Deutsche Firmen im Hintertreffen: Wie Asien zur Macht bei Großprojekten wird

Deutsche Firmen im Hintertreffen: Wie Asien zur Macht bei Großprojekten wird

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Das Stahlwerk von ThyssenKrupp in Duisberg. Das brasilianische Werk kam dem Industrieunternehmen teuer zu stehen und brachte den Konzern in Not

von Florian Willershausen, Alexander Busch, Martin Fritz, Philipp Mattheis, Harald Schumacher

Konzerne aus Japan, Korea und China stechen deutsche Unternehmen auf den Zukunftsmärkten im Kampf um die großen Projekte aus. Schuld daran sind die Firmen, aber auch passive Politiker in Deutschland.

Für ThyssenKrupp scheint die Welt in Ordnung. Vor wenigen Tagen meldete der Ruhrkonzern, dass Saudi-Arabien ihm den Zuschlag für den Bau eines 100 Millionen Euro teuren Zementwerks erteilt hat. Auch in Algerien zog die Anlagenbautochter des Essener Riesen, die einst unter Polysius firmierte, einen Großauftrag an Land.

Chemieanlagenbauer Uhde, der mit der Schwestersparte im Januar zum neuen Geschäftsfeld Industrial Solutions fusionierte, verdient derweil gut an der Reindustrialisierung der USA mit. Die Amerikaner bestellen Chemiefabriken, seit sie mit der umstrittenen Frackingmethode auf heimischen Böden preiswert an Schiefergas und -öl kommen.

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Von deutschen Unternehmen gebaute Großanlagen im Ausland

  • Kraftwerke

    2008 wurden Kraftwerke im Wert von insgesamt 9,2 Milliarden Euro im Ausland gebaut. 2013 lagen ausländische Investitionen in diesem Bereich nur noch bei 6,2 Milliarden Euro.

  • Walzwerke

    Während 2008 noch Walzwerke im Wert von 3,6 Milliarden Euro im Ausland gebaut wurden, wurden 2013 nur noch 1,8 Milliarden Euro investiert.

  • Luft- und Gasverflüssigung und -zerlegung

    Die einzige Branche, in der ein Plus zu verzeichnen ist, ist die der Luft- und Gasverflüssigung bzw. -zerlegung. Während 2008 lediglich Großanlagen im Wert von 0,9 Milliarden Euro gebaut wurden, waren die Bauten im Jahr 2013 1,4 Milliarden Euro wert.

  • Organische Chemieanlagen

    2008 wurden Organische Chemieanlagen im Wert von 2,9 Milliarden Euro gebaut. 2013 betrug der Wert der Bauten insgesamt nur noch 1,4 Milliarden.

  • Hüttenwerke

    2008 wurden Hüttenwerke im Wert von 1,9 Milliarden Euro von deutschen Unternehmen im Ausland gebaut. 2013 waren es nur noch Großanlagen im Wert von 0,7 Milliarden.

  • Baustoffanlagen

    Der Wert der im Ausland gebauten Baustoffanlagen lag 2008 bei 1,2 Milliarden Euro; 2013 nur noch bei 0,5 Milliarden.

  • Anlagen zur Papierherstellung

    Der Wert der im Ausland gebauten Anlagen zur Papierherstellung sank von 0,6 Milliarden Euro im Jahr 2008 auf 0,4 Milliarden im Jahr 2013.

Doch die schönen Aufträge sind bloß eine Momentaufnahme. Deutsche Anlagenbauer bleiben bei einer wachsenden Zahl milliardenschwerer Großprojekte rund um den Globus immer öfter im Abseits. ThyssenKrupp etwa verlor seit 2013 vier Ausschreibungen für Düngemittelfabriken in Osteuropa und Zentralasien an Konkurrenten aus Fernost und mischt abseits des Westens selten mit. In Russland zog die dort gut verdrahtete SMS Group des einstigen Industrieverbandschefs Heinrich Weiss im Bieterkampf um ein Walzwerk am Ural den Kürzeren. Die Siemensianer beißen sich beim Einstieg in den vietnamesischen Kraftwerksmarkt die Zähne aus.

