Energiewende: Der letzte Windstoß

Energiewende: Der letzte Windstoß

, aktualisiert 18. September 2015, 18:50 Uhr
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Windstandorte im Süden der Republik bringen Betreibern deutlich geringere Erträge.

von Franz HubikQuelle:Handelsblatt Online

Windkraft boomt – selbst in den eher windarmen Regionen der Republik. Doch die Margen in Bayern oder Rheinland-Pfalz sind gering. Erste Betreiber kämpfen dort ums Überleben. Die Branche bangt um die staatliche Förderung.

HusumEigentlich müsste es den Windmüllern in der ganzen Republik blendend gehen. Schließlich war 2014 das erfolgreichste Jahr in der Geschichte der Branche – mit einem Zubau an neu installierter Leistung von 4,8 Gigawatt. Und auch 2015 läuft ziemlich gut. Die von der Bundesregierung angepeilten 2,5 Gigawatt werden wohl weit übertroffen werden. Doch von Goldrauschstimmung kann bei den meisten Unternehmen keine Rede sein. Gerade im Süden und in der Mitte der Republik ist das Geschäft zäh, die Margen gering.  

„Wir haben teils schon grenzwertige Erträge“, sagte Jörg Müller dem Handelsblatt. Der Vorstandsvorsitzende des brandenburgischen Windparkbetreibers Enertrag befürchtet, dass der Ausbau der Windenergie in vielen Regionen Süddeutschlands, in denen der Wind nicht so stark und konstant bläst wie etwa an den Küsten Schleswig-Holsteins, für die Unternehmen zum „Nullsummenspiel“ werde.

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Es waren aber just Bundesländer wie Bayern, Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz, die den Boom der Windkraft in Deutschland zuletzt kräftig anheizten. Seit 2010 hat sich die installierte Leistung an Windenergie dort verdoppelt. Und weil im Norden kaum noch gute Flächen verfügbar sind, setzt die Industrie auch künftig große Hoffnungen auf die Windmühlen im Binnenland. Allein: Es droht Ungemach. Hermann Albers, der Oberlobbyist der Branche, ist alarmiert.

„Der Süden wird kalt gestellt“, schimpfte der Chef des Bundesverbands Windenergie am Rande der gerade zu Ende gegangenen Husum-Wind, der wichtigsten Messe für den deutschen Windmarkt. Das Ausbauziel der Bundesregierung von 2,5 Gigawatt pro Jahr sei viel zu niedrig. Diese Halbierung des Marktvolumens würde den Wettbewerb um geeignete Standorte massiv erhöhen. „Die Fortführung der Windenergie in Mittel- und Süddeutschland ist so nicht zu halten“, klagte Albers.

Dabei werden Windräder im flautenträchtigen Süden der Republik schon jetzt stärker gefördert als ihre windreichen Pendants im hohen Norden. Zwar erhalten anfänglich alle Anlagen die gleiche Vergütung in der Höhe von aktuell etwa 8,9 Cent pro Kilowattstunde. Doch nach fünf Jahren sind Betreiber von Anlagen mit hohen Winderträgen bei den staatlich garantierten Subventionen im Nachteil. Ihre Fördersätze werden im schlimmsten Fall beinahe halbiert, während jene, die Windräder an Standorten mir lauen Brisen platziert haben, weiterhin die volle Vergütung einstreifen.

Das Förderregime made in Germany hat teils absurde Folgen. Um auch für windreiche Standorte möglichst lange die hohe Anfangs-Abgeltung beziehen zu können, installieren Windparkbetreiber vielfach ganz gezielt Turbinen, die weniger Ertrag bieten als der aktuelle Stand der Technik hergeben würde. „Wir verbauen die wirtschaftlichsten Turbinen – das müssen nicht immer die leistungsstärksten sein“, bestätigt der Vorstand eines börsennotierten Windstromerzeugers, der bei der Erläuterung dieser gängigen Praxis in der Windindustrie lieber anonym bleiben möchte.

