Doppelte Bedrohung: Chemie zittert vor Trump und Brexit

Doppelte Bedrohung: Chemie zittert vor Trump und Brexit

von Jürgen Salz

Die Chemieindustrie zählt zu den exportstärksten Branchen Deutschlands. Nun sind die Ausfuhren gleich doppelt bedroht: Der neue Präsident ist im Amt und der harte Brexit steht bevor.

"America first!" Die Anwandlungen des jüngst vereidigten US-Präsidenten Donald Trump, den US-Markt stärker abzuschotten, beobachten viele deutsche Chemiemanager mit Stirnrunzeln und Sorge. Schließlich steht für die exportintensive Branche einiges auf dem Spiel – die USA sind ihr wichtigster Exportmarkt. 11,4 Prozent aller Ausfuhren von chemisch-pharmazeutischen Erzeugnissen gingen 2015 in die Vereinigten Staaten, knapp 20 Milliarden Euro erlösten die Unternehmen im Handel mit US-amerikanischen Kunden.

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PremiumDie Unterwerfer Wie deutsche Unternehmen sich mit Trump arrangieren wollen

Der angehende US-Präsident Donald Trump verunsichert deutsche Unternehmen zutiefst. Sie fürchten um ihr Geschäft in den USA und setzen alles daran, den Neuen im Weißen Haus nicht zu verärgern.

From Germany with Love: Wegducken, lobbyieren und seine Eitelkeit befriedigen, so buhlt die Wirtschaft um die Gunst von Donald Trump. Quelle: imago

Zudem übernehmen gerade deutsche Chemieunternehmen zunehmend US-Hersteller. Die Kartellverfahren laufen noch, Trump könnte noch eingreifen, doch dafür gibt es bislang keine Hinweise. Neben dem Rekorddeal von Bayer, das den Saatgutkonzern Monsanto für 66 Milliarden Dollar übernehmen will, haben etliche andere deutsche Unternehmen jenseits des Atlantiks zugekauft.

  • Der Essener Evonik-Konzern übernahm im Frühjahr 2016 für 3,5 Milliarden Euro das Spezialchemie-Geschäft von Air Products aus Pennsylvania.

  • 2,4 Milliarden Euro zahlte das Kölner Chemieunternehmen Lanxess für Chemtura, einen Spezialisten für chemische Zusatzstoffe aus Philadelphia.

  • Vom US-Konzern Albemarle aus Louisiana erwarb schließlich die BASF – zum Preis von 2,4 Milliarden Euro – die Tochter Chemetall, die sich auf die Bearbeitung von Oberflächen kapriziert.

"Die Region Nordamerika ist für Lanxess eine strategisch wichtige Wachstumsregion, in der wir unsere Präsenz weiter stärken wollen", sagt Lanxess-Chef Matthias Zachert. Und macht sich angesichts der protektionistischen Tendenzen erstmal Mut: "Grundsätzlich hoffen wir, dass auch in der kommenden Regierungskonstellation die guten transatlantischen Handelsbeziehungen erhalten bleiben und wir weiterhin günstige Rahmenbedingungen für Aktivitäten internationaler Unternehmen in den USA vorfinden." Dass Lanxess gerade in den USA zugekauft hat, dämpft die Exportsorgen etwas: " Falls die USA sich aber künftig stärker abschotten sollten, dann wären wir dort schon stark aufgestellt", so Zachert.

Donald Trump lässt sich nicht in die Karten schauen: Details über sein Vorhaben bleiben versiegelt. Seine Pläne könnten deutsche Exportunternehmen hart treffen. Drohende Sanktionierungen lassen die Investitionsbereitschaft schrumpfen.

Nicht nur der Protektionismus à la Trump, auch der harte Brexit bedroht zudem die Ausfuhren der exportstarken Branche. "Die chemische Industrie ist von einem harten Brexit besonders stark betroffen", sagt Vir Lakshman, Partner bei KPMG, verantwortlich für Chemie und Pharma. Das Vereinigte Königreich zählt zu den wichtigsten Exportpartnern der Deutschen. Laut Chemieverband VCI verkaufte die deutsche Chemie- und Pharmabranche 2015 Produkte im Wert von 12,9 Milliarden Euro nach Großbritannien (7,3 Prozent aller Exporte), vor allem Spezialchemikalien und Medikamente. Gleichzeitig importierten deutsche Chemieunternehmen Erzeugnisse im Wert von 5,6 Milliarden Euro von der Insel.

"Da sich durch die Zölle die Importe im Königreich künftig verteuern und die Briten aufgrund der wachsenden Unsicherheit Kaufzurückhaltung üben, verschlechtern sich die Absatzchancen deutscher Unternehmen. Besonders für chemische Vorprodukte, etwa für die Auto- oder Möbelindustrie", prognostiziert KPMG-Partner Lakshman. "Die Investitionen von Unternehmen im Vereinigten Königreich dürften wegen der Unsicherheiten zurückgehen." Auch gemeinsame Standards könnten künftig wegfallen und den Handel einschränken: "Problematisch für den Warenverkehr wird auch, falls sich die Briten, etwa bei der Klassifizierung von Stoffen, künftig andere Regulierungsvorschriften geben als die EU", so Lakshman.

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