Energiemarkt: Russischer Stromexporteur lockt mit Atomstrom

Energiemarkt: Russischer Stromexporteur lockt mit Atomstrom

, aktualisiert 04. November 2011, 20:34 Uhr
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Die Kühltürme des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld.

von Jürgen FlaugerQuelle:Handelsblatt Online

Russlands größter Stromexporteur Inter Rao will von der deutschen Energiewende profitieren: Konzernchef Kowaltschuk bietet Stromlieferungen aus Kaliningrad an - ausgerechnet aus einem Kernkraftwerk.

FrankfurtDas Angebot klingt verlockend. "Deutschland ist durch die Energiewende ein sehr interessanter Markt für uns. Wir können helfen, die Lücke, die Deutschland durch den Atomausstieg in der Stromproduktion bekommen wird, zu schließen", sagt Boris Kowaltschuk, Chef des größten russischen Stromexporteurs Inter Rao, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Sein Unternehmen hat in der russischen Exklave Kaliningrad genug Strom, von dem ein großer Teil über das angrenzende Polen nach Deutschland transportiert werden könnte.

Umweltschützer und Politiker dürfte die Offerte allerdings in helle Aufregung versetzen. Denn sie führt die im Sommer vollzogene Energiewende in Deutschland und den zügigen Atomausstieg ad absurdum. Der Strom würde nämlich zu einem großen Teil aus einem neuen Kernkraftwerk stammen, das der Partner und Großaktionär von Inter Rao, der Nuklearkonzern Rosatom, derzeit in Kaliningrad baut.

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Kowaltschuk lässt sich davon aber nicht abhalten - er wirbt mit Nachdruck für seinen Vorschlag: "Schon im Jahr 2016 könnte der erste Strom vom neuen Kernkraftwerk nach Deutschland fließen", sagt er.
Die Rechnung des Managers ist simpel. In Deutschland drohen in der Stromproduktion Engpässe. Acht Reaktoren wurden im Frühjahr unmittelbar stillgelegt, in den kommenden elf Jahren werden neun weitere Meiler folgen. Der Ausbau von Wind- und Solarenergie kann die entstehende Lücke nicht schließen, neue Gaskraftwerke lohnen sich wegen der hohen Gaspreise kaum, und neue Kohlekraftwerke gelten als umweltschädlich. Deutschland wird deshalb auf Stromimporte angewiesen sein. Sie steigen schon jetzt.

Nach Kowaltschuks Rechnung kann Inter Rao technisch und wirtschaftlich einen Teil dieses Bedarfs decken. Sein Unternehmen ist der zweitgrößte Stromproduzent Russlands und die Nummer eins im internationalen Handel. Neben vielen Standorten in Russland und den Nachbarstaaten ist es auch in der westlichen Exklave Kaliningrad, die zwischen Polen und Litauen liegt, aktiv.

Große Differenz bei den Strompreisen

Dort betreibt Inter Rao selbst ein modernes Gaskraftwerk mit einer Leistung von 900 Megawatt. Der erste Block des Kernkraftwerks, das Rosatom dort baut und das 2300 Megawatt stark sein wird, wird 2016 ans Netz gehen. Der zweite Block soll 2018 folgen. Inter Rao hat nach Kowaltschuks Worten mit Rosatom schon vereinbart, die Produktion aus den Reaktoren in den ersten 25 Jahren exklusiv im Ausland zu vermarkten. Und zudem hat Inter Rao noch Leitungen, um zusätzliche Strommengen von Russland nach Kaliningrad zu transportieren.


Das Potenzial des Stromexporteurs ist riesig

Das Potenzial ist also riesig: "Wenn man den Bedarf vor Ort abzieht, stehen gut 3600 Megawatt für den Export zur Verfügung." Der Strom könnte ins Baltikum, nach Polen, aber eben auch nach Deutschland fließen.
Auch eine Entfernung von 450 Kilometern bis zur deutschen Grenze gefährde die Wirtschaftlichkeit nicht. "Für uns würde sich das auf jeden Fall rechnen, trotz der zusätzlichen Transportkosten", sagt Kowaltschuk. "Die Strompreise sind in Deutschland viel höher als vor Ort."

