz 2014/2015: 9,9 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 0,536 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 5,4 Prozent

    Angestrebte Marge: 8-12 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Klaus Helmrich

  • Division Mobility

    Produkte und Anwendungen: Hochgeschwindigkeitszüge, U-Bahnen, Straßenbahnen, Zugleitsysteme

    Umsatz 2014/2015: 7,5 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 0,588 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 7,8 Prozent

    Angestrebte Marge: 6-9 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Roland Busch

  • Division Financial Services

    Produkte und Anwendungen: Finanzdienstleistungen

    Angestrebte Marge: 15-20 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Ralf Thomas

  • Eigenständige Division Healthcare

    Produkte und Anwendungen: Ultraschall, Computertomografen, Magnetresonanztomografen, Labordiagnostik

    Umsatz 2014/2015: 12,9 Milliarden Euro

    Ergebnis 2014/2015: 2,2 Milliarden Euro

    Marge 2014/2015: 16,9 Prozent

    Angestrebte Marge: 15-19 Prozent

    Zuständigkeit im Vorstand: Prof. Dr. Siegfried Russwurm

Sektoren und Cluster werden aufgelöst, neue Divisionen geschaffen, Beteiligungen verkauft, neue Unternehmen zugekauft – nichts bleibt, wie es war. Weder in München noch in den Landesgesellschaften rund um den Globus. Nach gut einem Jahr an der Konzernspitze gefragt, was er anders machen würde, antwortet der 57-jährige Niederbayer knapp, er würde den Umbau noch schneller durchziehen. Als wenn das gegenwärtige Tempo nicht schon hoch genug wäre.

Medizintechnik-Sparte im Fokus

Derzeit richtet sich Kaesers Augenmerk hauptsächlich auf das Siemens-Geschäft mit der Medizintechnik, eine Sparte, die im Konzern immerhin für einen Umsatz von knapp 14 Milliarden Euro sorgt und verlässlich dicke Margen abliefert. Kaeser hat – wohl richtig – erkannt, dass sich das Geschäft mit der Ausrüstung zur Gesundheitsversorgung in den kommenden Jahren verändern wird.

Sicherlich wird es immer noch den Computertomographen und das Ultraschallgerät geben. Doch werden Molekulardiagnostik, Datenanalyse mittels Software, vor allem eine dezentrale Heimversorgung, auch kostengünstige Pay-per-Use-Modelle, eine viel wichtigere Rolle auf dem Gesundheitsmarkt spielen. Das ist dann aber nicht mehr der Kern der Siemens-Aktivitäten, die Kaeser „entlang der Kette der Elektrifizierung“ ausrichten will, wie er erklärt.

Firmenübernahmen in den USA Deutsche Konzerne sind auf teurer Einkaufstour

Noch nie gaben deutsche Firmenlenker wie Siemens-Chef Joe Kaeser so viel Geld für Firmenübernahmen in den USA aus. Die Shoppingtour der Konzerne kommt spät, ist teuer und riskant.

Quelle: Getty Images

Kaeser will der Medizintechnik darum deutlich mehr Eigenständigkeit verschaffen, damit die Sparte in Zukunft auf Veränderungen schneller reagieren kann, etwa bei möglichen Akquisitionen oder Verkäufen. Die Medizintechnik wird künftig nur noch an wenige konzernübergreifende Funktionen angebunden bleiben. Die Rede ist bei Siemens vom „Unternehmen im Unternehmen“. Selbst einen Börsengang der Division hat Kaeser in der Vergangenheit nicht ausgeschlossen. Der Analyst Andreas Willi von J.P. Morgan in London spekuliert sogar über eine komplette Abspaltung der Medizintechnik im Jahr 2016. Das aber würde Siemens von den attraktiven Renditen der Division abschneiden.

Die Hörgerätesparte will Siemens schon lange versilbern. Nun ist der Verkauf beschlossene Sache: Siemens verkauft die Hörgerätesparte für 2,15 Milliarden Euro an den Finanzinvestor EQT und die Hexal-Gründerfamilie Strüngmann.

Die wichtigsten Fakten zum erwarteten Hörgeräte-Verkauf bei Siemens

  • Wie ist das Geschäft aufgestellt?