Asien überholt deutsche Anlagenbauer

Vor allem das alles entscheidende Fernost-Geschäft, über das sich die Elite der deutschen Wirtschaft in der kommenden Woche auf ihrer Asien-Pazifik-Konferenz in Vietnams Wirtschaftszentrum Ho-Chi-Minh-Stadt den Kopf zerbrechen wird, ist rückläufig: Japan, Südkorea und allen voran China peitschen wo immer möglich ihre eigenen Anlagenbauer in die Wachstumsmärkte.

Für Deutschland wird zu groß, was draußen in der Welt ausgeschrieben wird. Während Anbieter aus Asien ein Megaprojekt nach dem anderen kapern, lassen sich die verwöhnten Qualitätsführer hierzulande mit kleineren und mittelgroßen Ordern in zweistelliger Millionenhöhe abspeisen. Der Anlagenbau, einst Paradebranche des Exportweltmeisters, ist gezwungen, nach Nischen zu suchen.

Die Folgen treffen nicht nur die einschlägigen Unternehmen, sie werden auch zur Bedrohung für den Industriestandort Deutschland. Noch bestellen Südkoreaner Turbinen made in Germany, wenn ihre Unternehmen Megakraftwerke irgendwo auf der Welt planen. Eines Tages werden sie jedoch selbst hocheffiziente Turbinen produzieren und die Deutschen ganz aus dem Großgeschäft verdrängen.

Wichtigste Auslandsmärkte

Wichtigste Auslandsmärkte für deutsche Großanlagenbauer (Für eine detaillierte Ansicht klicken Sie bitte auf die Grafik)

Klaus Gottwald, Branchenexperte beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), ist besorgt: „Wenn wir die Fähigkeit aus der Hand geben, Großprojekte schlüsselfertig abzuwickeln, verlieren wir eines Tages den Anschluss am Weltmarkt.“ Zahlen befeuern seine Furcht: Deutsche Lieferanten großer Kraftwerke, Chemie-, Stahl- oder Düngemittelfabriken haben binnen fünf Jahren fast ein Drittel an Auftragsvolumen eingebüßt und 2013 nur 21 Milliarden Euro mit Aufträgen erwirtschaftet, deren Projektvolumen größer ist als 50 Millionen Euro.

An der Auszehrung sind die Großanlagenbauer zum einen selber schuld, wie Hubert Lienhard mahnt, der Chef des schwäbischen Anlagenbauers Voith. Kein Manager will als Generalunternehmer die Verantwortung für ein Projekt auf sich nehmen, das milliardenschwere Risiken birgt. Zumal deutsche Großanlagen zuletzt oft spektakulär gescheitert sind – wie das ThyssenKrupp-Stahlwerk in Brasilien, das den gesamten Konzern in Schieflage brachte.

Berlin trägt eine Teilschuld

Doch auch die Bundesregierung hat ihren Anteil am Niedergang. Denn Berlin findet kein Mittel gegen die Dumping-Kredite, vor allem aus China. Trotz deren Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation WTO päppelt Peking ganz frech die eigene Exportwirtschaft mit billigen Darlehen. Zugleich verlieren die hiesigen Hermes-Bürgschaften als Instrument der deutschen Außenhandelsförderung mehr und mehr ihre Schlagkraft. Exporteure, die der Bund über die private Euler-Hermes-Versicherungsgruppe gegen Ausfallrisiken bei Handelsgeschäften schützt, kommen häufig nicht an die benötigten Policen: Im Kleingedruckten stecken zu viele Ausnahmen oder schwer erfüllbare Bedingungen. Den Unternehmen bleibt oft nur noch, die Risiken selbst zu tragen – oder gleich zu Hause zu bleiben.

Hubert Lienhard Voith-Chef verlangt mehr Druck auf China

Der Chef des schwäbischen Anlagenbauers Voith, Hubert Lienhard, verlangt mehr staatliche Bürgschaften für den Export von Großgewerken und stärkeren politischen Druck auf China.

Der Chef des schwäbischen Anlagenbauers Voith, Hubert Lienhard, im Interview mit WirtschaftsWoche. Quelle: Voith

Spuren des Rückzugs finden sich überall, etwa im lange Zeit isolierten Myanmar, wo seit Ende der Militärdiktatur 2011 riesige Infrastrukturbauten anstehen. Münchens Flughafenbetreiber FMG lief schau für die Beteiligung an drei Flughäfen. Aber die Tür nach Myanmar blieb verschlossen. Zwar erreichten die Bayern die letzte Runde der Ausschreibungen, aber die Regierung entschied sich für ein Konsortium unter japanischer Führung.

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