„Wenn ineffiziente Standorte und ineffiziente Technologien bewusst gefördert werden, droht die Energiewende noch teurer zu werden“, kritisiert Justus Haucap. Der Düsseldorfer Wettbewerbsökonom verweist darauf, dass der Versuch, maßgeschneiderte Förderungen zu entwerfen, schon bei der Photovoltaik „grandios gescheitert“ sei. Haucap plädiert stattdessen dafür, dass sich am Markt jene Technologien und Standorte durchsetzen, die am besten für Windkraft geeignet sind.


Binnenland gegen Küste

Windkraftverbandsboss Albers befürchtet, dass dann nur noch im Norden gebaut werden würde. Es müsse aber weiterhin die Möglichkeit geben, auch im Süden und in der Mitte Deutschlands Himmelsstürmer aufzustellen. Schließlich sei die Energiewende dezentral. Und Windkraft im Schnitt günstiger als andere Formen der erneuerbaren Energien, wie Photovoltaik oder Biomasse. Doch der neueste Entwurf des Wirtschaftsministeriums zur Überarbeitung des Erneuerbaren-Energien-Gesetztes (EEG) sieht vor die Förderbedingungen für Windstandorte zu verschärfen.

Demnach sollen windschwache Standorte nicht mehr mit hundertprozentiger Sicherheit über die volle Förderperiode von 20 Jahren die hohe Anfangsvergütung erhalten, sondern etwa nur noch 18 Jahre. Windmüller Albers versteht die Welt nicht mehr. Die staatlichen Zuschüsse für Anlagen im Süden würden schon jetzt vielerorts nicht ausreichen, um die Kosten zu decken. Und dann soll es bald noch weniger Geld geben? „Das würde zu viel Druck auf die Branche ausüben“, klagt Albers. Für die Unternehmen sei das jetzt eine Frage von: „Tod oder Überleben“.

Es gehe dabei auch darum, die Akteursvielfalt aufrecht zu halten, sagt Björn Nullmeyer. Die geplante Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes könne aber zu einer „Oligopolisierung“ des Marktes führen, warnt der Vorstand der Bremer Landesbank. Weil ab 2017 die Vergütung je Kilowattstunde Windstrom nicht mehr staatlich festgesetzt, sondern mittels einer Ausschreibung im Wettbewerb ermittelt werden soll, seien milliardenschwere Energieversorger und Stadtwerke aufgrund ihrer Größe im Vorteil.

„Windkraft ist überall dort akzeptiert, wo ich die Bürger beteilige und zu Miteigentümern mache“, erläutert Nullmeyer. „Das sollten wir nicht aufs Spiel setzen.“ Bis jetzt hätten vor allem Bürgerwindparks, Kommunen, Energiegenossenschaften und kleinere und mittelständische Akteure die Energiewende vorangetrieben. Die Politik müsse dafür sorgen, dass diese wichtige Akzeptanzförderung erhalten bleibt, fordert der Vertreter des führenden Kreditinstituts bei der Finanzierung von Windprojekten am deutschen Festland.

Der kriselnde Windparkbauer Juwi aus Wöhrstedt bei Mainz, der vor allem in Mitteldeutschland Projekte realisiert, hält einen „fairen Wettbewerb zwischen den Standorten im Norden und Süden“ für unumgänglich. Doch die Branche ist gespalten. Die Kluft zwischen jenen, die im Binnenland bauen und jenen, die ihre Projekte an der Küste realisieren wird größer.

Für Günter Eschen, Vorstand des mittelständischen Windparkbetreibers Energiekontor, geht es zwar prinzipiell „in Ordnung“, dass der Ausbau im Süden stärker gefördert werde. Aber eine weitere Verschärfung der Förderbedingungen „zu Lasten der windreichen Standorte halten wir für nicht zielführend“, sagte Eschen. Er steht damit stellvertretend für viele Projektierer, deren Himmelstürmer vornehmlich in nördlichen Bundesländern wie Niedersachen oder Schleswig-Holstein zu finden sind.

Einig ist sich die Branche eigentlich nur in einem Punkt: Die Förderungen für Windkraft in Deutschland sind zu gering. Und auf gar keinen Fall dürfe der staatliche Geldregen weiter gekürzt werden. Egal ob nun im Norden oder im Süden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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