
München, HamburgDie Automobilindustrie teilt sich mehr denn je in Gewinner und Verlierer. Während auf Europa fokussierte Hersteller wie Fiat und Opel neue Rückschläge verkraften müssen, fahren global ausgerichtete Autokonzerne wie Hyundai aus Korea neue Rekorde ein. „Die Schuldenkrise in den südeuropäischen Ländern beschleunigt die seit Jahren wirkende schleichende Konsolidierung der Hersteller. Die Zweiteilung der europäischen Automobilindustrie in Gewinner und Verlierer verschärft sich“, sagte Stefan Bratzel, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach, dem Handelsblatt.
Lief der Absatz zu Beginn des Jahres ohnehin schon schlecht, so kommt der Mai schlicht einer Katastrophe gleich. Um 8,7 Prozent brachen die Verkäufe in der EU zum Vorjahr ein. Das ist der achte Minusmonat in Folge.
Dabei gilt der Mai auch in der Autoindustrie eigentlich als „Wonnemonat“. In guten Jahren werden dann die Höfe geräumt. 2011 rettete sich die Industrie mit 7,4 Prozent Zuwachs in den Sommer.
Nicht so in diesem Jahr: Seit Januar wurden in Frankreich 17 Prozent weniger Autos verkauft, Italien ist mit über 19 Prozent im Minus, der Absatz in Griechenland brach um 40 Prozent ein. Sogar Deutschland, bisher stabil, liegt im Mai mit fast fünf Prozent im Minus. „Es ist noch schlimmer gekommen als gedacht“, sagt Arndt Ellinghorst von der Credit Suisse. „Es ist durchaus möglich, dass der europäische Markt 2012 um acht bis zehn Prozent schrumpft.“ Zu Jahresbeginn gingen Branchenkenner von minus vier bis minus fünf Prozent aus.
Die europäische Autoindustrie sitzt in der Falle. Euro-Krise und Rezession in Südeuropa reißen die Märkte nach unten. Dazu kommen hausgemachte Probleme. Überkapazitäten von bis zu 30 Prozent vermutet die von der EU eingesetzte Expertengruppe „Cars 21“ unter Europas Herstellern. „Mindestens fünf Fabriken sind auf Dauer überflüssig“, sagt Bratzel.
Krampfhaft versuchen die Hersteller, ihre Marktanteile zu halten - in der Hoffnung, dass die Konkurrenz aufgeben muss. „Die massiven Überkapazitäten führen gerade im Klein- und Kompaktsegment zu einem enormen Preiswettbewerb, den manche Hersteller auf Dauer nicht durchhalten können“, sagt Bratzel. Volumenhersteller wie Fiat, Opel und PSA (Peugeot, Citroën) stünden zunehmend ohne Volumen dar. Das Fundament ihres Geschäftsmodells zerbrösele.
Globale Konkurrenz wird immer stärker
Doch eine Marktbereinigung lässt bisher auf sich warten. Beispiel Opel: In den ersten fünf Monaten des Jahres brach der Absatz erneut um 15,6 Prozent ein. Doch obwohl die Traditionsmarke weiter tiefrote Zahlen schreibt, bekräftigte die Tochter des US-Konzerns General Motors vergangene Woche die Standortgarantie für ihr Werk in Bochum. Sie gilt allerdings nur bis 2016. In Bochum kam es am Samstag auf einer Betriebsversammlung zum Eklat. Aus Protest hätten 2000 Mitarbeiter die Versammlung vor der geplanten Vorstandsrede verlassen, sagte der Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel. Die Belegschaft habe vom Management eine Zusage für eine Weiterführung des Werks nach 2016 erwartet.
Finster sieht es auch für die Franzosen aus. Renault hat seit Jahresbeginn fast 20 Prozent, PSA 15 Prozent Absatz verloren. Jenseits des Rheins verfällt man in altbekannte Reflexe: Erst vergangene Woche stellte Renault eine Anfrage auf Staatshilfen bei der neuen sozialistischen Regierung.
Wehmütig erinnern sich Automanager an die Konjunkturhilfen in der letzten Krise: 30 Milliarden Euro spendierten europäische Regierungen 2008 und 2009 für Abwrackprämien und Notkredite. Angepasst oder geschrumpft wurde nichts. Das rächt sich jetzt.
Auch Fiat trommelt nach staatlichen Hilfen. Mit 273 Millionen Euro schrieb das Europageschäft im ersten Quartal tiefrote Zahlen, nur die hohen Gewinne von Chrysler, der zu 60 Prozent zum Konzern gehört, halten Fiat noch in den schwarzen Zahlen. Fiat-Chef Sergio Marchionne sieht dennoch die Politik in der Pflicht: Erst forderte er von der EU-Kommission Geld für die Schließung von Werken, dann verlangte er Einfuhrzölle für asiatische Konkurrenten. An der dramatischen Lage von Fiat ändert das nichts: Am Freitag kürzte das Haus seine Europa-Investitionen um 500 Millionen Euro.
Die global orientierte Konkurrenz wird derweil immer stärker. Der koreanische Hersteller Hyundai erhöht die Produktion in Tschechien gar um 20 Prozent auf 300.000 Fahrzeuge. Mit der auf 200.000 Autos verdoppelten Kapazität in der Türkei hat Hyundai bis Ende 2013 die Möglichkeit, eine halbe Million Fahrzeuge in Europa abzusetzen, so die „Automotive News Europe“.
Und selbst Europas Marktführer VW schaut immer genauer auf die aggressiven Koreaner. Weltweit wächst VW ungebrochen, steigerte den Absatz in diesem Jahr um 8,4 Prozent. Doch besonders die spanische Tochter Seat leidet mit einem Minus von 15 Prozent im Mai unter der Misere in Europa. Hyundai und die Schwestermarke Kia haben Seat bereits abgehängt.
























