Wie gefährlich sind gefälschte Medikamente?

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Faktencheck: Wie gefährlich sind gefälschte Medikamente?

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Wie gefährlich gefälschte Medikamente sind, zeigt der Faktencheck.

von Jürgen Salz

In dem Wirtschaftsthriller „Gift“ geht es um ein brisantes Thema: gefälschte Medikamente. Wie gefährlich sind Pillen-Fälschungen? Wer ist schuld? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Jeder ist vermutlich irgendwann einmal auf Medikamente angewiesen – in der Hoffnung, dass diese wirklich in Ordnung sind. Nun gibt es aber auch einen schwunghaften Handel mit gefälschten Präparaten, die im schlimmsten Fall sogar tödlich sein können – darum geht es im Film „Gift“, der an diesem Mittwoch im Ersten zu sehen ist – unter anderem mit Maria Furtwängler und Heiner Lauterbach. Im Anschluss daran läuft die Dokumentation „Gefährliche Medikamente – gepanscht, gestreckt, gefälscht“.

In dem fiktiven Szenario mit einem Pharmakonzern, Großhändler, Bank und Interpol-Agentin wäscht eine Hand die andere: Lobbyisten, Banker, Hersteller, Händler, Ermittler – irgendwie hängt alles mit allem zusammen, und alle kommen auf ihre Kosten. Nur für die Patienten gilt das nicht.

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Der Autor und Regisseur Daniel Harrich (33) hat mit seinen Filmen zum Oktoberfestattentat („Der blinde Fleck“, 2013) und zum Handel mit Kriegswaffen („Meister des Todes“, 2015) bereits für viel Aufsehen und Denkanstöße gesorgt. Doch wie nahe kommt hier die Fiktion der Realität? Welches Ausmaß haben gefälschte Medikamente wirklich? Und wie gefährlich sind sie? Fünf Fragen und Antworten zu einem wichtigen Thema.

Wie viele Arzneimittel sind gefälscht?

Nach früheren Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stehen weltweit etwa 15 Prozent der Medikamente unter Fälschungsverdacht. Besonders betroffen sind Länder in Afrika und Asien. Der Umsatz mit gefälschten, minderwertigen und illegalen Präparaten soll bei 430 Milliarden US-Dollar im Jahr liegen. Gefälscht wird alles, was lukrativ ist – darunter Lifestyle-Präparate wie Potenz- oder Schlankheitspillen. Weltweit sind Antiinfektiva am häufigsten von Fälschungen betroffen.



Wie stark ist Deutschland betroffen?

Nach früheren Angaben der WHO lag der Anteil gefälschter Medikamente in Deutschland bei etwa einem Prozent. Vor etwa drei Jahren tauchten Fälschungen der Krebsmittel Avastin (von Roche) und Sutent (Pfizer) sowie des Hepatitis-Präparats Pegasys (Roche) in deutschen Apotheken auf. Die gefälschte Ware war offensichtlich über osteuropäische Zwischenhändler in die Vertriebskette geraten. Im vergangenen Jahr riefen Medikamenten-Hersteller Antibabypillen aus den Apotheken zurück – wegen des Verdachts auf Fälschungen.

Wo kommen die Fälschungen her?

Es gibt organisierte Banden, etwa in Italien und Osteuropa, die sich auf das Geschäft spezialisiert haben. Medikamente sind handlich, leicht zu transportieren und bringen den Kriminellen hohe Gewinnmargen. So stahlen Unbekannte etwa 2014 Zehntausende Medikamente aus italienischen Kliniken. Über dubiose Zwischenhändler in Osteuropa gelangten die Arzneimittel dann – teilweise manipuliert – nach Deutschland.

Das größte Einfallstor für gefälschte Medikamente ist nach wie vor das Internet. Immer noch bestellen Zehntausende Deutsche Arzneimittel, auch verschreibungspflichtige Präparate, arglos im Netz. Und auch dort sind organisierte Banden aktiv. Anfang dieses Jahres wurden etwa die Hintermänner des sogenannten „Pillendienstes“ vom Landgericht Potsdam zu Haftstrafen verurteilt. Insbesondere mit Potenz- und Schlankheitspillen erwirtschaftete die Gruppe zwischen 2008 und 2011 einen Umsatz zwischen 21 und 30 Millionen Euro. Hergestellt wurden die Mittel im asiatischen Raum, die Vertriebswege liefen über Osteuropa bis nach Deutschland. Der Versand erfolgte per Post, bezahlt wurde mit Kreditkarte oder via Banküberweisung. Die Täter waren professionell organisier: Am „Pillendienst“ waren etwa 600 Personen beteiligt – etwa als Logistiker, Webdesigner oder Programmierer.

Gefälschte Medikamente Apotheken im Visier der Pillen-Mafia

Bisher waren gefälschte Medikamente die Domäne dubioser Online-Anbieter, nun tauchen gestreckte und manipulierte Präparate zunehmend in der Apotheke auf. Für die Kriminellen sind die Gewinne höher als im Drogenhandel.

Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche

Wie gefährlich sind die Fälschungen?

Im günstigsten Fall bleibt der therapeutische Nutzen aus. Dann fehlt dem Medikament der Wirkstoff oder die Betrüger haben ihn gepanscht und gestreckt. Noch krimineller wird es, wenn ein falscher Wirkstoff verwendet wird oder der angebliche Wirkstoff aus gefährlichen Lösungsmitteln oder Substanzen wie Backpulver, Kreide oder Sägemehl zusammengemischt wurde. Fälschungen können Verunreinigungen erhalten oder mit Schadstoffen und Keimen kontaminiert sein. Medikamenten-Fälschungen können die Gesundheit gefährden, Allergien auslösen oder auch zum Tode führen.

Eine deutsche Patientin, die das gefälschte Hepatitis-Medikament Pegasys verwendete, klagte danach über Schwellungen im Oberarm. Oft bleiben Fälschungen auch unentdeckt, weil die Patienten keinen Verdacht schöpfen. Dass nicht jedes Medikament wirkt und dass auch Nebenwirkungen auftreten, ist schließlich normal. Als gefälscht gilt ein Arzneimittel zudem auch, wenn lediglich die Packung verändert oder der legale Vertriebsweg, etwa über Großhandel, Apotheke und legale Internetanbieter nicht eingehalten wurde.

Was macht die Pharmaindustrie dagegen?

Medikamenten-Hersteller überwachen ihre Zulieferer, prüfen die Echtheit von Zulieferungen und treiben einen hohen Aufwand bei der Qualitätssicherung. Doch einen absoluten Schutz gegen kriminelle Machenschaften gibt es wohl nicht. Ab Februar 2019 soll der Schutz von Medikamenten noch einmal erhöht werden. Dann erhalten alle verschreibungspflichtigen Arzneimittel etwa eine packungsindividuelle Seriennummer. Bei der Abgabe in der Apotheke soll dann verifiziert werden, dass die jeweilige Packung vom Hersteller produziert und abgegeben wurde.

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