Erbsünden der Familienunternehmen: Wie große Mittelständler sich selbst zerfleischen

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Erbsünden der Familienunternehmen: Wie große Mittelständler sich selbst zerfleischen

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Zerlegen sich gegenseitig: In den Familienunternehmen Tönnies, Oetker und Coppenrath & Wiese gibt es Streit.

von Mario Brück

Bei den Vorzeigefirmen Coppenrath & Wiese, Oetker und Tönnies fetzen sich die Unternehmerclans. Auslöser sind Sünden, die Mittelständler immer wieder in Bedrängnis bringen: Machthunger, Gier, Stolz, Eifersucht.

Ihre Torten fehlen in keiner Tiefkühltruhe, ihr Puddingpulver in keinem Küchenschrank, ihre Koteletts in keiner Fleischtheke. Sie gelten als Inbegriff der Solidität erfolgreicher deutscher Familienunternehmen. Und doch droht ihnen Ungemach – durch sich selbst.

Denn wovon anonyme Aktiengesellschaften in der Regel verschont bleiben, bricht sich in den drei Unternehmen gerade auf beinahe zerstörerische Weise Bahn: der Bazillus der Blutsverwandtschaft.

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Ob beim Tiefkühltorten-Champion Coppenrath & Wiese mit Sitz im niedersächsischen Osnabrück, beim Pudding- und Pizza-Imperium Oetker im westfälischen Bielefeld oder 20 Kilometer entfernt beim deutschen Schlachtprimus Tönnies in Rheda-Wiedenbrück: In allen drei Firmen streiten sich die Familienmitglieder, die durch Erbschaft zu Unternehmern geworden sind, wie die Kesselflicker – um die Nachfolge, um die Macht oder um den Nachlass.

Gemeinsam ist ihnen nur die räumliche Nähe, die Region Ostwestfalen und das angrenzende Niedersachsen. Die ländliche Gegend stand bisher eigentlich für die stille Schaffenskraft der Provinz mit Aushängeschildern wie Haushaltsgerätehersteller Miele, Kaffeeröster Melitta oder dem Medienriesen Bertelsmann. Daraus ist durch die drei Ausreißer nun ein Pfuhl aller Sünden geworden, zu denen Familienunternehmen neigen, wenn durch Geburt Zusammengeschweißte der zersetzenden Kraft persönlicher Animositäten erliegen statt unternehmerischer Rationalität.

Tönnies: Enttäuschter Metzgersohn

Die Streithähne

Beim Schlachtriesen Tönnies in Rheda-Wiedenbrück ficht der Sohn gegen den Bruder des Firmengründers. Der Sprössling fühlt sich von dem Onkel persönlich hintergangen. Zielscheibe der Vorwürfe ist der 58-jährige Clemens Tönnies, der Chef des gleichnamigen Fleischkonzerns und im Nebenjob Boss des Fußballclubs Schalke 04. Er steht vor dem Landgericht Bielefeld, weil sein 36-jähriger Neffe Robert Tönnies sich von ihm nichts mehr gefallen lassen will. Robert ist einer von zwei Söhnen des 1994 verstorbenen Firmengründers Bernd Tönnies. Seit dessen Tod leitet sein Bruder Clemens den Konzern, der wie sein Neffe Robert 50 Prozent am Unternehmen hält. Robert hat sich Ende 2013 aus dem Tagesgeschäft verabschiedet und bombardiert seitdem seinen Onkel Clemens mit Klagen.

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Der Unternehmer Clemens Tönnies (links) schaut zu seinem Neffen Robert Tönnies Quelle: dpa

Die Streitgründe

In der Fehde der beiden geht es um nicht weniger als die Macht im größten deutschen Fleischkonzern mit mehr als 8000 Mitarbeitern und rund 5,5 Milliarden Euro Umsatz. Robert hatte Onkel Clemens 2008 fünf Prozent am Unternehmen geschenkt und ihn damit zum gleichberechtigten Miteigentümer gemacht. Das bereut Robert nun. Deshalb will er die Schenkung rückgängig machen und begründet dies, der Onkel habe sich ihm gegenüber undankbar verhalten. Die Liste der Vorwürfe reicht von übler Nachrede, arglistiger Täuschung bis zu wirtschaftlicher Schädigung. Clemens hält dagegen, sein Bruder Bernd habe ihm mehrfach vor seinem Tod die Gleichberechtigung am Konzern versprochen. Im Testament ist dies jedoch nicht erwähnt.

Die Eskalation

Aus Tönnies gegen Tönnies ist mit dem Gang vor Gericht ein öffentlicher Schlagabtausch geworden. Der Ton zwischen den Kontrahenten ist mittlerweile schärfer als ein Metzgermesser und unter der Gürtellinie angekommen. So kamen bei der Vernehmung von Zeugen pikante Details aus dem Leben des Firmengründers ans Licht, zum Beispiel eine angeblich heimliche Geliebte.

Die Entscheidung

Robert verlangt von Onkel Clemens, sich binnen weniger Monate aus dem Unternehmen zurückzuziehen. Dazu ist der aber keinesfalls bereit. Die Entscheidung fällt aber keiner der beiden Streithähne, sondern der Vorsitzende Richter der 9. Zivilkammer am Landgericht Bielefeld, Jörg Schröder. Er will am Nachmittag des 9. Februar verkünden, ob er Roberts Anfechtungsklage gegen die Schenkung folgt oder ob er erneut in eine Beweisaufnahme gehen will.

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Unifleisch Quelle: AP

Die Lösung

Bei Tönnies haben die Beteiligten „so kräftig an der Eskalationsspirale gedreht, dass es kaum noch ein Zurück gibt“, sagt Peter May, Jurist und auf Familienunternehmen spezialisierter Berater aus Bonn. May prognostiziert eine Trennung von Neffe und Onkel, „wahrscheinlich noch in diesem Jahr“. Robert könnte als Mehrheitsgesellschafter den Vorsitz in einem neu zu bildenden Unternehmensbeirat übernehmen. Clemens verlässt das Unternehmen und kümmert sich um seine privaten unternehmerischen Engagements wie die Wurstfabriken Könecke, Böklunder und Gutfried unter dem Dach der Zur-Mühlen- Gruppe. Im Tönnies-Konzern übernähme ein familienfremder Manager die Führung.

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