Die wenigen Stärken: Auf Gucci und Armani kann Italien bauen

Die wenigen Stärken: Auf Gucci und Armani kann Italien bauen

, aktualisiert 13. November 2011, 14:22 Uhr
Bild vergrößern

Die Modebranche ist einer der Lichtblicke im wirtschaftlich angeschlagenen Italien.

von Till HoppeQuelle:Handelsblatt Online

Die italienische Wirtschaft befindet sich in einer schwierigen Lage. Es gibt aber nur wenige Lichtblicke, aber wenigstens auf die Modebranche können sich die Italiener verlassen.

Es herrscht doch ein wenig italienische Unordnung in der Fabrikhalle. Kisten stehen außerhalb der mit gelben Streifen markierten Felder, ein Berg mit Kartonabfällen türmt sich auf. Seine Leute hätten sehr viel zu tun in diesen Wochen, entschuldigt sich Giancarlo Losma, so viele Aufträge. „Die wird nächsten Montag oder Dienstag in die Schweiz transportiert“, sagt er und zeigt auf eine dunkelgraue Riesenmaschine. Die Geräte weiter links seien für die USA bestimmt.

Losma führt eine Art Mini-Global-Player. 50 Leute arbeiten am Stammsitz in Curno, am Rande Bergamos nordöstlich von Mailand. Weitere 20 werkeln in den Tochterfirmen in Deutschland, Großbritannien, Indien und den Vereinigten Staaten. Losma liefert seine Maschinen auch in andere Teile der Welt, China zählt zu den wichtigsten Absatzmärkten. Elf Millionen Euro wird der 64-Jährige mit seiner kleinen Mannschaft in diesem Jahr umsetzen, 43 Prozent mehr als 2010. Und die Nachfrage aus dem Ausland steigt.

Anzeige

Die Maschinen, die Losma liefert, filtern Giftstoffe aus der Abluft anderer Maschinen. Ein bisschen gilt das auch für Betriebe wie seinen. Sie sorgen dafür, dass das schwache Wachstum des Landes nicht ins Minus rutscht.

Denn es gibt noch mehr Unternehmer wie Losma in der italienischen Industrie, vor allem im Maschinenbau oder in der Modebranche. Die konkurrenzfähigen Unternehmen sitzen nicht nur, aber zum größten Teil im Norden, dem traditionell stärkeren Teil des Landes. An der Autobahn von Mailand nach Venedig reiht sich eine Fabrik an die nächste. Gut die Hälfte aller Italiener lebt in den nördlichen Regionen, doch mehr als 70 Prozent aller Industriebetriebe sind hier beheimatet. Sie sind die Leuchttürme im Dunkel der italienischen Misere, sie zeigen dem Land, wie der Weg aus der Krise aussehen könnte.

Die Italiener haben, so sagt es der Modeunternehmer Michele Tronconi, lange „nur in der Gegenwart gelebt“. In einem Staat, der das Gesundheits- und das Bildungssystem ausbaut, aber keine höheren Steuern verlangt. In einer Gesellschaft, in der Familienbande und Beziehungen über den eigenen Erfolg entscheiden, die Leistung aber nicht zählt. Im Grunde, sagt Roberto Perotti, Ökonom der Mailänder Elite-Universität Bocconi, hat sich das Land suggeriert, in einer Marktwirtschaft leben zu können, ohne die Spielregeln einer solchen beachten zu müssen.


Wut über die Starre

Im Norden hatte die berühmte italienische Leichtigkeit schon immer etwas mehr Bodenhaftung. Die Losmas des Landes, allen voran die Maschinenbauer, haben sich an die Regeln gehalten, an das Morgen gedacht und investiert. Ihre Fabriken sind modern, ihre Produkte technisch auf dem neuesten Stand. Damit sind sie zur Nummer drei auf dem Weltmarkt aufgestiegen, hinter Japan und Deutschland. Sie machen das, was der Rest des Landes nicht schafft: sie exportieren. Knapp zwei Drittel ihrer Geräte gehen ins Ausland.

Ein erfolgreiches Unternehmen, sagt Losma, sei wie ein dreibeiniger Tisch. Ein Bein ist die Präsenz in den wichtigsten Märkten, das zweite sind die guten Produkte, das dritte eine effiziente Organisation. Keines der Beine darf fehlen, sonst breche der Tisch zusammen. Deshalb sei er schon Anfang der 90er-Jahre mit der ersten Auslandstochter in die USA gegangen, deshalb investiere er pro Jahr sechs Prozent des Umsatzes in die Weiterentwicklung seiner Filtermaschinen, doppelt so viel wie im Durchschnitt der Branche. So kann er mithalten mit seinen großen Konkurrenten aus dem Ausland. Noch am Morgen hatte er den Manager eines deutschen Großkonzerns zu Gast, ein Jahr lang hatte dieser auf der Suche nach der richtigen Maschine den Markt beobachtet, war nach Japan und in die USA gereist. Fündig wurde er in Curno.

