Ehemaliger Lokomotiven-Riese: Industrie-Ikone Henschel soll auferstehen

Ehemaliger Lokomotiven-Riese: Industrie-Ikone Henschel soll auferstehen

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Henschel-Eigner Henke räumt auf.

von Hermann J. Olbermann

Einst war Henschel Europas größter Lokomotiven-Hersteller. Davon ist wenig geblieben. Nun will ein Ingenieur die gefallene Ikone der deutschen Industrie wieder an die Weltspitze führen.

Der Brief kam postwendend zurück. Das Kasseler Industrieunternehmen Henschel hatte die Annahme verweigert. „Zu wenig Porto“, sagt Absender Matthias Henke. Also fuhr er selbst nach Kassel und gab die Unterlagen persönlich ab. Er kam zwar nur bis zum Pförtner, wurde aber später von der Geschäftsleitung eingeladen und erhielt, was er begehrte: einen Job als Trainee. Das war 1991. Heute gehört ihm das Kasseler Werk.

Henschel, das war einst Europas größter Hersteller von Lokomotiven sowie ein Produzent von Lastwagen und Bussen. Daran erinnert jetzt nur noch das Henschel-Museum. Henke will an die Tradition anknüpfen, zumindest ein bisschen: Das Unternehmen fertigt nun Getriebe für Lokomotiven. In dieser Nische, als Anbieter spezieller Antriebstechnik, soll es wieder zur Weltspitze aufsteigen. Plant Ingenieur Henke. Und geht dabei so unkonventionell und forsch vor wie bei seiner Bewerbung als Trainee.

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Dabei war Antriebstechnik nicht das Arbeitsfeld, das er sich erträumt hatte. Ursprünglich wollte der gebürtige Vorpommer Biologie studieren, Vögel beobachten. Doch für einen Platz an der Uni hätte er sich für drei Jahre bei der Volksarmee verpflichten müssen. Das lehnte Henke ab, wie er zuvor schon die Jugendweihe abgelehnt hatte. So ging er zur Reichsbahn, ließ sich zum Elektrotechniker ausbilden und studierte später Maschinenbau.

Lokomotive des Fortschritts

  • 1810

    Georg Christian Carl Henschel gründet in Kassel eine Gießerei.

  • 1848

    Das Unternehmen baut erstmals Lokomotiven, wird später Branchenführer in Europa. Von 1925 an produziert es auch Lkws und Busse.

  • 1957

    Henschel steckt in die Krise, wird an Rheinstahl verkauft, danach an Thyssen. Die Sparten Lok und Auto werden später abgestoßen.

  • 2003

    Kero erwirbt Henschel, filetiert die Firma und verkauft den Kern, die Antriebstechnik, 2006 an Henke.

Henke hadert nicht lange, er orientiert sich schnell um. Auch Unternehmer mochte er, sozialisiert im Sozialismus, zunächst nicht werden. Der hessische Kero Private Equity Fonds, damals Eigner von Henschel, musste ihn 2006 dazu drängen, zumal er nicht einmal genügend Geld besaß. So viel verdiente er, inzwischen Geschäftsführer, nicht, zudem hatte er gerade ein Haus gekauft. Aber das Land Hessen verbürgte sich bei den Banken für den Jungunternehmer.

200 Mitarbeiter

Denn mit der Sparte erwarb Henke nicht nur Mitarbeiter, Maschinen und Marke, sondern auch Patente. Inzwischen hat er weitere angemeldet – auch auf seinen Namen. Manche Idee kommt ihm so spontan, dass er während einer Autofahrt schon mal an einer Raststätte anhält und auf einer Serviette eine grobe Skizze zeichnet.

„Bei uns sind immer wieder individuelle Lösungen gefragt“, erklärt der Chef. Getriebe für unterschiedliche Züge, Getriebe für Bohrtürme, Getriebe für Bergwerke und für die Formel 1. Produziert wird nur in Deutschland. Denn für Henschel-Produkte made in Germany könne er 10 bis 15 Prozent mehr verlangen als die ausländischen Konkurrenten, sagt Henke.

Seine rund 200 Mitarbeiter mögen seine Art, obwohl er den Tarifvertrag gekündigt hat und sie deshalb schon auf zwei Lohnerhöhungen verzichten mussten. Aber wenn er durch die Werkhalle läuft, und er läuft oft durch, begrüßt er die Beschäftigten mit Handschlag und viele sogar mit Namen. Liegt ein Gerät oder eine Palette am falschen Platz, zitiert der Chef nicht den Arbeiter herbei, sondern packt selbst an. Als er im Juni seinen 50. Geburtstag feierte, warfen die Beschäftigten vor der Werkhalle den Grill an und schenkten ihrem Chef das Getriebe für einen ICE-Zug. „Da freute ich mich, als wären Ostern und Weihnachten auf einen Tag gefallen“, erinnert sich Henke.

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Überhaupt Getriebe: Für sie kann er sich so begeistern, wie Fußballfans für die Weltmeisterschaft der deutschen Elf. Beim Gang durch die Fabrik bleibt er an fast jedem größeren Getriebe stehen, lächelt und jongliert mit Begriffen wie Doppelschneckenextruder und Sphäroguss. 37,1 Millionen Euro Umsatz hat Henschel im letzten Jahr erwirtschaftet und eine, so Henke, „auskömmliche Rendite erzielt, aber nicht zweistellig“.

Jetzt will er die Produktion ausweiten, allerdings in der alten Halle. Neue Maschinen hat er schon bestellt, knapp vier Millionen Euro investiert, erzählt er und läuft zum nächsten Getriebe. Sein Sakko hat er längst abgelegt. Bei seinem Tempo gerät er schon mal ins Schwitzen. Zum Ausgleich macht er, wovon er als Jugendlicher geträumt hat: Vögel beobachten.

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