EADS: Geplatzte Fusion ist ein Schuss ins Knie

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EADS: Geplatzte Fusion ist ein Schuss ins Knie

von Rüdiger Kiani-Kreß

Das Scheitern der Fusion von EADS mit BAE Systems könnte nicht nur dem deutsch-französischen Konzern schaden. Auch der Standort Deutschland wird dadurch geschwächt.

Bei heiklen Fragen kennt Peter Hintze wenig Scheu. „In dieser Formation bleibt das industriepolitische Interesse Deutschlands am besten gewahrt“, sagte der parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und Luftfahrtbeauftragte der Regierung am vergangenen Mittwoch. Da hatte der europäische Luftfahrtkonzern EADS die geplante Fusion mit dem britischen Rüstungsriesen BAE Systems wegen des Widerstands der Bundesregierung gerade platzen lassen.

Luftfahrtexperten wie der Hamburger Heinrich Großbongardt teilen diese Zufriedenheit nicht. „Das Scheitern der Fusion wird sowohl die EADS als auch den Luftfahrtstandort Deutschland schwächen“, fürchtet er. Zudem gilt der Konzern mehr denn je als Staatskonzern. EADS muss nun stärker als geplant im Ausland wachsen, was deutsche Jobs gefährden könnte. „Mit der Aktion hat sich Deutschland ins Knie geschossen“, sagt ein EADS-Manager.

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Subventionierter Staatskonzern

Gedacht war alles ganz anders. EADS-Chef Tom Enders wollte mit der quasi kostenlosen Übernahme von BAE durch einen Aktientausch die Abhängigkeit vom riskanten Airbus-Zivilgeschäft reduzieren und die Cassidian genannte Waffenproduktion stärken. Die sitzt vor allem in Deutschland, ist aber im internationalen Maßstab recht klein und droht mangels Aufträgen zu schrumpfen. Im Duett mit BAE sah Enders als Komplettanbieter größere Chancen. „Nun hinkt EADS weiter auf dem Rüstungsbein“, sagt Experte Großbongardt.

Will der Konzern nicht ganz aus der Rüstung aussteigen, muss Enders den Bereich gründlich umbauen. „Das wird in Berlin viel Freude auslösen“, zitieren französische Zeitungen mit beißender Ironie gallische Regierungskreise. Dazu muss die EADS für viele Milliarden jene kritische Masse zukaufen, die BAE mitbringen sollte.

Dieses Geld fehlt für Innovationen bei Airbus, der Hubschraubertochter Eurocopter und im Astrium-Weltraumgeschäft. Der Geldmangel zwingt die EADS-Töchter, die über Europa verteilte Fertigung zu zentralisieren. Das könnte den Standort Deutschland schwächen. „Ich hoffe, die Leidtragenden sind jetzt nicht die Arbeitnehmer“, twitterte bereits Bernhard Stiedl, EADS-Beauftragter der IG Metall.

Künftig könnten etliche Arbeiten sowie Entwicklungsaufträge – und damit Jobs – an Zulieferer gehen. Die sitzen vor allem in Frankreich, weil dort die Regierung im Gegensatz zu Deutschland auf eine Konsolidierung gedrängt hat. Dagegen wird sich an der deutschen Zersplitterung wenig ändern. Der Druck könnte noch wachsen: Experten erwarten, dass über kurz oder lang ein US-Konzern BAE schluckt und der neue Verbund dann verstärkt der EADS in Europa Aufträge abjagen könnte.

Gleichzeitig schaden die Umstände der geplatzten Fusion dem internationalen Auftritt der EADS. „Nach dem wider alle Vernunft erfolgten Berliner Veto haben wir statt eines geplanten Ausstiegs der Staaten eine klare Mehrheit der Regierungsaktionäre und werden gerade in den USA mehr denn je als subventionierter Staatskonzern wahrgenommen“, fürchtet ein EADS-Manager. „Diese Steilvorlage werden unsere US-Rivalen wie Boeing nun bei jeder Ausschreibung genüsslich nutzen, egal, ob Rüstungsbereich oder Airbus-Auftrag.“

Nationalistische Doppelmoral

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Die Bundesregierung hält das für reine Propaganda. „Eine Arbeitsteilung nach dem Muster: Frankreich bekommt die zivile Luftfahrt, Großbritannien die militärische Produktion und Deutschland bekommt dafür den Chef – das wäre für uns wohl wenig vorteilhaft“, sagt ein deutscher Unterhändler. Zumal Enders’ Beschäftigungsgarantie nur bis 2014 gereicht hätte. Entlassungen wegen einer Umstrukturierung Richtung England und Frankreich gingen ohnehin kaum schneller. EADS habe zudem nur eine Kopfzahl versprochen, die Regierung müsse jedoch auf „die Ingenieure und Technologieträger“ achten. Das Urteil über den wirtschaftlichen Sinn des Bündnisses hätten die Börsen bereits geliefert: „Bei der Ankündigung der Fusion ging der EADS-Kurs nach unten, nach dem Scheitern der Gespräche nach oben.“

Die regierungsamtliche Euphorie könnte aber bald verfliegen. Denn Politiker in Frankreich und Großbritannien bescheinigen Deutschland „nationalistische Doppelmoral“, wie der britische Ex-Europaminister Denis MacShane formulierte. Die könne sich auf EU-Gipfeln in antideutscher Stimmung entladen. Beispielsweise, wenn die deutsche Staatsbank KfW die bislang vom Autokonzern Daimler gehaltenen Anteile übernehmen will. „Dazu braucht Deutschland das Okay von Frankreich“, sagt ein französischer Rüstungsmanager. „Und da dürfte sich unsere Regierung nach diesem Gesichtsverlust sicher ein paar kreative Hürden einfallen lassen.“

Die EADS gilt in den USA künftig noch mehr als ein Staatskonzern

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