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EnBW-Chef Villis: „Unser Partner war nicht der Heilige Nikolaus“

von Jürgen Flauger und Jan Keuchel Quelle: Handelsblatt Online

Zum Ende seiner Amtszeit kann sich EnBW-Chef Hans-Peter Villis über einen neuen Gasliefervertrag freuen. Im Interview spricht er über die zweifelhaften Geschäfte mit dem Lobbyisten Andrey Bykow – und über Utz Claassen.

Der scheidende EnBW-Chef Hans-Peter Villis. Quelle: dpa
Der scheidende EnBW-Chef Hans-Peter Villis. Quelle: dpa

Handelsblatt: Herr Villis, kurz vor dem Ende Ihrer Amtszeit haben Sie einen großen Gasliefervertrag geschlossen. Brauchen Sie, nachdem Ihr Vertrag nicht verlängert wurde, noch einen guten Abgang?

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Hans-Peter Villis: Mit dem Ende meiner Amtszeit hat das natürlich nichts zu tun. Wir arbeiten seit Jahren an unserer Gasstrategie und haben mehrere Optionen geprüft. Solche Verhandlungen im Gasgeschäft dauern eben lang, und wann sie abgeschlossen werden, lässt sich nicht planen. Aber natürlich freue ich mich, dass es nun gelungen ist, diesen Vertrag für die EnBW abzuschließen.

Warum ist Ihnen der Vertrag so wichtig?

Im Gegensatz zum Stromgeschäft war die EnBW bei Gas traditionell schwächer. Wir wollten das Gas nicht nur von den Großhändlern kaufen und dann in Deutschland an unsere Kunden vertreiben, sondern die Wertschöpfungskette erweitern. Deshalb wollten wir uns entweder selber an Gasfeldern beteiligen oder direkte Lieferverträge mit den Produzenten schließen. Letzteres ist uns jetzt gelungen.

Den Namen Ihres Partners wollen Sie nicht nennen. Nach unseren Informationen ist es das russische Unternehmen Novatek.

Unser Vertragspartner hat uns zunächst noch um Vertraulichkeit gebeten. Dafür bitte ich um Verständnis.

Wie viel Prozent Ihres Gasbezugs haben Sie denn jetzt über den Vertrag gesichert?

Knapp 30 Prozent des Gases, das wir absetzen, beziehen wir demnächst über den neuen Vertrag.

Konkurrenten haben derzeit Probleme mit ihren langfristigen Bezugsverträgen. Die Preise sind zu hoch, die Verträge nicht flexibel. Haben Sie es besser gemacht?

Wir haben natürlich den Markt genau beobachtet. Zum einen ist die Menge, die wir abnehmen können, sehr flexibel. Je nach Bedarf können wir mehr oder weniger abnehmen. Zum anderen orientiert sich der Preis sowohl mittelbar am Ölpreis als auch an den Gasbörsen und reflektiert somit die zwischenzeitliche Entwicklung an den Gasmärkten.


„Bauen das Gasgeschäft organisch auf“

Letztlich betreiben Sie aber nur Schadensbegrenzung. Mit Ihrem Versuch, den ostdeutschen Gasgroßhändler Verbundnetz Gas (VNG) unter Kontrolle zu bringen, sind Sie gescheitert. Ist Novatek nicht nur eine B-Lösung?

Der langfristige Liefervertrag ist ein großer Schritt zum Ausbau unseres Gasgeschäfts. Es ist richtig, wir wollten uns an der VNG beteiligen und unser Gasgeschäft über und mit der VNG entwickeln. Jetzt bauen wir das Gasgeschäft erst einmal organisch auf. Wichtig war der Zugang zum Gas, und den haben wir jetzt durch den langfristigen Liefervertrag.

Hat die EnBW denn jetzt ein starkes Standbein im Gasgeschäft?

In weiten Teilen. Wir haben uns ja auch an einem Gasspeicher beteiligt. Beides zusammen, der langfristige und wirtschaftliche Zugang zu Gas und die Möglichkeit der Speicherung, versetzt uns in die Lage, künftig als unabhängiger Portfoliomanager Angebote selbst zu strukturieren.

Bei dem Gasdeal hat Ihnen aber nicht etwa der Lobbyist Andrey Bykow geholfen?

Nein. Vielleicht wird er das behaupten. Aber mit Herrn Bykow hat dieser Vertrag nichts zu tun.

Wir fragen, weil Herr Bykow behauptet, mit der EnBW mehrere Scheinverträge im Nuklear-Geschäft geschlossen zu haben, die eigentlich dazu dienten, der EnBW Zugang zu Gas zu verschaffen. Stimmt seine Version?