    Die Siemens-Hörgerätesparte (Audiologische Technik) gehört neben Sonova aus der Schweiz und William Demant aus Dänemark zu den großen Anbietern der Branche. Das Geschäft hat eine lange Tradition im Konzern: Bereits vor gut 100 Jahren brachte Siemens das erste industriell gefertigte Hörgerät auf den Markt. Heute sind bei dem Tochterunternehmen mit einem Umsatz von rund 700 Millionen Euro weltweit etwa 5000 Menschen beschäftigt, davon fast 700 in Deutschland an den Standorten Erlangen und Herford (Nordrhein-Westfalen). Die Profitabilität machte Siemens-Chef Joe Kaeser zuletzt durchaus Freude - die Sparte dürfte noch besser dastehen, als die ohnehin renditeträchtige Medizintechnik von Siemens insgesamt.

  • Warum will Kaeser die Sparte abgeben?

    Siemens konzentriert sich unter Kaesers Führung zunehmend auf das Projektgeschäft mit Großkunden. Als vielversprechende Geschäftsfelder hat der Siemens-Chef die Elektrifizierung, Digitalisierung und Automatisierung ausgemacht. Im Energiegeschäft will Kaeser zudem vom Öl- und Gasboom in den USA profitieren und hatte erst kürzlich die Milliarden-Übernahme des US-Kompressorenherstellers Dresser-Rand auf den Weg gebracht. Produkte für Verbraucher wie auch die Hausgeräte, die Siemens dem langjährigen Joint-Venture-Partner Bosch überlässt, passen da nicht mehr recht hinein. Eine Trennung von den Hörgeräten wäre nun für die Münchner der endgültige Abschied vom Endkundengeschäft mit seinen speziellen Spielregeln und Vertriebswegen. Auch in der restlichen Medizintechnik setzt Siemens auf Geschäftskunden: Röntgengeräte, Computertomographen, Ultraschallgeräte und Labordiagnostik-Systeme etwa finden ihre Abnehmer vor allem bei Kliniken, Forschungseinrichtungen und großen Labors.

  • Wer kommt als Käufer infrage?

    Die Nase vorn soll der skandinavische Finanzinvestor EQT haben, aber auch andere Interessenten waren in Medienberichten genannt worden, darunter auch der dänische Hörgerätehersteller GN Resound. Ein anderer Spieler aus der Branche dürfte aus Kartellgründen kaum infrage kommen, hieß es in Industriekreisen.

  • Was würde das für die Beschäftigten bedeuten?

    Arbeitnehmervertreter sähen eine mögliche hohe Schuldenlast im Falle eines größtenteils fremdfinanzierten Deals mit Sorge und haben Standort- und Beschäftigungsgarantien gefordert. Sie fürchten, dass ein entsprechender Käufer einen harten Sparkurs einschlagen könnte. Dem Vernehmen nach könnte es aber auch Absprachen zwischen Siemens und einem Käufer zur Zukunft der Arbeitsplätze geben. Damit könnte Siemens auch versuchen, Negativmeldungen zu vermeiden, hieß es im „Handelsblatt“.

  • Warum kein Börsengang?

    Nicht nur die Konjunktur, auch die Börsen erleben im Moment unsichere Zeiten. So liefen beispielsweise die Börsendebüts von Zalando und Rocket Internet eher mau, und die Zalando-Aktie notiert noch immer deutlich unter ihrem Ausgabepreis. Zuletzt hatte beispielsweise das Schweizer Biotechnologie-Unternehmen Molecular Partners seinen Gang aufs Parkett wegen eines „ungünstigen Börsenumfelds“ vorerst abgesagt.

Wachsen im Energie-Geschäft

Wachsen soll Siemens nach Kaesers Vorstellungen in Zukunft vor allem mit dem Geschäft zur Energieerzeugung, und das vor allem in den USA, wo der Schiefergasboom für eine Re-Industrialisierung des Landes sorgt. „Dort spielt bei Öl und Gas die Musik“, pflegt der Vorstandschef wohl nicht zu unrecht zu sagen.

Um hier gewappnet zu sein, griff er sich den amerikanischen Ausrüster der Öl- und Gasindustrie Dresser-Rand. Der soll zusammen mit der ebenfalls frisch erworbenen Gasturbinensparte von Rolls-Royce die neue Division Power and Gas entscheidend stärken. Weitere Zukäufe dürften folgen. Denn um in Amerika wirklich ganz vorne mitspielen und auch gegenüber mächtigen Konkurrenten wie General Electric (GE) bestehen zu können, braucht Siemens eine kritische Größe.

Um solche Akquisitionen finanzieren zu können, dürfte Kaeser sich von weiteren Geschäften, die er nicht mehr zum Kern des Konzerns zählt, trennen. Kürzlich etwa gab er die Beteiligung an der BSH Bosch Siemens Hausgeräte ab.

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