Die Vision vom Gesundessen: Wenn Nahrung zur Medizin wird

Die Vision vom Gesundessen: Wenn Nahrung zur Medizin wird

, aktualisiert 04. Dezember 2011, 15:13 Uhr
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Ein Element aus der Apfelschale könnte in hoher Konzentration gegen eine Muskelkrankheit wirken.

von Christoph KapalschinskiQuelle:Handelsblatt Online

Wenn Apfelschalen gegen Muskelschwund wirken sollen, dann geht es nicht mehr nur um gesundes Essen. Vielmehr will Nestlé seine Kunden bald genetisch durchleuchten - und damit einen neuen Milliardenmarkt schaffen.

LutryDie wichtigste Zukunftsvision des weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns Nestlé wird nicht im eleganten 60er-Jahre-Bau der Konzernzentrale erdacht, sondern 15 Kilometer weiter westlich, eine Fahrt immer am Ufer des Genfer Sees entlang, an Weinbergen vorbei, bis in die malerischen Gassen des Dorfs Lutry. Der Empfang: unbesetzt. Ein Schild: Wer den CEO erreichen möchte, möge doch bitte die Durchwahl -2067 am bereitstehenden Telefon wählen. Zwei Körbe mit Bananen, Pfirsichen und Orangen schmücken das Foyer, ebenso ein großformatiges Bild einer jungen Ärztin mit Stethoskop und mit einer grauhaarigen Patientin.

Das Foyer erinnert an ein Start-up, am ehesten an eine junge Medizinfirma. Das ist durchaus beabsichtigt. In dem Büro im ersten Stock über dem Eingang, dessen Vorzimmer die Durchwahl -2067 hat, arbeitet Luis Cantarell, CEO von Nestlé Health Science. Seit Jahresbeginn baut der spanische Manager, dem Analysten auch schon den Posten als Konzernchef zugetraut haben, daran, die neue Sparte Gesundheitswissenschaften aufzubauen. 2020 ist seine Zielmarke.

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Ausgestattet ist die Sparte mit einem Milliardengeschäft: Zur Gründung hat Nestlé-Chef Paul Bulcke dem Spanier den Bereich Krankenernährung überlassen: Spezialnahrung, die etwa in Krankenhäusern verabreicht wird. 1,4 Milliarden Euro Umsatz macht Nestlé damit, 2500 Menschen arbeiten in dem Bereich. Das ist der Bestand.

Die Vision, die uns nach Lutry lockt, klingt verlockend, vielleicht auch ein wenig beängstigend, auf jeden Fall aber gewinnträchtig – wenn sie denn funktioniert. „Es geht nicht mehr nur um gesundes Essen. Wir stoßen in eine völlig neue Dimension vor“, sagt Cantarell. Er will die Menschen in den wohlhabenden Staaten durchleuchten, am besten mit einem persönlichen Gentest. Der könnte 2020 so billig sein, dass ihn sich zahlreiche Menschen im Westen leisten können, hofft Cantarell. Anschließend soll sein Weltkonzern den Kunden sagen, welche Nestlé-Zusatzkost sie davor bewahren kann, eine chronische Krankheit zu bekommen.

Dafür wird ein Forschungsteam Wirkstoffe untersuchen, die jetzt schon in Nahrung vorkommen. Ein Beispiel: Ein Element aus der Schale von Äpfeln könnte, hochkonzentriert, gegen eine Muskelkrankheit wirken. Hoffnungsträger sind die Wohlstandskrankheit Diabetes sowie Erkrankungen des Verdauungsapparats, dazu das Gehirn. In welchen Nahrungsmitteln die Natur ihre Wirkstoffe versteckt hat? Bisher völlig unbekannt.


400 Millionen Budget für zehn Jahre

Wenn Cantarells Vision vom Gesundessen Wirklichkeit wird, ändert Nestlé die Welt der Ernährung. Es geht um einen Milliardenmarkt, den der Nestlé-Manager erfinden will, einen Markt zwischen Lebensmitteln und Pharma. Potenzial sieht Spartenchef Cantarell vor allem bei Senioren wie seinem 93-jährigen Vater, aber auch bei Menschen, die chronische Krankheiten aus der Familie kennen und vorbeugen wollen. Als ehemaliger Chef von Nestlé Europa und Nestlé Amerika weiß er, welche Kunden Geld haben – und wie er daran kommt.