Michele Tronconi ist leichter aufzuspüren. Sein Büro liegt im ersten Stock eines Hochhauses im Norden Mailands. Tronconi ist vielbeschäftigt, er hetzt in sein Büro, um den Gast zu begrüßen, wirft das Jackett auf einen der Metallstühle um den runden Glastisch, hetzt wieder hinaus, weil sein Blackberry klingelt. Er hat noch nicht zu Mittag gegessen, fragt, ob er das während des Gesprächs nachholen dürfe, vergisst es dann aber doch.

Aus jeder seiner Gesten spricht Wut, Wut über die Starre, in die sein Land unter Berlusconi gefallen ist. „Wenn Politik nicht in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen“, schimpft Tronconi, „dann ist sie überflüssig, nur ein Kostenfaktor für das Volk.“ Während er das sagt, schaut er immer wieder auf sein Mobiltelefon, wartend auf die Nachricht, ob die Abstimmung im Parlament schon durch ist, die das Ende des Ministerpräsidenten einleiten wird. Er kann es kaum erwarten. Zu lange hat die Politik die Losmas dieses Landes in ihrer Arbeit behindert.

Auch Tronconi ist ein solcher Losma. Tronconi, ein schmaler Mann mit feingliederigen, gepflegten Händen und angegrautem vollen Haar, führt ein kleines Textilunternehmen mit 75 Mitarbeitern. Gleichzeitig ist er der Präsident des Modeverbandes Sistema Moda Italia. Er vertritt eine Branche mit rund 450.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 50 Milliarden Euro.


Jeder gegen jeden mit unsauberen Mitteln

Italienische Schuhe oder Anzüge zählen zu den Aushängeschildern des Landes, Namen wie Gucci, Armani oder Tod's stehen weltweit für Luxus, Geschmack und Qualität. Im vergangenen Jahr ist die Modebranche um mehr als sieben Prozent gewachsen, vor allem in den reicher werdenden Schwellenländern war die Nachfrage nach Made in Italy hoch. Dieses Jahr wird die Industrie wohl stagnieren, die Großwetterlage schlägt schon durch. Die bevorstehende Rezession wird auch in der Vorzeigebranche für eine Auslese sorgen, denn längst nicht alle Unternehmen sind gut vorbereitet.

Stefania Trenti, Ökonomin der Großbank Intesa Sanpaolo, taxiert die Kosten der Krise für die italienische Industrie auf fast 100 Milliarden Euro.

Einige seiner Kollegen, berichtet Tronconi, hätten rechtzeitig den Blick nach vorne gewagt und Teile der Fertigung bereits ins Ausland verlagert, in die Schweiz, nach Österreich oder Serbien. „Wenn sich hier nicht bald etwas ändert, werden weitere gehen“, sagt er, obwohl sie dann das Qualitätssiegel Made in Italy verlieren. Wenn sich das Land aber bewege, würden viele wieder zurückkommen.

Italien braucht jetzt, da sind sich der Modeunternehmer Tronconi und der Maschinenbauer Losma einig, vor allem eines: Teamarbeit. „Wir müssen lernen zusammenzuarbeiten“, sagt Tronconi. „Wir müssen uns zusammenschließen, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen“, sagt Losma.

Bislang arbeitet in Italien jeder gegen jeden und das oft mit unsauberen Mitteln: rechte gegen linke Parteien, Behörden gegen Unternehmen, Firmen gegen Konkurrenzunternehmen. Tronconi nennt den Mailänder Flughafen Malpensa als Beispiel. Vor Jahren hatte die Politik beschlossen, den Airport zum internationalen Drehkreuz auszubauen. Er sollte in einer Liga spielen mit Frankfurt oder Paris. Doch der ehrgeizige Plan versandete auf halber Strecke. Der Konkurrenz-Flughafen Linate, für Mittelstreckenflüge attraktiver als Malpensa, wurde nach langen Streitereien doch nicht geschlossen.

Der Streit brachte eigentlich nur Verlierer hervor. Durch den gescheiterten Ausbau fließe der Strom chinesischer Touristen nach Europa vor allem nach Frankreich und Deutschland, sagt Tronconi. Italien werde trotz seiner berühmten Lebensart und seiner historischen Städte von den Besuchern nur gestreift. Dadurch entgingen dem Land nicht nur Einnahmen aus dem Tourismus, auch die Luxusgüterindustrie leide: „Viele Menschen kaufen unsere Produkte doch, um die Schönheit ihres Besuchs in ihrem Alltag wiederaufleben zu lassen.“

Auch die Firmen sollten sich untereinander stärker vernetzen, wünscht sich Losma, um in der großen Welt bestehen zu können. Wenn etwa zehn kleinere Unternehmen den Sprung nach Indien gemeinsam wagten, seien die Risiken viel kleiner: Sie könnten sich die Kosten für Büros und Werkshallen teilen, eine gemeinsame Telefonistin einstellen und zusammen um Kunden werben. Ohne solche Kooperation könnten auch die erfolgreichen Firmen aus dem Norden auf Dauer nicht die große Konkurrenz in Schach halten, warnt er. Würden aber auch die Losmas aufgeben, dann sieht es für Italien richtig düster aus.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%