Nach allem, was wir wissen: nein. Bei dem, was ich zu verantworten habe und allem, was wir auch rückblickend untersucht haben, wurden von uns keine Scheingeschäfte, sondern Verträge mit vereinbarten Gegenleistungen, wie etwa Brennstofflieferungen, geschlossen, die von Bykows Firmen allerdings teilweise nicht erbracht wurden. Deshalb haben wir ja Schiedsverfahren angestrengt.

Aber vor zwei von drei Schiedsgerichten, vor denen Sie sich mit Bykow streiten, haben Sie ganz beziehungsweise teilweise verloren. Wie passt das mit Ihrer Version zusammen?

In den Schiedsverfahren ist Bykows Behauptung, es handle sich um Scheingeschäfte, nie durch Beweise belegt worden, auch von ihm nicht, obwohl er als Zeuge vor den Schiedsgerichten hätte auftreten können. Unsere Ansprüche wurden teilweise anerkannt und teilweise abgelehnt - aber nur aus vertragsrechtlichen Gründen.

Das heißt, bei der EnBW wurden Verträge so schlampig geschlossen, dass sie nicht vor Gericht hielten. Wie erklären Sie sich das?

Das müssen Sie diejenigen fragen, die damals die Verträge abgeschlossen haben. Nach Aufdeckung der Vorfälle haben wir gemeinsam mit dem Aufsichtsrat das ganze Thema Compliance unter anderem anlässlich dieser Vorfälle systematisch neu angepackt. In diesem Zusammenhang haben wir das Thema Revision neu aufgesetzt, die Satzungen und Geschäftsordnungen angepasst und zum Beispiel ein qualifiziertes Vieraugenprinzip eingeführt. Auch haben wir verbindlich festgeschrieben, dass anders als früher bei allen wichtigen Verträgen der Rechtsbereich eingebunden werden muss. Früher gab es bei der EnBW eine solche systematisch weitreichende Corporate Governance nicht.


„Unser Vertragspartner war nicht der Heilige Nikolaus“

Und was ist dran an Bykows Aussage, die von EnBW erhaltenen Millionen zur Hälfte in die Stiftung des Heiligen Nikolaus gesteckt zu haben - zur Klimapflege in Russland?

Wir gehen davon aus, dass er die Gelder am Anfang dafür verwandt hat, um seine Verpflichtungen zu erfüllen. Er hat ja in den meisten Fällen auch seine Leistungen erbracht. Aber natürlich weiß ich nicht, was er mit seinem privaten Geld gemacht hat. Unser Vertragspartner war nicht der Heilige Nikolaus, sondern die Bykow-Gruppe. Wir haben nie gesagt: „Nimm das Geld und sieh zu, dass da eine neue Kirche hinkommt oder dort eine Schule gebaut wird.“

Wann haben Sie denn von den fragwürdigen Verträgen erfahren?

Das Thema kam 2009 hoch, als Bykows Firmen ihren Lieferverpflichtungen nicht mehr nachkamen. Dann haben wir erst einmal den gesamten Sachverhalt aufgeklärt - gemeinsam mit KPMG und Freshfields. Die haben alles überprüft, was mit Bykow in Verbindung stand.

Was haben Sie gedacht, als die Ihnen die Ergebnisse präsentierten?

Ich war teilweise sehr erstaunt. Und ich habe sofort auch meinen Aufsichtsrat informiert.

Das heißt im Umkehrschluss: Vor Ihrer Zeit hatte die EnBW ein massives Compliance-Problem.

Ich habe jedenfalls eine bestimmte Auffassung von Compliance, und die habe ich umgesetzt.

Aber dass die Geschäftsbeziehung zu Herrn Bykow problematisch war, das konnte man doch schon 2004 in einem Revisionsbericht nachlesen. Hätte der damalige Vorstand die Compliance-Probleme nicht längst beheben müssen?

Das dürfen Sie mich nicht fragen.

Wieso aber verklagen Sie nur die Manager auf der mittleren Ebene, die mit Bykow Geschäfte gemacht haben, auf Schadensersatz? Müssten Sie nicht auch den damaligen Vorstandsvorsitzenden, Utz Claassen, wegen der schlechten Compliance in Anspruch nehmen?

Ich muss schon aus aktienrechtlichen Gründen gegen die betroffenen vier Manager vorgehen. Sie waren nicht ermächtigt, Geschäfte in diesem Umfang so umzusetzen. Was Herrn Claassen anbelangt, so haben wir keine Belege dafür gefunden, dass er sich rechtlich falsch verhalten hat.

Aber kann man nicht aus den ganzen Abläufen folgenden Schluss ziehen: Hätte Herr Claassen bereits eine vernünftige Compliance eingeführt, wäre es erst gar nicht zu den verlustbringenden Verträgen mit Herrn Bykow gekommen?

Das ist Ihre Schlussfolgerung.

Herr Villis, vielen Dank für das Interview.

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