Diesel-Betrug: Der Schmutz hinter dem Thermofenster

Diesel-Betrug: Der Schmutz hinter dem Thermofenster

, aktualisiert 20. April 2016, 12:06 Uhr
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Neben Volkswagen sollen auch weitere Hersteller ihre Abgaswerte geschönt haben. Die Autobauer bestreiten das.

von Lukas BayQuelle:Handelsblatt Online

Ist es zu warm, wird er schmutzig. Ist es zu kalt, wird er schmutzig. Ein Dieselmotor braucht paradiesische Zustände, damit die Abgasreinigung perfekt funktioniert. Der Gesetzgeber hat die Probleme mit heraufbeschworen.

DüsseldorfDer Generalverdacht steht im Raum, seit VW den Betrug mit dem Diesel eingestanden hat: Irgendwie würden doch alle Autokonzerne betrügen. Genährt wurde dieser Verdacht durch Messungen der Deutschen Umwelthilfe, die wöchentlich neue Hersteller an den Pranger stellte. Die Hersteller widersprachen stets. Klarheit sollten die Messungen des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) liefern, die das Verkehrsministerium im September angeordnet hatte.

Doch diese ziehen sich nun schon ein halbes Jahr hin. Obwohl die Ergebnisse vorliegen, hält die Behörde sie noch unter Verschluss. Sie will den Herstellern die Möglichkeit geben, dazu Stellung zu nehmen.

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Das scheint mehr als nötig zu sein. Der „Spiegel“ berichtet in seiner jüngsten Ausgabe, dass bei 56 von 58 Fahrzeugen Auffälligkeiten festgestellt wurden. Getestet wurden Modelle von fast allen großen Herstellern: Von VW, Daimler und BMW über Ford und Opel bis zu Renault, Peugeot und Fiat. Doch im Gegensatz zu den Fahrzeugen von VW scheinen die Fahrzeuge anderer Hersteller nach Untersuchungen des KBA kein „Defeat Device“ an Bord zu haben. Sie scheinen ihre Abgaswerte auf andere Art geschönt zu haben.

Tatsächlich funktioniert die Abgasreinigung der meisten Dieselmodelle offenbar nur bei perfekten Bedingungen, heißt es aus Prüferkreisen. „Thermofenster“ nennen die Prüfer den Temperaturbereich, in dem die Stickoxide am besten aus den Abgasen gefiltert werden. Ein Fenster, das bei einigen Herstellern sehr klein ausfällt. Beim Opel Zafira, berichtet das „Manager Magazin“, soll dieser Bereich zwischen 17 und 33 Grad liegen. Bei Daimler soll die Abgasreinigung bei Temperaturen unter 10 Grad weniger Stickoxide aus den Abgasen filtern. In Deutschland, wo die Durchschnittstemperatur bei 8,5 Grad liegt, dürften die meisten Diesel damit deutlich schmutziger sein als auf dem Papier angegeben.

Dass die Hersteller ihre Systeme auf Bedingungen knapp über Zimmertemperatur optimiert haben, dürfte allerdings kein Zufall sein. Der gesetzliche Standardtest NEFZ findet im Labor bei 23 Grad Außentemperatur statt. Und unter diesen Temperaturen liefern alle getesteten Modelle bessere Werte ab.

Offiziell begründen die Hersteller die Einstellung mit dem Schutz von Bauteilen und Motoren. Schließlich müssten auch die Abgasreinigungssysteme erst auf Temperatur gebracht werden. Doch wie weit die Hersteller diese Lücke, die der Gesetzgeber ihnen einräumt, ausnutzen dürfen, ist durchaus umstritten. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags halten das Vorgehen der Hersteller für illegal, und teilen damit die Haltung einiger Umweltverbände. Und auch das Verkehrsministerium will die Problem mit den „Thermofenstern“ auf europäischer Ebene schließen.


„Man hat jahrelang die Augen verschlossen“

Die Hersteller wehren sich dagegen vehement, mit der Konfiguration ihrer Abgasreinigung vorsätzlich betrogen zu haben. Daimler ließ schon kurz nach dem Ausbruch des Diesel-Skandals Ende 2015 verkünden: „Wir teilen die Empörung über den Einsatz gesetzwidriger Mittel zur Manipulation von Abgastests, aber wir wehren uns gegen jede Tendenz, auch unser Unternehmen einem Betrugsverdacht auszusetzen.“

Tatsächlich ist nach Ansicht von Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer vom Center of Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen auch die Politik maßgeblich verantwortlich für das Ausmaß des Dieselproblems. „Die Bundesregierung hat jahrelang die Augen verschlossen“, sagt er. Durch steuerliche Besserstellung habe man die Industrie gezwungen, in eine Technologie zu investieren, die sich spätestens seit dem Ausbruch des Dieselskandals international nicht mehr verkaufen lasse.

Über die politische Aufarbeitung des Skandals ist der Autoprofessor mehr als empört. „Nun muss alles auf den Tisch“, sagt er. Durch ihre Strategie des Verschleiern und Vertuschens nehme die Politik den Herstellern die Chance, sich für die Zukunft neu aufzustellen. Mit den jüngsten Messungen werde es für die Hersteller immer schwieriger, sich gegen den Generalverdacht zu wehren, selbst wenn die Handlungen am Ende nicht illegal gewesen sein sollte. „Der Diesel hat seinen Zenit überschritten“, meint Dudenhöffer.

Quelle:  Handelsblatt Online
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