Fipronil-Skandal: Ein Problem, das sich wiederholen könnte

Fipronil-Skandal: „Nur mit Seifenlauge lassen sich die Erreger nicht bekämpfen“

, aktualisiert 08. August 2017, 09:51 Uhr

Es ist ein Skandal: In Legehennen-Betrieben kam ein sehr effektives Desinfektionsmittel zum Einsatz - das enthielt jedoch das verbotene Fipronil. Ein Problem, das sich wiederholen könnte, warnen Experten.

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Mehr als hundert niederländische Legehennen-Betriebe verwendeten gegen eine Milben-Plage ein Desinfektionsmittel, das Fipronil enthielt.

In Hühnerställen fühlt sich die Rote Vogelmilbe so richtig wohl. Die winzigen Ritzen, die Enge, die wohlige Wärme: „Hier finden ihre Eier optimale Verhältnisse“, erklärt Michael Lohse vom Deutschen Bauernverband. Der kleine Parasit macht der Branche gerade großen Ärger. Mehr als hundert niederländische Betriebe verwendeten gegen die Milben-Plage ein Desinfektionsmittel, das den giftigen Wirkstoff Fipronil enthält. Millionen Eier mussten entsorgt werden, ein Ende des Skandals ist nicht absehbar.

Der Eier-Markt in Deutschland

  • Wie viele Eier essen die Deutschen?

    2016 aß der Durchschnittsdeutsche nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung 235 Eiern. Ein Jahr zuvor waren es noch 232. Das macht insgesamt 19,2 Milliarden Eier.

  • Wie viele Eier werden in Deutschland produziert?

    Deutsche Hennen legten im Jahr 2016 14,3 Milliarden Eier.

  • Wie stark sind Eier von der Inflation betroffen?

    Nach Angaben des statistischen Bundesamts ist der Preis für Eier seit Dezember 2015 um 7 Prozent gestiegen.

  • Deckt die deutsche Eierproduktion die Nachfrage?

    Die heimische Produktion deckt rund 70 Prozent der Eiernachfrage in Deutschland ab. Die restlichen 30 Prozent müssen importiert werden.

Die Verbraucher sind verunsichert, auch deutsche Legehennen-Betriebe stehen unter Verdacht. Im niedersächsischen Landkreis Grafschaft Bentheim musste ein Landwirt Hunderttausende Eier vernichten. Weitere Verdachtsfälle bei Betrieben nahe der niederländischen Grenze hätten sich bislang nicht bestätigt, sagte ein Sprecher des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums auf Anfrage der WirtschaftsWoche. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg wiederum teilte später mit, dass sie ein Ermittlungsverfahren gegen niedersächsische Landwirte eingeleitet hat.

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Ursache des Skandals ist ein Desinfektionsmittel namens Dega-16. Dabei handelt es sich um ein pflanzliches Mittel mit ätherischen Ölen, dem das in der Landwirtschaft verbotene Insektengift Fipronil beigemischt wurde. Ein niederländisches Dienstleistungsunternehmen hatte es vor einigen Wochen bei dem betroffenen niedersächsischen Betrieb eingesetzt. „Diese Mittel werden von den Behörden geprüft. Unsere Bauern müssen sich darauf verlassen können, dass die dann auch in Ordnung sind“, sagt Branchenvertreter Lohse.

Fipronil-Skandal Das hat es mit dem Pestizid auf sich

Fipronil ist aufgrund verseuchter Eier aus den Niederlanden gerade in aller Munde. Eigentlich wird das Mittel weltweit in der Tiermedizin eingesetzt. Die Rechte an dem Produkt liegen bei einem deutschen Konzern.

Mehrere Supermärkte schränken den Verkauf von Eiern aus Sorge vor Fipronil ein. Quelle: dpa

Kritiker wie der Naturschutzbund Deutschland (NABU) sehen in der Agrarförderung der EU den Nährboden für die Manipulationen. Es gelte, möglichst viel möglichst günstig zu produzieren. „Daher ist die Versuchung grundsätzlich groß, zu kritischen und mitunter illegalen Mitteln zu greifen und so die Produktion bis zum Maximum auszureizen“, prangerte NABU-Geschäftsführer Leif Miller an.

Der Kostendruck macht keinen Halt vor der Hygiene. Einmal im Jahr müssen Legehennen-Betriebe von Grund auf gereinigt werden. Das geschieht nach dem „Rein-Raus-Prinzip“: Der Stall wird vollständig geleert, ausgemistet, nass gereinigt und getrocknet. Erst dann kann desinfiziert werden. Zusätzlich wird zum Abschluss im leeren Stall häufig flüssiges Silikat aufgetragen, das die Milben vertrocknen lässt. Hundertprozentig sauber ist es aber auch dann nie im Stall, warnen Experten. Schädlinge wie die Rote Vogelmilbe sind hartnäckig – und speziell im Sommer breitet sie sich rasch wieder aus. Es bleibt ein ungelöstes Problem.

Fipronil-Skandal Auch Amazon stoppte am Wochenende den Eier-Verkauf

Im Skandal um giftbelastete Eier verkauft nun auch der Online-Händler Amazon keine Eier mehr, berichtet die WirtschaftsWoche.

Millionen mit dem Insektizid Fipronil belastete Eier wurden inzwischen aus dem Handel genommen. Jetzt reagiert auch Amazon. Quelle: dpa

Umso wichtiger ist ein effizient wirkendes Desinfektionsmittel. Experten warnen, dass Milben mittlerweile resistent gegen die gängigen Reinigungsprodukte sind. Umso wichtiger ist daher die Entwicklung neuer Insektizide. Die haben jedoch oft ihren Preis. Der Grund, warum ausgerechnet das niederländische Präparat Dega-16 so wirkungsvoll war, ist nun auch klar: Fipronil. „Vielleicht hätte zumindest ein Biolandwirt da stutzig werden können“, bemerkte etwa Baden-Württembergs Agrarminister Peter Hauk (CDU).

Tatsächlich gelten für Eier aus Bio-Haltung auch bei der Hygiene besondere Standards. Zugelassen sind nur Desinfektionsmittel, die in der Öko-Verordnung der Europäischen Union aufgeführt sind. Vor kriminellen Machenschaften schützt aber auch das die Betriebe nicht. Denn auf Desinfektionsmittel kann ab einer gewissen Betriebsgröße auch kein Bio-Landwirt verzichten. „Nur mit Hochdruckreiniger und Seifenlauge lassen sich die Erreger nicht bekämpfen“, sagt Michael Lohse vom Bauernverband.

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