Für die nötige Naturwissenschaft allerdings braucht der spanische Ökonom einen Experten. Dafür hat Cantarell einen charismatischen Wissenschaftler verpflichtet, jemanden mit Begeisterung für sein Fach. Emmanuel Baetge war Chefwissenschaftler der Stammzellenforscher der kalifornischen Viacyte, kämpfte dort gegen Diabetes. Baetge ist ganz Wissenschaftler, aber einer, der in wirtschaftlich umsetzbaren Ideen denkt. Seine Aufgabe nennt er eine „Chance, die nur einmal im Leben kommt“. Für Cantarell, für Nestlé, soll er ein neues Institut aufbauen.

Der weiße Gebäuderiegel, in dem sich derzeit noch die Inneneinrichter austoben, soll ein Teil des Uni-Campus am Rande Lausannes werden. Damit verlässt Baetge den geschlossenen Raum der Nestlé-Forschung. Aus der neuen Einrichtung heraus sollen sich die Wissenschaftler vernetzen. Sie teilen ihre Labore mit Uni-Kollegen, übernehmen Lehraufträge an der renommierten Hochschule.

Modernste Anlagen, die das menschliche Erbgut entziffern können, hat Baetge bereits bestellt. 30 Gen-Sätze können sie in einem Monat lesen. Mehr als 400 Millionen Euro darf der Amerikaner über zehn Jahre ausgeben – immerhin ein Sechstel dessen, was etwa die Universität Hamburg an staatlichen Zuschüssen bekommt. 19 Forscher hat Cantarell schon im Team, in fünf Jahren will er 250 forschende Mitarbeiter haben. „Wir wollen die besten Wissenschaftler aus der ganzen Welt“, sagt Baetge. Zudem kauft Cantarell zu, mehrere kleine Firmen hat er bereits in sein Forschernetz integriert. Schließlich ist er Vizepräsident des Risikokapital-Topfs von Nestlé.


Pharma-Margen ohne Pharma-Risiko

Die Produkte, die daraus entstehen, würden somit „wissenschaftlich belegt“, betont Cantarell. „Nahrung ist die wirksamste Arznei, die der Mensch jeden Tag zu sich nimmt“, sagt auch Baetge. Für Nestlé hat die Suche nach Wirkstoffen in der täglichen Nahrung zwei klare Vorteile: Solche Stoffe kommen bei den Kunden besser an. Wichtiger noch: Sie brauchen keine aufwendigen Zulassungen, wie sie die Pharmafirmen Milliarden Forschungsgelder kosten. Regelmäßig scheitern Pharmafirmen in letzter Minute bei ihrer Forschung an ungeahnten Nebenwirkungen.

Dieses Risiko will Baetge minimieren, ebenso die Notwendigkeit, lange die Ungefährlichkeit beweisen zu müssen. „Für die US-Arzneimittelbehörde FDA ist eine Substanz entweder Nahrung oder Arznei“, sagt er. Neu ist dann nur: die Darreichungsform, die Dosierung, die bewusste Anwendung – genug für ein Patent. Für den Konzern ist das ein folgerichtiger Schritt. Immer mehr seiner Produkte erweitert er um eine sogenannte Funktion: LC1-Joghurt mit probiotischen Kulturen, Frühstücksflocken mit Vollkornanteil. Dazu kommt Spezialnahrung für Sportler, Dicke, Kranke – und künftig eben auch für Gesunde, auf dass sie gar nicht erst krank werden.

Beim Marketing hilft Nestlé die Macht eines Weltmarktführers – und die Angst: Wer wird auf einen Stoff verzichten, der erwiesenermaßen das eigene Leben verlängern kann, indem er genetische Schwächen ausgleicht? Natürlich könnten die Menschen auch einfach ihr Leben ändern, räumt Baetge ein, weniger fettes Zeug essen, mehr Sport treiben. „Aber wer macht das schon?“

Quelle:  Handelsblatt Online
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