Ende des Wohlwollens für Boeing: Luftfahrtbehörde zieht Dreamliner aus Verkehr

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Ende des Wohlwollens für Boeing: Luftfahrtbehörde zieht Dreamliner aus Verkehr

von Rüdiger Kiani-Kreß

Vorerst müssen 787-Maschinen fast weltweit am Boden bleiben. Die US-Luftfahrtbehörde FAA geht die Pannenserie zu weit. Es ist die erste Stilllegung eines Flugzeugtyps seit 34 Jahren. Der Wundervogel wird für Boeing zur Belastung.

Auf den ersten Blick ist Marcin Piróg sicher einer der mutigsten Manager in der Flugbranche. Denn der Chef der polnischen Fluglinie Lot startete Mittwochnachmittag wie geplant den ersten Linienverkehr einer europäischen Fluglinie mit der neuen Boeing 787. Und das, obwohl mit All Nippon und Japan Airlines die beiden wichtigsten Erstkunden des Dreamliner den Wundervogel nach einer Notlandung im südjapanischen Yamaguchi zumindest bis Freitag außer Dienst gestellt haben.

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Doch bei genauerem Hinsehen ist der Vorfall von Dienstagnacht weit weniger dramatisch als der Eindruck aus den Videos und Fotos von der Notevakuierung. Zwar rühren die Probleme wieder von der Elektrik und dem Lithium-Ionen-Akku her. Hier gab es bereits beim ersten und bislang schlimmsten der insgesamt sechs Zwischenfälle in den vergangenen anderthalb Wochen Probleme. Doch auch wenn noch nicht alle Einzelheiten fest stehen: es gab zumindest kein offenes Feuer. Weil die Batterie offenbar undicht war, gab es eine Warnanzeige und einen ungewöhnlichen Geruch im Flugzeug.

Aus Expertensicht ist die Stilllegung der 787 eher eine Vorsichtsmaßnahme. Denn auch wenn Boeing nach eigenen Angaben die Teile des Flugzeugs, in denen die Akkus sitzen, so konstruiert hat, dass sie einem Batterie-Feuer stand halten und Gefahr vom Rest des Flugzeugs abwenden. Bei einem Flugzeug sind die Standards so streng, dass jegliches Risiko ausgeschlossen werden soll.

Airbus und das Boeing-Zivilgeschäft im Vergleich

  • Airbus und das Boeing-Zivilgeschäft im Vergleich

    Umsatz (in Millionen Euro):

    Airbus: 33.103
    Boeing: 27.931

    Gewinn (Ebit, in Millionen Euro):

    Airbus: 584
    Boeing: 2.699

    Beschäftigte:

    Airbus: 55.000
    Boeing: 80.000

    Angaben für 2011

  • Auftragsbestand

    Flugzeuge:

    Airbus: 4.437
    Boeing: 3.371

    Wert (in Millionen Euro, Listenpreis):

    Airbus: 495.513
    Boeing: 226.487

    Angaben für 2011

  • Bestellungen und Auslieferungen

    Bestellungen 2011:

    Airbus: 1.419
    Boeing: 805

    Bestellungen 2012 (Stand: 31. August):

    Airbus: 384
    Boeing: 666

    Auslieferungen 2011:

    Airbus: 534
    Boeing: 477

Doch spätestens seit Dienstagnacht ist das Wohlwollen in Sachen 787 für Boeing aufgebraucht. "Boeing erlebt gerade den schlechtesten Start eines neuen Flugzeugmodells", sagt der renommierte US-Flugzeugexperte Richard Aboulafia. Nach der jüngsten Pannenserie müssen mittlerweile die meisten bisher ausgelieferten 787-Maschinen am Boden bleiben. Auch Europa, Chile und Indien schlossen sich am Donnerstag einer entsprechenden Anordnung der US-Luftfahrtbehörde FAA an, die angewiesen hatte, die Dreamliner in den USA vorübergehend aus dem Verkehr zu ziehen. Die FAA hatte damit ein weltweites Zeichen gesetzt, da sich die Sicherheitsbehörden in anderen Ländern oft nach dem Land richten, in dem das Flugzeug gefertigt wird - in diesem Fall also nach den Vereinigten Staaten. Es ist die erste Stilllegung eines westlichen Flugzeugs seit 1979. Damals legte die FAA die MDonnell-Douglas DC 10 nach einem spektakulären Absturz für mehrere Wochen still.

Die Vorfälle sind für Boeing nicht nur peinlich oder unangenehm. Wenn ein Flugzeug trotz des bislang umfangreichsten Testprogramms der Branche nicht richtig funktioniert, kratzt das am Ruf des weltgrößten Luftfahrtkonzerns und lässt Passagiere trotz aller Zusicherungen mit einem unguten Gefühl einsteigen. Das trifft auch die Fluglinien. Die können für ihre Flüge mit der neuen 787 wohl nicht länger höhere Preise verlangen. Es ist sicher kein Zufall, dass All Nippon auf seiner Facebook-Seite das Foto des Dreamliners durch ein Bild von der älteren, aber zuverlässigen Boeing 777 ersetzt.

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Jedes weitere Problem könnte aus seiner Sicht der 787 ernsthaft zusetzen und nicht nur zu Schadensersatzforderungen der Betreiberairlines führen, sondern auch gar zu strengen Auflagen der Zulassungsbehörden. Hierzu könnten größere Änderungen bei der Elektrik und dem Batteriesystem führen. Das würde nicht nur weitere Verzögerungen des bereits gut drei Jahre verspäteten Vogels mit sich bringen.

Jede Änderung das Flugzeug wahrscheinlich schwerer und führt zu einem höheren Verbrauch. Änderungen betreffen auch Airbus, deren K787-Konkurrenzmodell A350 ebenfalls auf mehr Elektronik und Lithium-Batterien setzt, wenn auch nicht im gleichen Maß wie der Dreamliner. Und am Ende sind Zweifel an den Batterien auch ein Warnzeichen für die Autoindustrie beim Start des Elektroautos.

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