Der Inter-Rao-Chef will zwar keine Preise nennen - dies ist sein Geschäftsgeheimnis -, die Produktionskosten im eigenen Gaskraftwerk und in dem geplanten Kernkraftwerk sind aber niedrig und die Strompreise in der Region vergleichsweise gering. In Russland kostete eine Megawattstunde im ersten Halbjahr zwischen 38 und 48 Euro. In Deutschland war sie mit 52 bis 62 Euro deutlich teurer. "Das wäre für alle ein gutes Geschäft: für Rosatom, für uns und für unsere deutschen Handelspartner", wirbt Kowaltschuk für seinen Plan. Und auch technisch wäre die Lieferung nach seinen Worten "kein Problem": "Wir müssten nur eine Leitung von etwa 100 Kilometer Länge bauen, um Zugang zum polnischen Netz zu bekommen." Hinzu käme ein Ausbau der Kuppelstellen vom polnischen zum deutschen Netz. Inter Rao sei "mit der polnischen Seite im Gespräch".

Es gäbe freilich noch einen anderen Transportweg. "Wir prüfen gemeinsam mit Rosatom, ob wir nicht ein Kabel durch die Ostsee nach Deutschland verlegen können - ähnlich wie bei der Gaspipeline Nordstream", sagt Kowaltschuk. So wie Nordstream die russischen Gasfelder direkt mit Deutschland verbindet, könnte Westeuropa an Kaliningrad mit einer Stromleitung angeschlossen werden. Rund eine Milliarde Euro dürfte das kosten. Das Projekt sei zwar noch in einer frühen Phase, Inter Rao habe aber schon europäische Konzerne angesprochen, ob sie sich beteiligen wollen.


Inter Rao hat deutsche Kraftwerksbeteiligungen im Visier

Die deutschen Versorger Eon und RWE wollten sich auf Anfrage nicht zu den Avancen der Russen äußern. Hinter vorgehaltener Hand wird aber bestätigt, dass Inter Rao Kontakt aufgenommen habe. Dies liege schon länger zurück, sagen Eingeweihte bei RWE. Bei Eon heißt es, man habe sich die Pläne angehört, sei aber nicht interessiert. Neben zahlreichen praktischen Problemen - so würde der Strom im Nordosten Deutschlands ankommen, wo das Netz wegen der Windparks in der Ostsee ohnehin an der Belastungsgrenze sei - wäre es politisch heikel, russischen Atomstrom in Deutschland zu verkaufen. "Das stellt doch die Energiewende auf den Kopf", sagt ein Branchenvertreter.

Kowaltschuk lässt sich davon nicht beirren. "Ich bin mir bewusst, dass es in Deutschland Vorbehalte gegen den Import von Atomstrom gibt, dabei liefern Tschechien und Frankreich doch bereits. "In der Tat sind mit der Energiewende speziell die Atomstromimporte aus diesen beiden Staaten, die stark auf die Kernenergie setzen, gestiegen.

Inter Rao ist aber nicht nur am Export von Strom interessiert. Das Unternehmen würde auch gerne in Westeuropa investieren. "Wir schauen uns schon auf dem deutschen Markt nach Zukäufen um", sagt Kowaltschuk. Vor allem Beteiligungen an Kraftwerken sind für Inter Rao interessant. "Wir sind dabei für Partnerschaften offen." Dabei könnten die Russen etwa für die Stadtwerke, die zahlreiche Projekte in der Planung haben, ein lukrativer Partner sein. "Wir kooperieren aber auch gerne mit russischen Firmen, die den Brennstoff liefern", sagt Kowaltschuk. Inter Rao könnte sich etwa mit dem Gaskonzern Gazprom zusammentun. Der hat Deutschland ebenfalls im Visier.

Quelle:  Handelsblatt Online
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